Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite b. Nr. 24. 'Hochschüler nicht berechtigt sei, den tendenziösen, entrechtenden und Vergewaltigenden Standpunkt gegen alle einzelnen Juden anzmvenden und weiters stellt der Angeklagte selbst fest, daß jeder deutsche Student nach dem „Waidhofener Programm" verpflichtet sei, die Gesellschaft eines Juden zu meiden und einen solchen nicht z u b e l e i d i g e n. Als ihn hierauf der Richter fragte, warum er dann die Antidnellliga besucht und den Juden Dr. v. Hoffmannsthal beleidigt habe, antwortete der Angeklagte, er habe nicht bestimmt gewußt, daß Dr. v. Hoffmannsthal ein Jude sei und denselben nicht persönlich beleidigen wollen. Auf den hierauf erfolgten Heiterkeitsausbruch des anwesenden Publikums kam der Verteidiger Riedlsdemselben mit der heiteren Erklärung §11 Hilfe, Riedl habe nicht gemeint, Dr. v. Hoffmannsthal sei aller Ehre bar iiub wenn derselbe die Riedl'sche Aeußerung als persönliche Beleidigung auffaffe, ziehe sie der Angeklagte bedingungslos zurück. Dr. v. Hoffmannsthal erklärte, sich jedoch durch einen derartigen Ausgleich nicht befriedigt. Der Polizeikonzeptspraktikant Dr. Alexander Nagy entlastete den Angeklagten durch die Anssage, er glaube, die Aeußerung Riedls sei nicht aus Dr. v. Hoffmannsthal gemünzt gewesen, Zeuge Major Anton Hartwig konstatiert jedoch seine und eines damals anwesenden alten Obersten Empörung über des Studenten Aeußerung und über dessen hartnäckige Weigerung, den Namen zu nennen. Nun meinte der Verteidiger des Angeklagten, Dr. Bern- -wieser, Dr. v. Hoffmannsthal sei zur Klage gar nicht berechtigt, weil er sich vor längerer Zeit habe laufen lassen. Doch auch diese Entlastnngsmethode verfehlte ihren Zweck, denn Dr.v.Hoffmannsthal erklärte als Zeuge, er sei Jude, getauft' sei ein anderer Zweig' seiner Familie, dem auch der bekannte Dichter zugehöre. Darauf erfolgte nun die Verurteilung mit der Begründung, der Student habe seine. Aeußerung rein persönlich vorgebracht und sei überzeugt gewesen,' daß Dr. v. Hoffmannsthal ein Jude sei, weil der Ruf s o n st uns i n n i g g e w e s e n w ä r e. Er sei nicht berechtigt gewesen, eine derart beleidigende Unterscheidung zwischen den Rassen zu machen, denn vor dem Gesetz und vor dem Richter seien alle Staatsbürger gleich. Durch den Besuch der Antiduelliga und seine dort vorgebrachte Anrempelung des Referenten habe der Angeklagte auch das „Waidhofener Programm" nicht eingehalten und das Gericht könne nicht gestatten, daß religiöse, nationale mib rassenmäßige Kriterien in die gesellschaftliche Schichtung hineingetragen werden. Insbesondere sollte sich e i n Rechtsbe fl iss euer erst mit den St aatsgrnnd ge setzen v ertr aut ma ch eit, e he er sich die Waidhofen er Beschlüsse zu eigen mache. Aufrechte Juden dürfen mit dem Vorgänge des Herrn Dr. Emil v. Hoffmannsthal und mit dem Rechtsspruche des Mchters Herrn Dr. Ratzenhofer und dessen Begründung zufrieden sein. Der Verlauf der Verhandlung zeigt aber auch die sonderbaren Ehrbegriffe und die eigenartige Tapferkeit der Nurtentscheu, die den Juden rüde beleidigen, aber sofort alle Methoden des Rückzuges ergreifen, wenn sie die Züchtigung dafür fürchten. Die eigentliche Konsequenz sollten aber charaktervolle Juden bei Wahlen ans solchen Vorkommnissen ziehen! Die Deutschnationalen haben nicht ohne Ursache zu den Christlichsozialen „heimgesunden". Nicht nur die Judenfeindschaft allein verbindet sie miteinander, sondern auch ihr mangelhaftes Rechtsgefühl, ihre Streberei und Unaufrichtigkeit gegenüber den Wählern und ihre Rü p e lh a ftigke i t im politischen Leben. Kudwig Fulda «der die Dlaffenfrage. V Dr. Lndwig Fulda, der feinsinnige Frankfurter Dichter, bat- -sich in einem Privatbriefe (an Herrn. Dr. Adler, . den Direktor des-Philänthropins gerichtet), über die Rassenfrage geäußert; der Brief, der wohl als eine Antwort auf den „Kunst» wart" gedacht ist, hat folgenden Wortlaut: Verehrter Herr Direktor! Nur gutgläubige Illusion, verbunden mit einer hochgradigen Ueberschätzung meines Namens kann Sie zu der Hoffnung verleiten, ein Wort ans meinem Munde werde gegen die Orgien des Raffefanatismus irgendwie ins Gewicht fallen. Durch Worte überzeugt man immer nur Gesinnngsgenoffen oder höchstens Unparteiische. Wann aber hätte je die Leidenschaft, wann die blinde Wut vorgefaßter Meinungen vor Vernunftgründen sich gebeugt oder vor Tatsachen Halt gemacht? Ein zionistischer Rassenfanatiker — so schreiben Sie mir — stimmt mit den antisemitischen darin überein, daß kein Jude fähig sei, an der deutschen Kultur mitznarbeiten; er bestreiket deutschen Dichtern jüdischer Abstammung ihre deutsche Heimat und verweist sie, wenn sie überhaupt ein Recht haben wollen, ihre Gedanken und Empfindlkngen auszudrücken, auf das Hebräische als auf die Ursprache ihres Volkes, die sie freilich zu diesem Zwecke erst erlernen müßten. Nun wahrscheinlich, mau kann den Zionismus anerkennen, kann sogar sein Anhänger sein, kann für die Millionen armer, gedrückter und entrechteter Juden ein eigenes Vaterland, ein eigenes Gemeinwesen erstreben und erkämpfen und dennoch eine solche Behanptung, eine solche Forderung ebenso albern wie anmaßlich finden. - Wie will ein Mensch sich heransnehmen, andern Menschen zu verbieten, daß sie im Lande ihrer Geburt sich daheim fühlen? Oder wo kämen wir hin, wenn jeder als Heimat nur jenes Land betrachten dürfte, das seine Urväter bewohnten? Deutschland ist ja nicht einmal die Urheimat der Deutschen! Die Heimat eines Menschen ist da, wo seine und der Seinigen Wiege stand, da, wo er aufwnchs, wo ihm Freundschaft und Liebe wurde, wo er wirken will; und nicht die Abstammung entscheidet über seine Zugehörigkeit zu einer Kultur, sondern die Muttersprache und Erziehung und die Bildung. Im allgemeinen herrscht darüber kein Streit. Bei dem Völkerkonglomerat, das die amerikanische Nation ausmacht, hat noch niemand darauf gedrungen, daß es sich wieder in seine Urbestandteile reinlich scheiden solle, statt gemeinsam die machtvoll im Werden begriffene amerikanische Kultur zu fördern. Ferner — ganz davon abgesehen, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung sicherlich nicht aus rassereinen Germanen besteht — leben auch in Deutschland noch allerlei andere fremde Elemente, ohne einem Zweifel an ihrer Heimatberechtigung oder ihrem Deutschtum zu begegnen. Ja von den Abkömmlingen der französischen Rsfugiäs verlangen nicht einmal die Franzosen, die doch den Zionisten an Nationalgefühl schwerlich nachstehen, daß sie zum Franzosentum zurückkehren. Desgleichen wurde noch niemals behauptet, Chamisfo, der sogar in Frankreich geboren war, sei verpflichtet gewesen, französisch zu dichten, oder der Slawe Nietzsche habe die Schuldigkeit gehabt, polnisch zu schreiben. Vielmehr wird es umgekehrt den Polen zum Vorwurf gemacht, daß sie nach einer politischen Zugehörigkeit zu Preußen von noch nicht anderthalb Jahrhunderten sich nicht mehr germanisieren lassen. Die Juden leben in Deutschland nicht seit Jahrhunderten, sondern seit anderthalb Jahrtausenden. Sie haben diese Erde mit ihrem Blute gedüngt und mit ihrem Blute verteidigt. Deutschland ist ihr Vaterland: sie lieben es, auch wenn es ihnen die Liebe erschwert und wenn sie Deutsche sein wollen, sein müss en, weil ihres Herzens Gebot sie dazu treibt -— das wäre ein Mangel an Charakter, eine schwächliche Aufgabe der Nationalität, die ihnen ohnehin längst verloren geht? Nein, so schnell und so leicht, wie Deutsche dies im Auslände zu tun pflegen, haben sie ihre Nationalität nicht aufgegeben. Nachdem sie es aber unter dem Zwange einer naturnotwendigen Entwicklung getan haben, gibt es ebenso wenig ein Zurück für sie wie für die anglisierten Deutschen der Vereinigten Staaten. Einerlei! Sie können, io versichern die Rassefanatiker, schlechterdings nicht deutsch empfinden; das deutsche Gemüt bleibt