Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Man sieht auf den Ehrenkarten des „Deutschen'' Hochschnlballes'" auch die Namen jüdischer Honoratioren figurieren und kein echter Bursch ist so deutsch, daß er das schöne Judemnädchen für ehrlos hielte. Doch soll der Kampf auf der ganzen Linie aufgenomineu werden, dann müssen diese gar zimperlichen Bürschchen, die in den Mittelschulen nur gar zu gern vom Inden abschreiben, auch die Gesellschaft der Jüdinnen meiden und den jüdischen Professoren gleichfalls den Krieg erklären. In zehnfacher Uebermachl mit Totschlägern, auf.jüdische Hochschüler fallen, die ihre Ehre verteidigen wollen, das ist ein neuerlicher Beweis, daß sie selbst von Ehre und Ehrbegriff nicht viel verstehen. Solange diese Herren, die sich unter feigen gehässigen Redensarten verkriechen, den Begriff der Ehre für sich allein in Anspruch nehmen, solange ist es für uns eine ganz besondere Auszeichnung, wenn sie uns Juden für „ehrlos" halten, denn mit ihren Ehrbegriffen haben wir nichts gemein. Als Dr. Karl Lueger die Sozialdemokraten, die am 1. Mai in den Prater ziehen, „Lumpen" nannte, da schrieben sie es mit großen Lettern auf ihre Fahnen: Hoch die Lumpen. Auch die niederländischen Edelleute, die mit der spanischen Herrschaft Philipp H. unzufrieden waren und die Graf Barloimont spöttisch „Bettler" (Geusen) nannte, haben diesen Spottnamen stolz auf ihr Banner geschrieben. Wenn die Herren Deutschen und Antisemiten behaupten, daß sie allein die Ehre besitzen, dann sind wir gerne „e h r l o s". . A. H. L. Das Iannsgestcht der Denljchnatio- «aleu gegenüber der indischen Wählerschaft. Es ist wohl noch bei allen Beobachtern der Wiener Wahlpraktiken der letzten Jahre in. Erinnerung geblieben,; welchen Eiertanz der Wiener Führer der dentschnationalen Abgeordneten, Herr Dr. Waber, im Jahre 1911 in seinem 29. Wiener Wahlbezirke ansführte, um die. Stimmen der jüdischen Wähler trotz seiner Judenfeindschaft zu ergattern. Er schickte damals einen jüdischen Unterhändler zu einflußreichen jüdischen Wählern und bat um ihre Wahlstimmen, mit der Versicherung, er sei gar kein Antisemit und müsse sich nur aus taktischen Gründen für einen solchen ausgeben, , damit er auch die Stimmen der unzufriedenen Christlichsozialen erhalte. Diese Taktik und die Zwangsvorstellung. Dr. Waber müsse unbedingt in die Stichwahl gegen die Christlichsozialen gebracht werden, weil Prinz L i e ch t e n st e i n gewählt werde, wenn der sozialdemokratische Wahlwerber in die Stichwahl gerate, verschaffte ihm damals m i t H i l f e der jüdischen Wähler den Sieg. Trotz seiner dann als Abgeordneter dokumentierten Judenfeindschaft benützte Dr. Waber anläßlich der Gemeinderatswahlen wieder einen jüdischen Wahlagenten, doch diesmal ohne Erfolg, er konnte seine Leute nicht mehr dnrchbringen. In Mähren praktizierte der bekannte Deutschnationale Dr. Bodirsky in Neuiitschein im Jahre 1912 anläßlich der Ergänzuugswahl in den Reichsrat Dr. Wabers Maskiernngsmethode behufs Gewinnung der ihm zur Wahl unbedingt nötigen jüdischen Wahlstimmeu mit Erfolg. Anläßlich, der letzten mährischen Laudtagswahleu erklärten nun wieder verschiedene dem „Dentschnationalen Verbände" ungehörigen Wahlwerber, wie Herr M ogelböck in Brünn. Herr Prayon in Olmütz und Herr Jung in Ostrau. sie kennen keine Iudenberge und st e h e n n i ch t a u f antisemitischem Stau d- Punkte (!), obgleich ihr politischer Genosse, Herr Ferdinand Seidel, bekanntlich einer der eifrigsten Verfechter des berüchtigten Wählkompromisses der Christlichsozialen anläßlich der kürzlich stattgefundenen Wiener Bezirksratswahlen war und in seinem Leibblatte erklärte, d e r A n t i s e m i t i s m u s m it s s e d ie Grundlage deutschen Volkstums bildein Herr Prayon konnte in Olmütz sicherlich nur. mit Hilfe der, Wahrheit. Nr. 24. jüdischen Wähler schon imMsten Wahlgange'gewählt werden, da war es wohl nützlich, zur Wahlzeit die' Jndenfeindschaft zu verhüllen. Wir werden ja sehen, 'wie. sich der deutsche Nationalverbändler nach der Wahl in der Jndenfrage benehmen wird. Wir fürchten, die jüdischen Wähler werden , in diesem Falle wie gewöhnlich des Kuckucks Lohn empfangen, denn die berühmte deutsche Treue und Wahrheitsliebe werden nach berühmten Mustern diese „Deutschen" nicht vom Wortbruche gegen ihre jüdischen Wähler ab halten.. Freilich gibt es in Mähren leider keine bürgerlichen Demokraten und deshalb ist es nicht zu verwundern, daß die Juden den Herren Prayon und Jung so schnell zu Landtagsmandaten verholfen haben,, sie meinten wohl, so lange der Wahlwerber seine Jndenfeindschaft leugne, sei er ungefährlich. Diese Kalkulation ist aber grundfalsch, denn die Judenfeindschaft bildet einen wesentlichen Programmpunkt aller Deutschnationalen und die Schädigung der Inden bleibt nun in Oesterreich nicht mehr auf die besitzlosen Mitglieder derselben, wie Beamte, Lehrer, Hausierer beschränkt, wie dies die Christlichsozialen in Niederösterreich praktizierten, sondern dank der Agrarpolitik, die auch den „Dentschnationalen Verband" beherrscht, kommt nun auch die Fabrikstätigkeit und der Großhandel, die zum großen Teile in jüdischen Händen liegen, zum Handküsse.. Man sucht unn die jüdische Jugend, auch von der Offizierslaufbahn abzudrängeu und die deutschnationale Studentenschaft will die jüdische durch gewaltsame, rüde und freche Behandlung auch aus dem Hochschulstudium hinausekeln. Möchten doch auch die mährischen Inden die Worte hören, die der Reichsratsabgeordnete Dr. Kur an da kürzlich aus letztbesprochenem Grunde im Parlament äußerte. Vor dem Rassenhasse derHeildentscheu (sprich heul) schützt bekanntlich nicht einmal die Taufe mehr. . . Die Juden Mährens haben deshalb bei den Stichwahlen im vierten Wahlkörper und auch bei den anderen Landtagswahlen durchaus keine Ursache, einem notorischen Judenfeinde vor einem Sozialdemokraten den Vorzug zu geben, denn „Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber." R. L. Dentschttatioimle Ehrabschneider vor Gericht. Am 12. Juni laufenden Jahres wurde der dentschnationale Rechtshörer Erich Riedl vom Bezirksgerichte Margareten wegen Ehrenbeleidigung zu zwei Monaten Arrests verurteilt. Für die jüdischen Staatsbürger ist dieses Urteil bedeutungsvoll, denn es erweist, daß tendenziöse rüde Angriffe auf die Ehre eines Inden trotz der hochgehenden Wogen des Antisemitismus in Oesterreich doch noch nicht straffrei unternommen werden können und Gott sei Dank, daß es noch mutige Inden und gerechte Richter in Oesterreich gibt. . Der Tatbestand war folgender: Am 19. Mai laufenden Jahres hatte die „Akademische Antiduellliga" eine Protestversammlnng gegen das Offiziersduell einbernfen, in dem bekanntlich Oberleutnant Weiß von dem Hanptmann Zborowski getötet wurde. Der Referent war Dr. Emil v. Hoffmannsthal, der aber von den erschienenen dentschnationalen Studenten, welche diese Versammlung sprengten, nicht zu Worte gelassen wurde. Herr Erich Riedl unterbrach den Referenten mit den Worten: „Wir dulden nicht, daß ein Jude über Ehre spricht, denn die Inden sind bar aller Ehre." Dr. v. Hoffmannsthal klagte hierauf den Zwischenrufer wegen Ehrenbeleidigung. Riedl verantwortete sich nun vor Gericht dahin, er habe nur einen Satz aus dem „Waidhofener Programm" zitiert, nach welchem sich deutsche Studenten mit Juden nicht schlagen sollen. Der Bezirksrichter Dr. Natzenhofer. konstatierte, der Angeklagte habe sich dieses Programm schon im Untergymn asinm zu eigen gemacht, jedoch ans die diesbezüglichen Fragen des Richters gibt der Angeklagte zu, daß ein gereifter