Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 23 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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©eite 6 Die Wahrheit Nr. 23. Auswanderer besteht, ist es noch niemals vorgekommeu. daß jüdische Emigranten gezwungen worden wären, die Stadt wie bettelnde Zigeuner zu verlassen. Die Karawanen bestehen nach den bereits sehr oft gemachten genauen Feststellungen ans Wanderbettlern, welche in Sadagora und verschiedenen galizischen Orten Wagen und Pferde mieten oder kaufen, um mit ihren Familien regelrechte Schnorreisen zu unternehmen. Das Burean der Israelitischen Allianz (Wien, II., Untere Douaustraße 33) ist bereit, jedesmal gegen Mitteilung der Personalien und Angaben der Wanderer Auskunft über die Richtigkeit derselben zu erteilen. Eine katholische Kargerschullehrerin über die zionistische Propaganda. Vor einigen Wochen sprach in einer zionistischen Versammlung in Eger Herr Kurt B l n m e n f e l d ans Berlin über „Zukunft der Juden". Da der Vortrag mittels Plakate dem Publikum bekauntgegeben wurde und für jedermann zugänglich war, erschienen auch im Vortragssaale einige Christen bezw. Christinnen (eine überaus seltene Erscheinung in unserem Kahalleben), um den Ausführungen Blnmeufelds, der auf den Plakaten als glänzender Redner gepriesen war, init Neugierde zu lauschen. Der Referent, äs facto ein brillanter Redner, würzte seinen Vortrag mit geistreichem Witzschwang aber auch oft die Geißel seiner ätzenden Satyre erbarmungslos über die Häupter der Assimilationssüchtigen in Israel. Mit der ganzen Wucht seines Wortes schüttete er die Schale seines Spottes über die Gestalten jener westlichen Juden, die sich ihrer östlichen Brüder schämen und denen ein unverfälschter Antisemit noch immer sympathischer erscheint als der polnische Jud mit Peies. Er geißelte die jämmerlichen Verstecknngskünste der sogenannten liberalen. Inden und ließ charakterlose Figuren vorbeipassieren, die in Pardubitz begeisterte ^Nazäar! "-Rufer sind, nach Eger aber übersiedelt, am allerliebsten mit den teutonischen Wölfen heulen würden. Er wetzte, er stutzte, er kratzte und putzte den laugen, gefärbten Bart der jndenliberalen Presse, daß es eine Passion war! Die „Neue Freie Presse", das „Berliner Tageblatt", das „Prager Tagblatt" nsw. wurden als Organe gekennzeichnet, welche den Mantel nach dem Winde drehen, und es wurde ihnen vorgehalten, daß sie traurige Tatsachen inbezug des Judenhasses gänzlich totschweigen, um nicht das liberale Deutschtum (ein Wesen, das eigentlich nicht mehr unter den Lebenden weilt) in den Augen der Inden zu mißkreditieren. . . Wie ich bereits hervorhob, war die Versammlung eine öffentliche und allgemein zugängliche und trotzdem lag ein Alpdrücken auf der Brust des jüdischen Auditoriums, dieweil einige christliche Damen dem Vortrag anwohnten. Grollte doch allzu mächtig des Redners Donner .... und mancher sagte oder dachte sich: Das fehlt uns noch in Eger! Verstummen doch die „Egerer Neuesten Nachrichten" mit ihrem Schimpfen über die Juden nicht, heißen uns bald Protzen, bald Feiglinge und Gott weiß, was noch alles und nun hören wir einen neuen Ni8o1i6berach. . . . . Al horischonim onn miztarim weatto bo leosiw." Vor einigen Tagen erst hatte ich Gelegenheit, mit-einer christlichen Dame, die dem Vortrage Blumenfelds ebenfalls anwohnte, über das Thema „Zukunft der Juden" zu diskutieren. (Die Dame heißt Fräulein Weber und ist Fachlehrerin an der Schule, au der ich den Religionsunterricht erteile.) „Fräulein sind unlängst in eine jüdische Versammlung hineingestolpert!" - - „Oho, dagegen muß ich protestieren!" fiel mir Fräulein Weber ins Wort. „Ich bin nicht hineingestolpert, sondern vorsätzlich hingegangen, ^ch muß Ihnen bemerken, daß ich in meiner Jugend sehr viel mit Israeliten verkehrte. Vor ein oder zwei Jährchen traf ich nun im Coupee eine jüdische Jugendfreundin, welche mich übersehen wollte . . .' ich aber ging auf sie zu und redete sie an: Was habe ich Dir, Berta, denn angetan, daß Du Dich vor mir zu verstecken suchst? Sie , meinte, ich sei gewiß auch in Eger Antisemitin geworden und schämte mich der früheren Jugendfreundschaft, -weswegen sie sich mir nicht anfdringen wolle. Ich aber wies diesen Vorwurf entschieden zurück und sagte: Eher kann ich dich des Antisemitismus zeihen! „Wieso?" fragte sie betroffen. „Weil du die Speisegesetze, diese hehren Satzungen eurer Religion mißachtest und mit Füßen trittst und hier öffentlich Schinken, genießest, eine Handlung, die in. meinen Augen ’ einer Verhöhnung der mosaischen Lehre gleichkommt. . ." Auf unser Thema übergehend, fragte ich nun die Dame: „Ist Ihnen, Fräulein, überhaupt bekanntwas die zionistische Bewegung anstrebt, wußten Sie, wo die Rede Blumenfelds hinsteuerte?" — Darauf erhielt ich folgende Antwort: „Ich lauschte mit besonderem Interesse Blumenfelds Ausführungen und kenne auch so ziemlich das zionistische Programm, aber Eines vermißte ich indiesem Vortrag : Die Aufforderung zur jüdischen Tradition! Wer hat euch denn die Fessel der Pharaonischen Sklavenschaft gesprengt? — Moses! —- Und nun lasset Ihr seine Lehre gänzlich außer Acht! Geradezu lächerlich, was man zur Ent^ schuldigung sagt: Das konfessionelle Moment wird aus der Bewegung ausgeschaltet. Religion Nebensache —- Privatsache. Eine jüdische Bewegung ohne jüdische Tradition entbehrt jeder Eigenart, ist eine Fischerei ohne Wasseranlagen. Ich war nahe daran, mich in eine Diskussion mit Herrn Blumenfeld einznlaffen, habe mich aber eines Besseren besonnen.Das Judentum war stark in seinem Glauben an Jehowa, immun gegen den äußeren Feind und wird wieder gesunden, wenn es wieder zu seinem alten Gotte wie ein reuiges Kind znrückkehrt." Armin Wilkowitsch. Die Steünng der Inden;u den politische» Parteien. Anläßlich, der kürzlich vollzogenen Wahlen in den preußischen Landtag wurde im Berliner Abwehrblatte die Stellung der Juden in Preußen zu den eiuzeluen Parteien erörtert und die daselbst gegebenen Anregungen verdienten insbesondere im Hinblick auf die eben in Durchführung begriffenen Landtags- , wählen in Mähren, mutatis mutandis, auch für die österreichischen Juden vollste Beherzigung. In dem beregten Artikel heißt es folgendermaßen: Die Wahlen im preußischen Landtag rücken immer näher heran, und wenn sie auch durch das bureankratisch-reaktionäre Dreiklassenwahlsystem keine Volkswahl e n im liberalen Sinne sind, so interessieren sie doch das Volk ungemein. Ja in mancher Hinsicht erscheinen die Landiagswahleu noch wichtiger als die Reichsratswahlen, weil hier die kleinen Fragen zur Entscheidung gelangen,, die häufig mehr ins Leben eingreifen als die großen. - . Die Parteien haben längst ihre Kandidaten anfgestellt und sind zum Kampfe gerüstet. Aber auch für den jüdischen Bürger ist die Wahl, vom Standpunkte der Wahrnehmung der Gleichberechtigung von großer Bedetttnng. Ganz, davon abgesehen, daß Preußen auch den Ton im Reiche angibt, ist did Sache schon darum sehr wichtig, weil das Übel häufig nicht in der Gesetzgebung, sondern in der Verwaltung ruht. Manchmal erscheint eine schlechte Gesetzgebung mit einer guten Verwaltung besser als ein vortreffliches Gesetz mit einer schlechten Verwaltung. Für die Verwaltung aber, für die eigentliche Ausübung des Gesetzes kann dieLandtagswahl von eminenter Tragweite werden. Es braucht wohl nicht gesagt zu werden, wie sehr der jüdische Bürger in Preußen darunter leidet, daß die Verwaltung fast ausschließlich in nicht vorurteilsfreien konservativen Händen liegt.. Darauf Einfluß zu gewinnen und hier Wandel zu schaffen, muß das Ziel einer gesunden praktischen Politik im Geiste der Gerechtigkeit sein. Daß der jüdische Bürger neben seiner politischen Weltanschauung auch als Jude bei der Wahl interessiert ist, das zeigt uns den ungesunden Zustand, in dem wir leben. In normalen Verhältnissen würde der Jude in Preußen wohl in der Synagoge, aber nicht in der Politik