Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 25 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063699--08540-3075715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sir. 25. Die Wahrheit ©eite 5. hat, erwartet inan Zustimmung und bestünde sie-'auch mit i in einem beifälligen Kopfnicken. Ich resümierte daher meine! Aeußerung, doch mein neugewonnener Freund blieb [tumm. Da ahnte ich den Sachverhalt und fragte: .;Ach, Sie werden wahrscheinlich durch eine religiöse, ethische Vorschrift abgehalten, einem Nebenmenschen Uebles nachzureden?" - „Ja. es ist das ^I^08db6v das dies verbietet", erwiderte er, „wir Haben zu -wenig Einblick in die inneren und äußeren Verhältnisse eines Menschen und wir können folglich kein vorschnelles, liebloses Urteil über ihn abgeben." So schieden wir, ich mit dem Versprechen, ihn zu besuchen, sollte ich je Preßburg passieren. Ich will noch hinznfügen, was ich vergessen habe, zu bemerken: seine wirtschaftliche Lage ist leider nicht die glänzendste und zwar gerade wegen peinlicher Beobachtung der Sabbathruhe, wegen rigorosester Gewissenhaftigkeit in Handel und Wandel. Es wäre müßig, darüber zu spintisieren» ob die hohe, ethische Stufe, auf der sich mein wackerer Freund befindet, aus seiner Religiosität hervorgehe oder ob umgekehrt, die ihm vielleicht angeborene Moralität das Agens der Gläubigkeit bilde. Beides, Ethos und Religion, sind bei ihm ein organisches Ganzes, stehen im Verhältnis der Wechselwirkung zu einander. Eines ist gewiß: so lange es noch solche Menschen gibt, braucht man nicht die Beute des extremeu Pessimismus zu werden und noch eines scheint mir mit nicht geringerer Gewißheit als Lehre daraus hervorzugehen: die Notwendigkeit einer religiösen, hier natürlich einer religiös-jüdischen Erziehung. Wäre mein Geist nicht schon zu steif und unelastisch, nicht schon zu lange eingezwängt in die Schnürschuhe der,' Philosophie, rannte ein böser Dämon mir nicht gleichsam als Quintessenz des Skeptizismus ein der klassischen spätrömischen Philosophie zugehöriges Wort zu, ich würde dir noch heute Nachfolgen, ans deiner Bahn, du, Mann Gottes aus Preßburg. Dieses mich hypnotisierende, lähmende Wort aber lautet: Libenter homines id,quod volunt, credimt. Gerne glauben die Menschen das, was sie wollen (wünschen). Der große Brite drückt dies anders ans, er spricht vom Wunsche als dem Vater des Gedankens. So stehe ich denn wie Iphigenie an den Gestaden des unwirtlichen Kolchis, 'das Land der Griechen mit der Seele suchend, oder bezeichnender, wie Moses auf dem Nebo ins gelobte Land hiuüberschauend, das ich nie betreten werde, allein um mit Freude derer zn gedenken,, die darin Hausen und derer, die dereinst es erobern werden. S. Vin-eta. Die Antijemiten nnd das lUgiernngsjnliiliinm des deutsch e» Kaisers. Die Blätter der spezifisch antisemitischen Parteirichtnngen sind die einzigen in der gesamten deutschen Presse, die dem Regiernngsjnbiläum mit prononzierter Gleichgültigkeit, wenn nicht mit eisiger Kälte gegenüberstehen. Selbst die sozialdemokratische Presse besitzt Selbstdisziplin genug, dem Jubiläum eine menschlich ^freundliche Seite abzngewinnen und die temperamentvollen Kampfansagen des Kaisers gegen die Partei nicht der Person des Monarchen zur Last zn legen, sondern sie aus der Atmosphäre eines hochgespannten cäsaristischen Selbstgefühls und der Theorie des Gottesgnadentums zu erklären. Freilich ist die frostige Zurückhaltung und das grollende Beiseitestehen der Antisemiten ja einigermaßen erklärlich. Hatten sie doch bei seinem Regierungsantritt sich der stillen Hoffnung hingegeben, daß das nenänfgehende Gestirn am Hohenzolleruhimmel eine neue Aera des Antisemitismus eiuleiteu werde. Das ist nun freilich nicht der Fall gewesen. Der Sohn Kaiser- Friedrichs HI. hat sich von den Propheten des Rassenhasses nicht in das Schlepptau nehmen lassen, sondern ist den toleranten Anschauungen seiner Vorfahren treu geblieben. Daher jetzt der grimmige Haß der. schwer Enttäuschten. Wohl kaum ein Monarch ist in diesen 25.Jahren so rüden Angriffen und groben Beschimpfungen ans dem antisemitischen Lager ausgesetzt gewesen, wie Wilhelm H. Die einzelnen anti» semitischen Parteischattiernngen wetteifern förmlich in dem Bestreben, den Monarchen durch höhnische Bemerkungen über seinen gesellschaftlichen Verkehr oder durch Anzweifelungen seiner deutschen Gesinnung zn verletzen. Selbst in dem „Vater des Antisemitismus", dem allerchristlichsten Hosprediger Stöcker, war der antisemitische Demagoge von jeher mächtiger als der Monarchist. Er hatte sogar von dem Kaiser, nachdem das ominöse Wort „christlichsozial' ist Unsinn" gefallen war,, unverblümt eine öffentliche Ehrenerklärung in aller Form verlangt. In einem allerdings nicht abgesandten Schreiben au den Kaiser beschuldigte er ihn sogar, seine Ehre angelastet zn haben. Den gekrönten Urheber des Wortes von der „Schmach des Jahrhunderts" verfolgte er mit seinem nnchristlicben Hasse bis über das Grab hinaus. Da er gegen ihn nicht öffentlich zn polemisieren wagte, erzählte er in seinen Erinnerungen mit sichtlichem Behagen, daß die Schlacht bei Wörth gegen den Willen des Kronprinzen, der das Oberkommando führte und den Befehl znm Abbruch des Gefechtes gegeben hatte, von dem General von Kirchbach siegreich zn Ende geführt worden ist. Der Führer der dentschsozialen Antisemiten, Herr L i e b e r ni a n ti von S o n n e n b e r g, hat bekanntlich bei den Kaiserinterwiewdebatteu im Reichstage (1908) behauptet, daß „der Kaiser nicht in jedem Augenblicke deutsch denkt und deutsch fühlt", und sein Leibblatt, die „Deutschsozialen Blätter", übertrumpften diese Beleidigung noch durch die Behauptung, daß man aus dem Erstaunen „bald zur Entrüstung nnd schließlich zur Verachtung gelangen werde." Mit deutlichem Hinweis auf Kaiser Wilhelm II. hat dasselbe antisemitische Blatt die Könige als „die manchmal erfolgreichsten Zerstörer der monarchischen Gedankens" bezeichnet und gelegentlich durchbacken lassen, daß eine etwaige revolutionäre Umwälzung in Deutschland einzig und allein durch den Kaiser heransbeschworen würde. Ein deutschsoziales Blatt ging gar so weit, die geistige Dispositionsfähigkeit des Monarchen anzuzweifeln. Das führende Antisemitenblatt in Hessen drohte damit, ' seine monarchischen Gefühle einer Revision zn unterziehen. Die Presse der antisemitischen Reformpartei hieb in dieselbe Kerbe. Als in der Konitzaffaire das Gnadengesuch des Herrn B r n h n abgelehnt wurde, veröffentlichte sein Blatt, die „Staatsbürger-Zeitung", einen giftgeschwollenen Artikel gegen den Monarchen, „der zurzeit nicht gewillt ist, mit den Parteien zn gehen, die sich als national bezeichnen". Der „Hammer" des Herrn Th. Fritsch hat einmal elegische Betrachtungen angeftellt, wer dem letzten Hohenzollern das letzte Geleit geben werde, und dabei das Gespenst der Revolution herausbeschworen : „Wird es das Geleit zum Reisewagen sein oder das Geleit an jenen Wagen, ans welchem Ludwig XVI. auf seine letzte Reise geschickt wurde?" Herr Max Bewe r, der jetzt znr Feier des Regierungsjnbilänms des Kaisers in den „Deutschsozialen Blättern" einen Hymnus — auf Bismarck anstimmt, hat in seiner Broschüre „Wilhelm II. und Alexander Hl. in zarter Weise — angeblich als Auffassung Petersburger Kreise — angedentet, daß Wilhelm II. „durch fortgesetzte „Judaineinspritzungen" in dieselbe seelische, politische und ökonomische Lähmung versetzt werden könnte, wie sein unglücklicher Vater". Die „Thüringische Landes-Zeitung", das Hauptorgan der thüringischen Antisemiten und Bündler, hatte im Jabre 1911 nahezu jede Hoffnung anfgegeben, „daß unter der Regierung des jetzigen Kaisers noch einmal Mannhaftigkeit, schlichter Gradsinn und Ablehnung alles volkswidrigen Wesens an unseren oberen Stellen die Ideale werden könnten, aus denen sich die deutsche Tat baut". Wir wollen es mit dieser kleinen Blütenlese bewenden lassen, da die Tatsache der grimmigen Abneigung der Antisemiten gegen den Kaiser außer jeden Zweifel steht. Das Einzige. was die Antisemiten an diesem Jubel- und Ehrentage des Monarchen für ihn übrig haben, ist — eine Fürbitte für den Kaiser, so wie für einen hartnäckigen Sünder vom Himmel die Besserung und innere Einkehr erfleht wird. „Darum Deutsche, laßt uns zn des Kaisers Jubelfeier beten" — so schließt Ph^ Staufs in der Korrespondenz des „Verbandes gegen die