Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit - Nr, 24. einigen Jahren lebt er in pem Hause seiner Tochter, die ihm wiederholt die Versicherung gab, Laß -sie verläßlich koschere Küche führe. Er ist sehrreligiös und hält am Kleinstensest. Sie aber besorgt das Fleisch beim Nichtjuden, läßtdas Geflügel von der- Köchin schlachten, setzt dem guten Greis jeden Wein zum Kiddusch vor und sagt bei jeder Gelegenheit: „Ich lasse ihm seine Freude. Mag er glauben, daß ich diesen Unsinn mitmache. Glaube macht selig." Neami fragt, ob sie den Brief mitnehmen tönne. Sie läuft um Kerzen. Für mich auch. Ich entzünde auch hier. Mein lieber einzig schöner Sabbath! Wie werde ich mich nach ihm sehnen? Am vergangenen Freitag wurde ich mächtig ergriffen. Onkel betrat die Stube mit seinem „Scholaum alechem", für das er mehrere Melodien hat. Diese hatte er noch nie gesungen, ich blieb wie angewurzelt stehen. Woher kannte ich sie. Ich lauschte und .... Langsam dämmerte ein Bild vor mir auf. Unsere Sabbathstube daheim, Vater mich an der Hand, singend auf und abwandelnd, Mutter lächelnd auf uns blickend. Ich fühle mein Köpfchen unter seinen segnenden Händen, seine Lippen auf meiner Sliru. Hedi, wo ist das hin? Gut Sabbath! Deine Marga. (Schluß folgt.) M« mutiger Kantor. Eine Reminiszenz. Anläßlich der vielen Klagen, die seit einiger Zeit von Kantoren über Vergewaltigungen und Verfolgungen, denen sie oft ausgesetzt sind, erhoben wurden, dürfte folgende Reminiszenz nicht übersiüssig erscheinen. In Chelbon. einer nicht unbedeutenden jüdischen Gemeinde im Osten, konnte sich im vorigen Jahrhundert, fast zwei Dezennien hindurch kein Kantor länger als ein, höchstens zwei Semester behaupten, während die anderen Kultusbeamten, vom Rabbiner bis zum Tempeldiener, sich daselbst recht behaglich fühlten, ohne daß sie von Nahrungssorgen und sonstigen Ungemächlichkeiten behelligt worden wären. Warum aber, wird man fragen, war gerade dem Kantor, der doch Seholiach zibbur in der Synagoge so hochwichtige Funktionen zu verrichten hat, nicht gegönnt, sich daselbst eiuzubürgern, wenn selbst der einfältige Schames und Schochet, Kalman Löb Chamorovsky, sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum im engsten Kreise seiner Familie im Chelböner Ghetto feiern konnte? Der Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels soll sogleich gefunden werden. In Chelbon hatte damals ein Mann, der vom Glücke so sehr begünstigt wurde, daß es ihm gelang, sich vom kleinen Hausierer zum Großindustriellen emporzuarbeiten, das Amt eines Kultuspräsidenten bekleidet. R. Jizchak Hagary war sein Name. Ehrgeiz. Herrschsucht und Rachgier waren die schönsten Blumen in dem Kranze der Tugenden, der sein Haupt schmückte. Infolge seines immensen Reichtums war es ihm ein Leichtes sich nicht nur in der jüdischen Gemeinde, sondern auch in nichtjüdischen Vereinen und Korporationen Ehrenstellen zu ergattern. Er wurde mit einem Worte der mächtigste und einflußreichste Mann dieser weltbekannten Stadt — denn wer hat noch nicht den Namen Chelbon nennen gehört — so daß die meisten Kaustente derselben, die bei verschiedenen Anlässen seines Beistandes wie seiner warmen Befürwortung bedurften, von ihm abhängig und ihm daher zu Dank verpflichtet waren. Was Wunder also, daß er in der Kultusgemeinde als Autorität nach Herzenslust schalten und walten konnte. Kein Mittel war ihm zu schlecht, so es galt sich jener Leute zu entledigen, die ihm unbequem geworden, und kein Opfer war ihm zu groß, so er sich seinen Anhängern und Verehrern, die ihm in seinen Bestrebungen behilflich waren, erkenntlich zeigen wollte. Zur Zeit, als Hagary sich zum Kultuspräsidenten wählen ließ, stand an der Spitze des Chelböner Rabbinates der kluge Rabbi Elimelech Aschkenasi. Dieser kam dem neuen Gemeindepräses — der einst von ihm oft unterstützt wurde — freundlichst und achtungsvoll entgegen, denn, dachte der geistvolle sehr bedächtige Rabbi, der Mann ist nunmehr heute das Oberhaupt l hex,MmesnM^sls-Hilr-siE.LiörMH''-verpflschtet^HrUdie;; 1s. 7MWch.'isWl...:siepWMiÄUeßHM.ehmM- I gelang e^ dem-WenMabbi/ dev:ein^ vorzüglicher^Diplomat war^- sich die Gunst des:vielvermögejidenPräses der Kultusg emein dv zu erwerben, der ihn aus Dankbarkeit auf bas Piedestäl - dev Unantastbarkeit erhoben,- seinen Gehalt verdoppelt' und die F u n k t i o n sg e b ü-h r e n bedeutend erhöht hatte. : Die Taktik" des Rabbi fand bald Nachahmung; sämmtliche Gemeindefnuktionäre buhlten sklavenmäßig um die Gunst des mächtigen Präses, duckten, beugten und krümmten sich vor ihm und fanden dabei ihre Rechnung. Selbst der aus, Ungarn eingewanderte „Bester" (Gehilfe an der hebräischen Elementarschule) Chajml Katz verstand es, den allgewaltigen Gemeindepräies zu kaptivieren und fuhr dabei so gut, als hätte er in seiner Jugenddie Kutscherschule mit bestem Erfolge absolviert. — Nur den Kantoren konnte es nicht gelingen, sich die Sympathien des Präsidenten Hagary zu erringen, und zwar ans leicht begreif-- lichen Gründen. In Chelbon hatte man von jeher bei der Besetzung des vakant gewordenen Kantorpostens nur ans Künstler ersten Ranges reflektiert. Der jeweilige Kantor wurde dort: glänzend honoriert, dafür aber mußte er allen'Anforderungen, die man an einen Künstler zn stellen berechtigt ist/vollkommen entsprechen. Künstler aber besitzen in der Regel mehr Stolz und- Selbstbewußtsein als andere Menschenkinder und beugen sich nie vor einem Laien, wäre er auch der mächtigste und einflußreichste Parnes der Gemeinde. Dieses selbstbewußte Auftreten der Kantoren war es, das auf den Autokraten R. Jizchak Hagaryeinen deprimierenden Eindruck machte, daher er von vorneherein in jedem Kantor einen erbitterten Gegner erblicken zu müssen glaubte. Was Wunder also, daß er weit mehr Kantoren als irgend ein Staat Minister verbraucht hatte. Er soll im: Lause von zwanzig Jahren mehr als zwei Dutzend Kantoren entlassen haben. Im zwanzigsten Jahre seiner Regierung sah sich Hagarywieder gezwungen, zur Besetzung des erledigten Kantorpostens zu schreiten. Kaum wurde der Konkurs ausgeschrieben, als sich zur angenehmen Ueberraschung der ganzen Gemeinde der russische Kantor Mendel Kozmanovsky. der auch im Osten als. einer der größten Sänger der damaligen Zeit galt,: um diese Stelle bewarbt Der Gemeindepräses ließ sofort eine Ansschnßsitznng einberufen, in der einstimmig beschlossen wurde, Kozmanovsky und keinen anderen behufs Abhaltung eines Probevortrages einznladein Kozmanovsky kam, sang und siegte. Ungefähr vierzehn Tage vor Peßach trat er seinen Posten an und begann am ersten Tage dieses Festes seine Funktionen als Oberkantor zn ver-- richten. Durch seine wunderbare Stimme, wie durch seine Herr-- liche kunstgerechte Vortragsweise verstand er die zahlreichen- Tempelbesucher hinznreißen, die nach Beendigung des Gotlesdienstes einstimmig ausriefen: „In solch freudiger und gehobener' Stimmung ist schon sehr lange nicht das.Peßachfest in Chelbon gefeiert worden." Obwohl Kozmanovsky auch bezüglich seines stolzen Be-- nehmens seine Vorgänger übertraf, erfreute er sich doch in der ganzen Gemeinde einer ungewöhnlichen Popnlarilät, weil die meisten Gemeindemitglieder keine anderen Anforderungen an den Kantor stellten, als daß er ein anständiger Manu sei, einen: streng religiösen, sittlichreinen Lebenswandel führe und in der' Synagoge die Betenden durch seinen herrlichen Vortrag zu erbauen, zu erheben und zu ergreifen verstehe. Anders jedochdachte der Präses Hagary, ihm genügte es, wenn sein Angeste l lter — sei er Rabbiner, Kantor, Lehrer rc. ihm fleißig. Reverenzen machte und auf eineu Wink parierte, mochte er auch sonst der größte Stümper sein. Da nun auch Kozmanovsky .nicht: genug oft vor ihm erschien,.verscherzte er sich bald seine Gunsts was er ihn auch bei jeder Gelegenheit fühlen ließ. Kozmanovsky^ der sich keiner Schuld bewußt/war konnte sich das iinqualistzierbare Benehmen des Präsidenten nicht recht erkläreN/Mach und nach jedoch wurde er mit den näheren Verhältnissen der Gemeinde vertraut und dä wurde es ihm endlich klar, warum-selbst der „Bester" Chajml Katz vom/Präsidenten Hagary mehr beachtet werde als er. - Er überlegte' jetzt nicht mehr lange- und' fäßtv-