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Die Wahrheit · 1913-06-13 · Heft 23 (13.6.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 23 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 23. Die Watirden .pn sein Judentum denken müssen. Es ist der Fluch der antisemitischen Wühlarbeit, daß sie verwirrend wirkte und alle Begriffe auf den Kopf stellte. Wir ahnen fast nicht mehr, wie absurd diese Zustände sind, daß der Jude bei jedem Schritt daran erinnert wird, daß er Jude ist und daß er so zu einer freien Etttfaltung seiner Kräfte im politischen und sozialen Leben gar -nicht gelangen kann. Aber die Juden haben oiese Verhältnisse nicht geschaffen, und sie müssen mit den gegebenen realem .Faktoren rechnen. Politisch sein heißt ja, die Konsequenzen der "Tatsachen ziehen und der Wirklichkeit gerecht werden. Wie die 'Verhältnisse nun einmal liegen, ist der Jude in Preußen auch -als Jude au der Gestaltung, des Landtages sehr interessiert. 'Diese Tatsache leugnen, hieße Vogel-Strauß-Politik treiben. Es ist sehr bedauerlich, daß auch in den jüdischen Reihen selbst häufig Unklarheit erzeugt wird und daß das Ziel immer -mehr mit Nebel umhüllt wird. Ist es nicht im Grunde komisch, wenn in jüdischen Blättern die Frage aufgeworfen wird, welche 'Partei die Unterstützung der jüdischen Wähler am meisten verdient? Das Judentum schreibt ebensowenig wie das Christentum irgendwelche Parteirichtnng vor. Es ist töricht, die Juden, -wie es in den . antisemitischen Blättern geschieht, als die geborenen Schildträger des Liberalismus zu bezeichnen. Sie können als Inden allen Parteien angehören. In England findet man jüdische Abgeordnete sowohl in den konservativen wie in den liberalen Reihen. Allerdings ist der englische Konservativismus ebenso frei von antisemitischer Engherzigkeit wie der 'Liberalismus. Es ist gar kein Zweifel, daß wir in Dentschland genau dasselbe Bild haben würden, wenn nicht überall die .antisemitische Hetze die normale Entwicklung stören würde. Das sage ich nicht zur Entschuldigung. Ich bekenne mich zur liberalen Weltanschauung wie viele meiner^Glanbensgenossen. "Das tue ich aber nicht als Jude, sondern als moderner Mensch. Als. Jude kann man zu jeder Partei gehören, die die Gleichberechtigung der Staatsbürger auf ihre Fahne geschrieben hat und sie auch ernstlich zu verwirklichen sucht. Wenn ich nicht irre, gab es bis vor einigen Jahren in Süddentschlaud auch jüdische Mitglieder des Zentrums. Das Judentum macht hier -keine Vorschriften und kein jüdischer Wühler holt sich politischen Rat von seinem Rabbiner. „Wenn aber ein orthodoxer Rabbiner in der „Kölnischen Volkszeitnng" die Juden gewissermaßen verpflichten will, für -das Zentrum einzutreten, so geht das sicherlich viel zu weit und -es zeigt uns nur, daß nicht viel Gutes dabei herauskvmmt, wenn die Theologen Politik treiben. Es soll gar nicht bestritten werden, daß die Zentrumspartei häufig in der Frage der .jüdischen Gleichberechtigung gerecht und konsequent war. Jeder Jude wird dankbaren Herzens an Männer wie Dr. Windthorst und Dr. Lieber denken. Die Zentrumspartei hat freilich wie rjede andere manche Wandlung durchgemacht, und man findet heute in ihren Reihen auch Männer, die nicht ganz frei von antisemitischen Einflüssen sind. Das soll aber der Partei nicht Lnm Vorwiuf gemacht werden. Man wird auch gern eingestehen, daß die „Kölnische Volkszeitnng" stets vornehm und gerecht, den Inden gegenüber war. Man wird, aber auch daran denken müssen, daß Zeitungen wie die „Germania" und die kleinen .Zentrumsblätter in Süddentschländ. wie z. B. die „Angsburger Postzeitung" sehr viel in Antisemitismus machen .und schon oft viel Unheil angestiftet haben. Die Zentrumspartei als solche verdient wie jede andere anständige Partei nufere Achtung, und es wird keinem, vernünftigen Inden einfallen, diese Partei zu bekämpfen. Aber.— ebenso ungerecht und unsinnig ist es, zu behaupten, daß den Inden seine religiöse Pflicht .zwingen müsse, für den- Kandidaten des Zentrums einzutreten. Am besten ist es, wemi man als Jude gar keine Politik treibt. Es gibt nur eine Politik für . die Inden Deutschlands, die ihnen.-ihr Selbsterhaltüngstrieb und ihr Ehrgefühl diktiert: -Ä l l.e s R e a k t i o it ä r e und Antisemitische mit d e n W..a f'f e it b e:r W. a hrheit u n d Gerechtigkeit .z u chekämpfen. Weiter kann und darf eine jüdische Politik --nicht, gehen. . FimMg Jahre Erinnerungen ans Amt und Leben. Skizzen von Bernhard Jakobsohn; besprochen von B. Singer, Jungbnnztau. Der Name Jakobsohn verleiht dem Kanlorenstande seit langem einen gewifsen Glanz, der noch erhöht wird durch den Umstand, daß dieser nun znm Veteran gewordene Fachmann auch als Pädagog auf solch hoher Stufe steht, daß er beide Aemter, Lehrberuf und Kantorat, in gleich ausgezeichneter Weise zu vereinen verstand, eine Aufgabe, welche eigentlich nach ihrer ganzen Ausdehnung nur einem Uebermenschen anzuvertranen möglich wäre. Was wir Kantoren dem Verfasser des obigen Buches zu verdanken haben, kann jeder in Landgemeinden Wirkende, der sich dessen „Schirebes jaatowu anschaffte, mit Genugtuung beweisen, daß er aus diesen zwei- und dreistimmigen Gesängen gewiß manchen Nutzen schöpfte. Es ist daher zu begrüßen, wenn ein in allen Satteln gefestigter Funktionär nach 50 jähriger Dienstzeit mit einer Selbstbiographie, welche seinen stufenweisen Fortgang dienstlich und gesellschaftlich, von Stellung zu Stellung, zeigend, auf dem Plan erscheint. In dem Buche treffen alle möglichen Fälle zusammen, die den Funktionär vorhergesehen und unvorhergesehen überraschen können, wenn er eine so mannigfaltige Tätigkeit, wie sie Jakobsohn hatte, entwickeln muß. Unser Kollege war, wie schon oben erwähnt, in erster Reihe Lehrer, welchen Beruf er als Schüler des Berliner Lehrerseminars, welches von Männern wie Rektor Horwitz, Dawid Cassel, Dr. Heinrich Beerwald, Leopold Lewandowski geleitet wurde, mit vorzüglichem Erfolge absolvierte. In engster Fühlung mit dem Lehrfach stand die Musik und gerade dieser hat er feine besondere Vorliebe entgegengebracht, indem er Klavierspiel und Harmonielehre stark pflegte. In diesem Streben nach Vervollkommnung suchte er und fand Gelegenheit, verschiedenen Aufführungen, Festlichkeiten anzuwohnen, unter anderem gedenkt er dabei der Einweihung des nenerbauten Tempels in der Oranienbnrgerstraße und kann den Eindruck nicht vergessen, den der große Lewandowskische Halleluja mit Orgel- und Posannenbegleitung bei allen Anwesenden hervorrief. Selbst Otto von Bismarck, der nachmalige große Kanzler, der damals als Vertreter der Regierung der Feier beiwohnte, reichte Lewandowski die Hand und dankte für den Genuß, den er empfangen. Nebst Lehrfach. Gesang und Musik hat er auch nicht außer acht gelassen, sich in der Redekunst zu üben und wie aus der weiteren Schilderung in diesem Buche zu ersehen ist, mußte er, wie z. B. in Dortmund, auch als Prediger fungieren, und seine erste Leichenrede oder die erste Konfirmationsfeier, die Einweihung einer Synagoge, geben des Interessanten genug wieder. Doch blieb er bei allen diesen mannigfaltigen Berufsarten nicht stehen, und als die erste Kautorstelle in Leipzig ausgeschrieben war. welche er auch erhielt, übernahm er noch die damit verbundene Stelle eines Sekretärs des Deutsch-israel. Gemeindebundes. Was ec dabei zu leisten hatte, welchen Anforderungen er gerecht werden mußte, unter den Obmännern wie Kohner und Nachod, die er freilich ob ihres Geistes und ihrer Energie bewunderte, das zu ermessen ist nur dem anheimgestellt, dem das Getriebe einer Großgemeinde nicht unbekannt ist. Nun möchte man glauben, daß ein solch rastloses Arbeiten auch die Kräfte aufreiben muß; doch weit gefehlt. Jakobsohn wollte höheren Zielen nachgehen, denn Lehrfach, Kantorat, Rabbinat und Sekretariat waren ihm noch zu wenig. Er spornte seine Kräfte noch mehr an, um bei berühmten Opernsängern Gesangsunterricht zu nehmen. Er wollte das musikalisch Schöne gesanglich auch für den Tempel verwenden. Er wollte aber gleichzeitig damit beweisen, daß der Gottesdienst nach der musikalischen Seite hin einer weiteren Ausdehnung bedarf. Schon feine Ansicht über die Verwendung der Orgel und der Organisten und ihre Beziehungen zu Kantor und Gemeinde sind auf Seite 85 dieses Buches prägnant dargestellt und seine Ratschläge hierin sind das Instruktivste, was in dieser Richtung geboten wurde.

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