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Die Wahrheit · 1913-06-20 · Heft 24 (20.6.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 24 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 24 chen Entschluß, . der Gemeinde so bald als möglich valsb zu sagen. Ungefähr sechs Wochen vor den hohen Feiertagen'' hielt er in der großen Gemeinde Ä. einen Probevortrag - mit solch glänzendem Erfolge, daß er sofort per Akklamation akzeptiert wurde. Als er nach Hanse kam, war das erste, was er tat, daß er dem Präsidenten Hagary durch den Schames seine Demission überreichen ließ. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf Hagary diese Ueberraschung. Er ckonnte sich gar nicht fassen vor Aufregung. Es hatte ihn nicht so sehr gekränkt, daß der ausgezeichnete Kantor die Gemeinde knapp vor den Feiertagen im Stiche lassen wollte, als daß überhaupt ein „Angestellter" es gewagt, ihm. dem Selbstherrscher .zuvorzukommen, ohne erst bis — nach Ablauf der Feiertage zu warten, wo er (Hagary) ihm — wie er es den früheren Kantoren getan, — den Laufpaß gegeben hätte. Als man in der Gemeinde von der Demission, die der l'ehr beliebte Kantor eingebracht, erfuhr, hen-schte in derselben eine liefe Verstimmung. Der Präsident ließ sofort eine Ansschußsitzung einbernfen, die aber ausnahmsweise nicht von ihm — weil er sich angeblich infolge der Anfregung nicht wohl fühlte — sondern von seinem Stellvertreter, dem ersten Vizepräsidenten, präsidiert wurde. Kozmanovsky wurde vorgeladen, und der Vizepräsident hielt folgende Ansprache an ihn: „Herr -Oberkantor! Sie sind kaum vier Monate hier im Amte und haben uns plötzlich, kurz vor den hohen Feiertagen, ohne ijeglichen Grund Ihre Demission eingesendet, obwohl Sie vertragsmäßig drei Jahre lang hier zu verbleiben sich verpflichtet haben? Finden Sie als anständiger Mann dieses Vorgehen "korrekt? Woher sollen wir jetzt für die Feiertage einen befähigten .Kamor nehmen? Kein anständiger Vorbeter wird-knapp vor den Jomim noroim seine Gemeinde im Stiche lassen, höchstens ein Hochstapler, den man nirgends duldet. Ich glaube, Sie haben hier Gelegenheit genug gehabt, sich zu überzeugen, daß -wir alle Sie sehr achten und große Opfer für Ihre Erhaltung gebracht haben, was also hat Sie zu einem solch nnqualifizierbaren Vorgehen veranlaßt?" „Meine hochverehrten Herren!" entgegnete Kozmanovsky, .§,ich kann es nicht leugnen, baß die meisten Mitglieder dieser großen Gemeinde mir äußerst freundlich entgegengekommen sind und mir auch entsprechende Beweise ihrer Anerkennung geliefert haben. Allein einer jedoch war es, der mich, wenn auch indirekt, gezwungen bat, das Feld zu räumen, und zwar einer, der mit 'Recht von sich sagen kann: „Die Gemeinde bin ich!" Es ist das kein Geringerer als der Präsident Hagary, der hier als.^Selbstherrfcher seines Amtes wallet. Er spielt hier die Vorsehung, ist ein kleiner Herrgott, ein JozerMeschorsira, ein Domestikenzüchter, bildet sich seine Beamten und Diener selber heran, damit sie ihn abgöttischverehren und feiern, weascher jmesehorsov, und diejenigen, die er seine Zöglinge nennt, die vor ihm im Staube kriechen, wenn sie ihn erblicken, in Ehrfurcht ersterben, dürfen sich glücklich preisen, kullom omdim Oberilm olara, sie stehen alle dann groß da, führen ein kummerloses, freudenvolles Leben, sind alle beliebt, kullom ahuwim, werden alle kullom berurim, als ausgewählte, reichbegabte und befähigte Beamte, die stets nach dem "Willen ihres Schöpfers und Bildners handeln, beachtet und bei jeder Gelegenheit, bevorzugt und ausgezeichnet, mögen sie auch sonst die größten Stümper sein. Wehe aber jenem Geweindebeamten, der etwas Selbstbewußtsein hat und daher sich nicht ducken, krümmen und beugen kann. Ein solcher verscherzt sich gar bald die Gunst des allgewaltigen Präsidenten mib muß sich darauf gefaßt machen, daß er eines schönen Tages mit einer .besonderen A u s z e i ch im n g, in der Form eines Bogens, nicht etwa eines blauen, sondern eines schwarzen, beglückt werden wird.-Von dem ersten Tage an, da ich mein hiesiges Amt angetreten, war der Präsident der einzige, der mir kühl bis ans Herz hinan entgegenkam, was ich mir anfangs nicht recht erklären konnte. Später jedoch wurde mir das Rätsel gelöst und -eine innere Stimme rief mir zu: „Schaue, daß du recht bald diesen Ort meidest, denn sonst läufst du Gefahr, daß dir vom 'Präsidenten, dem du unbequem geworden, daher er sich deiner mnter allen Umständen entledigen würde, die Entlassung zugestellt wird, ehe du noch einen anderen Posten erreicht hast. Nun dachte ich mir: Ein Kozmanovsky, dem noch nie eine Gemeinde gekündigt hat, darf es doch nicht darauf allkommen lassen, daß man ihm in Chelbon den Laufpaß gebe, daher entschloß ich mich, den mir in A. verliehenen Posten anznnehmen und noch vor den hohen Feiertagen Chelbon zu verlassen und dem Herrn Präsidenten Hagary es zu ersparen, mir den Lanfpaß geben zu müssen. Jedenfalls dürfte mein kurzer Aufenthalt in hiesiger Gemeinde nicht nutzlos gewesen sein, denn Herr Hagary wird vielleicht sich doch eines besseren besinnen und einsehen lernen, daß der Gemeindepräses nicht dazu berufen sei, das Schmarotzertum großzuziehen, N68obubocbrn zu züchten, sondern das Heil und Wohl der Gemeinde und ihrer Institutionen nach jeder Richtung hin zu fördern, denn die Gemeinde ist nicht llm des Vorstehers willen, sondern der Vorsteher um der Gemeinde willen da." Chaskiel Ben Jehuda, Chasan. Zentralverein der ZüdisH-Herritaria Mischen Hrgamsation „Ito^ zu Men. Die Wiener „Jto" Organisation versendet solgenden Ausrus: Euer Hochwohlgeboren! Der Zentralverein der Jüdisch - Territorialistischen Organisation „Jto" zu Wien har sich vor kurzem neu konstituiert und nun beschlossen, sich znr Förderung seiner überaus wichtigen Ziele an die breite Oeffentlichkeit zn wenden. Der „Zentralverein der Jüdisch - Territorialistischen Organisation .Jto' zu Wien" hat sich ans dem Programme der von dem berühmten Dichter Israel Zangwill in London gegründeten gleichnamigen Organisation gebildet. Dieses Programm erstrebt die Schaffung einer freien Heimstätte für die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum verfolgten Glaubensbrüder und hat auch die Regelung der jüdischen Auswanderung in Nahmen unserer Staatsgesetze und die dauernde Versorgung der Ausgewanderten mit Arbeit zum Ziele. Diesbezüglich kann die „Jto" mit Stolz aus ihre Tätigkeit als Regulator der Emigration Hinweisen und „Galveston" ist ein Ruhmestirel der Bereinigung. Bis zum Juli 1912 wurden 6000 Auswanderer aus Rußland nach Galveston. einem Hafen im Südwesten der Bereinigten Staaten von Nordamerika gebracht. Sie alle fanden in den Staaten hinter Galveston Arbeit nnd Verdienst. In Oesterreich ist die Regulierung der Auswanderung von großer Wichtigkeit. Wir brauchen ein System. welches für die Emigranten auf dem Wege von der alten bis zur neuen Heimat sorgt. Die Auswanderungs-. bewegnng ist eine sehr lebhafte. Von Galizien nnd der Bukowina allem wandern jährlich 12.000 Juden ans und es muß leider konstatiert werden, daß viele von diesen Heimatlosen das gesuchte Ziel n i e erreichen. Außerdem bereitet eben jetzt die „Jto" eine Organisation der jüdischen Landarbeit vor, indem in Nordamerika eine Farmerkolonie geschaffen werden soll. Aber auch hier wird Fürsorge geleistet, bis der Einzelne selbstständig nnd in seiner Existenz gesichert ist. Nach kaum achtjährigem Bestände hat die „Jto", welcher die bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten der ganzen Welt angehören, dre Emigration geregelt, die Organisation der Kolonisation in Angriff genommen und steht in ernster Unterhandlung um eine gesicherte Heimstätte für die verfolgten Juden. Für letztere haben uns die betreffenden Regierungen das portugiesische Angola in Südwestasrika mit 200.000 km2 Größe und das in der Nähe des Panamakanals in Zeutralamerika gelegene Honduras angeboten. Beide Länder werden von der „Jto" wissenschaftlich erforscht. Diese das Judentum umspannende Organisation zn stützen und znm Blühen zn bringen, ist die Ausgabe unseres Zentralverelnes, der sich über ganz Oesterreich erstrecken soll. Jeder Jude, dem das Elend seiner v e r l a s s e n e n G l a n b e n s b r ü d e r a m H e r z e n liegt, trete der Bereinigung bei nnd sorge für die Werbung neuer Mitglieder! Der Jahresbeitrag der gefordert wird, ist sehr gering. In unserem Nachbarlaude Ungarn hat die Organisation seit dem Herbste 1912 bereits 5000 Mitglieder gewonnen. Wir werden in Oesterrreich nicht zurückbleiben! Für den Zentralverein der „Jüdisch-Territorialistischen Organisation: Obmann: Dr. Jakob Engel, Hofnnd Gerichtsadvokat, Vorstandsmitglied der isr. Kultusgemeinde. VI., Mariahilferstraße 53. Obmann-Stellvertreter: Obmann-Stellvertreter: Direktor Dr. S. K r e n b e r g e r, Dr. Karl L ö w y, XIIL., Anhosstraße 221. VII., Mariahilferstraße 96. Ordentliches Mitglied zahlt einen Jahresbeitrag von mindestens K4.:—. Stifter wird man bei einer Widmung von mindestens K 500.—. Gründer wird man bei einer Widmung von mindestens L 100.—.

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