Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 24 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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v.Redaktion nnd Administration; Wien, ilj, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/iV. ^»abhängige Sertfchrift für Wische Verilnspret»: iNanzitidrifl . . . . . . K >4.—' Halbiiidria ....... K 7.-^ Administration 7938/11, H. I. üsterr. Nosisvarkaffa- Echeck-Koiilo Sir. 100.918. Interesse». Flic UiiltnSbrumtr: •Muiiftiiibviti .. . .; . . k io. — . Inserate: Sie viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Isreitag. Für Ausland: Abonnementsmib Insertion»» tMuujtiitjnu.» yjiutf benröfle find in Wien zahlbar und klagbar. Mottor „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t> üiiibet oder IN Krc». »r. 24 Wien, 20 "Inhalt: Warum wir ehrlos sind. — Das Janusgesicht der Deutschnationalen gegenüber der jüdischen Wählerschaft.— Deutschnationale Ehrabschneider vor Gericht. — Ludwig Fulda über die Rassenfrage. — Die Preßburger „Schiurstube". — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Marga" — Ein mutiger Kantor. — Zeutralverein der Jüdisch-Territorialistischen Organisation „Jto" zu Wien. Warum mir ehrlos find. Vor kurzem hat es in Wien einige Gerichtsverhandlungen gegeben, bei denen Hochschüler als Angeklagte erschienen, die auf dem berüchtigten Waidhofener Standpunkte verharren, daß „der Jude aller Ehre bar sei." Die Wiener Bezirksrichter haben in ihren Begründungen mit anerkennenswerter Offenheit diesen bübischen Beschluß entsprechend charakterisiert und ganz vortrefflich hat Bezirksrichter Dr. Ratzen Hofer von Margareten erklärt: „Der Angeklagte war nicht berechtigt, eine beleidigende Unterscheidung zwischen den Raffen zu machen, denn vor dem Gesetze und vor dem Gericht sind alle Staatsbürger gleich. ... Die Absonderung allein ist keine Beleidigung, wohl aber wird sie eine Beleidigung, wenn sie bekundet wird. Das Gesetz respektiert im Strafrecht das Recht seiner Staatsbürger. . . . Das Gericht trägt den Ehrbegriffen der verschiedenen Gesellschaften Rechnung, aber es kann nicht gestatten, daß religiöse, nationale und rassenmäßige Kriterien in diese Schichtung hineingetragen werden. Ein Rechtsbeflissener, wie der Angeklagte, sagte der Richter in seiner Begründung weiter, sollte sich erst mit den S ta a ts g run d g es e tzen vertraut machen, bevor er die Waidhofener Beschlüsse sich zu eigen macht. Die Staatsgrnndgesetze werden auf ihn einen nachhaltigeren Einstuß ausüben, als die Aenßerungen und Beschlüsse von Kollegen." — Das waren mannhafte, unparteiische Worte, über die allerdings die antisemitischen Blätter außer sich sind. Dr. Ratzenhofer ist sicherlich ein guter Christ, denn in Oesterreich gibt es keine jüdischen Verhandlungsleiter; aber er ist eben das, was man von einem Richter verlangt, ein einsichtsvoller, intelligenter Mensch, der Gesetz und Recht ohne jede Parteirücksicht handhabt. Soweit ist der Jude in diesen Landen an Gesetz und Rechtswidrigkeit gewohnt, daß man es als etwas Besonderes vermerkt, wenn der Jude fein gutes Recht wirklich sindet. Bei aller Arroganz, die man dem Juden gerne andichtet, ist es hier tatsächlich soweit gekommen, daß der Jude wohl pünktlich seinen staatsbürgerlichen Pflichten Nachkommen muß, in seinen Rechten aber ganz und gar gegenüber alten anderen Staatsbürgern znrückstehft Es ist charakteristisch, daß auch die söge-? nannten Waidhofener Beschlüsse, die schon in den neunziger; Iähreü gefaßt wurden, erst jetzt zu einem allgemeinen Ent-: rüstungsstnrm geführt haben. Bis nun hat man diese imerhörte j Bubenjustiz über 'sich - ergehen lassen und erst die jüngsten Rele-; gieilmgen Und Kämpfe an der Universität haben dazu geführt, ' etwas eingehender über die jüdische Ehrlosigkeit zu debattieren. Wenn bis nun ein Jude von einem Deutschen attackiert wurde, kam es zur Schlägerei, das war also in der Ordnung; wie aber der Senat den Juden zu relegieren begann und den Deutschen laufen ließ, da begann man erst die Ehrlosigkeit zu spüren. Der akademische Senat, in dem auch jüdische Professoren sitzen, hat sich nicht als kompetent erklärt, diese Beschlüsse, die er gnädig als eine Beleidigung anerkannt hat, zu Mieren: der Unterrichtsminister anerkennt wohl die Gleichberechtigung, aber gegen die Ehrlosigkeit kann er nichts machen. So bleibt also nichts übrig als ehrlos zu bleiben? Oder sich relegieren gu lassen? Inden, die einen christlichen Kollegen haben, pflegen diesen als Mandatar dem deutschnatioualen Beleidiger gegenüberzustellen, diesem muß das noble Bürscherl wohl oder übel Satisfaktion geben; aber man kann von einem Kollegen ein solches Opfer nicht immer verlangen. Was aber ist es, das diesen unbändigen Haß gegen das Häuflein Juden auch an den Stätten der höheren Bildung heraufbeschworen hat? Als es in Oesterreich eine große deutschliberale Regierung gab, da waren die Juden deutsch bis aus die Knochen und haben für die Deutschen gekämpft und gerungen, so heiß und mächtig gekämpft, wie sie es heute für ihre eigene Sache gewiß nicht tun. Man findet noch heute solche jüdischdeutsche Heißsporne, hier in Wien, in Böhmen, in Mähren und in einigen sogenannten deutsch-fortschrittlichen Studentenverbindungen. Da kam aber die große alldeutsche Bewegung eines Schönerer und die Juden wurden als lästiger Ballast abgeschüttelt. Mit Freude muß man an dieses Ende der dentschliberalen Herrschaft denken, denn ihr Ende war der Beginn der großen jüdischen Idee in Oesterreich und jeder studierende Jüngling hat sich als Glied des Judentums gefühlt, zu dem er in Treue hielt. Sei es nun als Zionist, sei es als Nationaljude, sei es als einfacher parteiloser Jude — aber Jude war er. Und damals entstanden die großen jüdischen Verbindungen an den Hochschulen, die ein Korps auserlesener Schläger lieferten.Die Deutschen waren ihrer Knochen nicht mehr sicher und darum krachen sie nach Waidhosen und faßten den merkwürdigen Beschluß, daß die Juden aller Ehre bar seien und daß man ihnen daher keine Satisfaktion zu geben brauche. Auf diese Weise glaubten sie, eine, ganze Masse tüchtiger Schläger vom Halse zu haben, nachdem die Klerikalen ohnedies das Duell verabscheuen. Weil sie also selbst feig und dumm sind, erklären sie den Feind für ehrlos. Dabei sind sie aber unverschämt genug, mit ihrem Haß . und ihrem Ehrbegriff bei den jüdischen Hochschulprofessoren und den jüdischen Schönheiten Halt zu machen.