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Die Wahrheit · 1913-06-27 · Heft 25 (27.6.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 25 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die sonders nach jüdischen Begriffen, ein ^..Frevel". und darf von aufrechten Juden nicht konzessioniert werden!- Der Jude hat mehr Ursache als jeder andere Staatsbürger, alles zn unternehmen, damit die prachtvollen Staatsgrundgesetze in. Oesterreich , auch wahr werden, nach denen v o r de in G e s e tz e a l l e Staatsbürger gleich sind.. Es ist übrigens zn hoffen, daß das Duell, welches in unsere Zeit so paßt, wie die Faust aufs Auge, leine lange Lebensdauer mehr besitzt. In der demokratischen Gegenwart besitzen derartige exklusive und veraltete Einrichtungen kerne Existenzberechtigung mehr. R. L. Das orthodoxe Indentmn. . Ich hätte die folgenden Zeilen auch mit „Budapester Reise" überschreiben können, wie ich dies in diesem Blatte schon zweimal getan. Da meine Ausbeute an spezifisch ungarischen Verhältnissen aber diesmal gleich Null war, wähle ich notgedrungen das kleinere Uebel. und damit den obigen Titel, obwohl er zu prätenziös ist, da im folgenden nur Streiflichter, auf das orthodoxe Judentum fallen, eine vollständige Beleuchtung dieses Themas jedoch fehlt. Was ist doch eine Reise für ein eigentümlich Ding! Und. ginge sie auch nicht-über Länder und Meere, wäre ihr Ziel nur das nachbarliche Grenzland, stets weitet sie mit dem äußeren auch den inneren Horizont,, zumal wenn man das. Glück hat, an einem schönen Frühlingstag donauabwärls ins Ungarland zu fahren. Wir seßhaften Leute, besonders wir Großstädter sind alle entsetzliche Philister. Wie schwer entspinnt sich im Weichbild der Stadt in Gärten und Anlagen ein Gespräch zwischen Unbekannten, ein Austausch der Meinungen und Ansichten. Indischer Kastengeist ist es, der 'mit seinem unsichtbaren, erstarrenden Hauche auch in Europa, in diesem sich überlegen dünkenden Erdteil, die Blüte schöner menschlicher Geselligkeit nicht zur Entfaltung kommen läßt. Wer weiß, wer da ans dem Sesselneben mir sitzt, denkt knurrend A., ist er sozial höher gestellt, wird er eine Annäherung aufdringlich nennen, steht er unter mir und zahlt etwa um 50 Kronen - jährlicher Miete weniger als ich, no. das wär mir noch lieber, mich einem solchen znzngesellen, lieber nicht, und B. denkt sich brummend genan das Nämliche, man denke! Aber wenn dieselben Philister zum fahrenden Volke werden, verwandeln sie sich wie die Unholde des Märchens in liebenswürdige Prinzen, oder um demokratischer zu reden, sie sind vom weichen,, anmutigen Hauche . des nomadisierenden Zigeuners, des Bohems umflossen. A. und B. sind plötzlich zu Halbgenies metamorphosiert, jedenfalls zn Genies des geistreichen Dialogs und witziger Causerie. Im Abteil eines Eisenbahnwagens, wo die Menge der Reisenden eingeschachtelt, eingezwängt und der Bewegungsfreiheit beraubt wird, wo sie gleichsam Schüblingen gleicht, kommt ein Gespräch noch schrverer in Gang. Auf dem Schiffe aber dafür! Wie die Wellen des mächtigen Stromes in- und durch-, über- und untereinander fluten, also bildet auch der ungehemmt wogende Menschenstrom ein organisches Ganzes, dessen Teile sich lebhaft und vielfach berühren. Wie ferner die Gegensätze, warme Sonne und feuchte Wasserkühle harmonisch in einer höheren Einheit verschmelzen, so artet auch die Konversation der einzelnen Gruppen, mag .sie auch dialektisch oder Disput sein, nie in wüsten Streit aus, nie in Vernachlässigung parlamentarischer Formen. Ich könnte also keine Rechenschaft geben darüber, wie ich zum debattierenden Mitglied eines vierköpsigen Vereines geworden war. der sich aus einem Japaner, einem strenggläubigen Preßburger Inden, einem Budapester materialistisch und naturwissenschaftlich angehauchten, jedoch halbgebildeten Glanbensbruder und endlich ans meiner Wenigkeit zusammensetzte. Ich hatte zunächst das Vergnügen, beim Japaner zwei Rasseeigentümlichkeiten zu bewundern und bestätigt zu finden, wovon so viel die Rede ist: ferne ungemein wohltuend berührende Höflichkeit und Bescheidenheit; das berühmte freundliche japanische Lächeln nicht zu vergessen. Da er das Deutsche nur radebrechte, Wahrheit. Nr. 25. mußte ich häufig englische Brocken in die Konversation einstreuen. Eine.-Tokioer Zeitung ermöglicht ihm einen dreijährigen Auf-. enthalt in Oesterr'eich-Ungarn. um Land und Leute ans eigener Anschauungzii studieren. ' Er ist. zu uns gekommen, um von uns zu lernen, er, das bescheidene, fast demütige Mitglied eines Volkes, das. den russischen Koloß niedergezwungen. Viel eher sollten wir zu ihm in die Schule gehen, besonders nötig hätte es der Pester Jude gehabt, dies zu tun. ' Er, der arrogante, selbstbewußte Widerpart des Japaners halte es vornehmlich auf den Preßburger abgesehen. Auf dessen Religiosität richteten sich j die Spottpfeile des ungarischen Naturwissenschaftlers. Ich ließ ihn anfänglich gewähren. Ich stehe, wenn auch über dem Parteienge'zänke^ doch nm einige Bogenminiuen entfernt vom religiösen Lager, trotzdem ich selbst einen gelehrten, strenggläubigen Großvater gehabt habe, der von Alt und Jung, Jude und Christ im Städtchen hochgeachtet war, ich also Gelegenheit hatte, das neutestamentliche „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" auf ihn und seine Orthodoxie anznwenden. Wo wäre dann Aber das so oft sich offenbarende Gesetz von der Bipolarität geblieben? Ach und diese Eindrücke einer , früheren Jugendzeit sind schon leider verblaßt und verschwommen, teilweise verdrängt durch die Worte Nietzsches, die mit dem Reiz der paradoxen Neuheit und Frische in meinen Ohren wiedertönen: Wenn ich einem Religiösen die: Hand reiche, so muß ich sie hernach waschen. Spricht nicht übrigens auch Jesaia zornig und verächtlich über-die Werkheiligke.it? Desungeachtet verdroß mich die Selbstsicherheit des Pesters, wohingegen der konziliante Ton des Preßburgers sich vorteilhaft davon unterschied. Ich jagte, jenen deshalb in die.Enge, machte ihn in seiner Selbstsicherheit wankend und vervollständigte meinen Sieg, indem ich so schweres Geschütz äuffahren ließ, daß die Idylle der Wassersahrt sich dadurch beinahe getrübt Hätte. Der Geschlagene zog sich mit dem Japaner etwas mißmutig zurück, ich blieb mit dem Preßburger allein. Eine der stärksten Sensationen, die ich je erlebt, sollte damit ihren Anfang nehmen. Ich fand in dein anspruchslosen Manne mir gegenüber beinaheein verkörpertes Ideal, eme unendliche Zartheit der Gesinnung, eine ungeahnte Feinheit der Seelenbesaitung. Alles, was ich Rühmenswertes von ihm sagen kann, verhält.sich zu ihm,' wie das Kerzenlicht zur Sonne. Ich bin stolz darauf, daß sich mir sein Herz in kurzer Zeit erschloß, daß er mir freimütig zwar, doch mit edlem Anstand völligen Einblick in seine, privaten Umstände verstattete, daß wir so verkehrten, als wären wir. alte, vertraute Frennde. Es gibt kein mosaisches oder rabbiuisches Gebot, kein Verbot, daß er außer acht ließe. Er lebt und webt in dieser Atmosphäre, er trägt die ungeheure quantitative Last der mosaischen Vorschriften, von der der Heidenapostel Paulus seine Anhänger triumphierend befreite/ spielend leicht,' und wohlgemerkt, vermehrt nm die seither hinzugekommenen Satzungen. Es geht ihm damit so, wie uns mit dem kolossalen Druck der uns umgebenden Luft, den wir gar nicht wahrnehmen. Dabei ist nichts Fanatisches in seinem Wesen, dieses ist von schönster Duldung Andersdenkender erfüllt. Ecce homo! Oder wie Napoleon zu seiner Umgebung, auf Goethe deutend, rief: Seht, das ist ein Mensch. Älter Diogenes, wie schade, daß du schon so lange tot bist und erloschen, du und deine Lampe, mit der du auf offenem Markte bei Tage einen Menschen suchtest undnicht fandest, ich hätte dir einen gewiesen auf den Wellen des alten Danubius, du hättest deine Lampe fortwerfen können. -; Aus der Fülle meines Materials sei nur ein einziger Zug wiedergegeben, ein leiser Pinselstrich in seinem S.eelengemälde, aus dem ein kundiges Äuge aber sich vielleicht am besten das Ganze konstruieren kann. „Ihr atheistischer Gegner", sagte ich zn ihm, „ist ein eigentümlicher Mensch. Er fährt wohl gleich mir in der II. Klasse, aber zn Mittag sparte er so mit dem Gelde, daß er sich, nur Suppe und Bier bestellte. Er war daher gezwungen, mich zu bitten, ihm von meinem mitgebrachten Mundvorrat mitznteilen. Sie hat er ja anch ganz ungeniert um eine Zigarre angesprocheu. Wäre es nicht klüger von dem Menschen, lieber dritter Klasse zu fahren, dafür aber der Notwendigkeiteines parasitären. Verhaltens überhoben zn-sein. Wenn mau etwas Medisantes gesprochen

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