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Die Wahrheit · 1913-06-13 · Heft 23 (13.6.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 23 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23. Die Wahrheit Seite 5. Jubilar, „sich einer une in best ußten, objektiven und unparteiischen Verwaltung des öffentlichen Dienstes zu befleißen." Würden keine einander widersprechenden Gesetze in Oesterreich existieren und würden auch alle autonomen Verwaltungen den Kaiserwunsch beachten, dann könnte die tatsächliche Abdrängung der Juden von allen öffentlichen Beamten- und Lehrerstellen, trotz ihrer wiederholt vom Kaiserpatriarchen bestätigten Staats- und Kaisertreue, nicht stattfinden. Wenn auch die wirtschaftlich gut gestellten jüdischen Volksschichten unter dem Judenboykotte weniger leiden als die mittellosen, aber arbeitsfähigen und arbeitswilligen, so müssen sich solche Juden, die noch nicht vor der Taufe stehen (weil auch der Abfall vielfach nicht mehr zu Ziele führt) doch sagen, daß durch die entwickelte Indolenz auch ihre eigenen Kinder und Enkel geschädigt werden. Wer die Juden schädigen will, soll dies nur. durch Nichtbeachtung der bestehenden Gesetze ausführen können und deshalb müssen alle jüdischen Staatsbürger die Sanierung des österreichischen Gesetzeschaos eifrig fordern. Die Gesetzesverwirrung bildet in Oesterreich die größte Gefahr — nicht nur für die Inden. R. L. Die Nächstenliebe. Ein Blick in das Buch der Bücher genügt, um uns zu überzeugen, daß die am Sinai Israel verliehene Thora nicht nur allgemeine Menschenliebe, Menschenverbrüdernng lehrt und predigt, sondern auch ihren Bekenneru einschärst, jede übermäßige Sympathie wie jede unberechtigte Antipathie sorgfältig zu vermeiden, um jeden Menschen, der einen sittlich reinen, moralischen Lebenswandel führt, seine Pflichten gewissenhaft erfüllt, möge er auch einen anderen Volke, einer anderen Konfession angehören, wie seinen eigenen Glaubens- und Stammesgenossen liebevoll behandeln zu können. Die Erfahrung lehrt, daß es auch unter Juden, besonders in'der mindergebildeten Klasse Leute gibt, die den Glaubens¬ und/ Stammesgenossen inniger und wärmer lieben als den Nichtjuden, während ihr Haß gegen jenen Glaubens- und Stammesgenossen, der ihnen irgend ein Unrecht zngefügt, weit grimmiger und unversöhnlicher ist, als gegen den Nichtjnden, der sie ins gräßlichste Unglück gestürzt hat, was auch öfters von den Weisen in Israel auf das schärfste getadelt wurde. (Midrasch Tehilim 18.) Zieht man nun diese nationalen Eigentümlichkeiten in Betracht, so wird man auch die Verse 17 und 18 im III. B. M. 19 zu deuten wissen: „Hasse nicht deinen Bruder (ocliiclio Glaubensbruder) in deinem Herzen, während du ihm sonst äußerlich mit einem warmen Händedruck freundlichst entgegenkommst. Wenn dir dein Stammesgenosse Amitecho ein Unrecht getan, nämlich dich gekränkt, beleidigt hat, so steht es dir frei, ihm Verweise zu geben, sein unwürdiges Benehmen, wie seine ungerechtfertigten Behauptungen zn tadeln, nur trage ihm das Vergehen nicht nach. Räche dich nicht, berge nicht den Haß in dir gegen Bene' Amecho deine Volksgenossen, sondern sei gegen sie so versöhnlich, wie gegen deine äußeren Feinde, „weohawto lereacho koinocho und liebe den Nichtjnden — den Rea — so innig, wie du den liebst, der dein Stammesgenosse ist." Rabbi Akiba sagte daher mit Recht: „Dieses Gebot ist ein allumfassender Grundsatz der Thora." In ähnlichem Sinne hatte auch Hillel jenen Heiden, der in den Verband des Judentums unter der Bedingung ausgenommen zu werden wünschte, daß er ihn mit den Grundlehren der ganzen Thora in sehr gedrängter Kürze vertraut mache, belehrt: „Was dir nicht angenehm ist, tue auch anderen nicht" ist das.Grundprinzip der ganzen Thora, „willst du dich hievon überzeugen, sü gemor, so gehe hin und lerne, dringe ein in den Geist der Thora und du wirst erfahren, daß fast alle ihre Gesetze und Vorschriften dahin zielen, jeden Haß und Groll gegen Glaubensgenossen, wie gegen Andersglaubende und Andersdenkende zu bannen und nur allgemeine Menschenliebe. Menschenverbrüdernng, Menschenbeglücknng zn fördern." Und da haben noch die Antisemitenhänptlinge im 20. Jahrhundert den traurigen Mut, jeden arischen Verräter als Jitdenstämmling zu stigmatisieren. Veritas. Cmigrmltensürsorge der Israelitischen Allianz ju Wien. Während des Monates Mai 1913 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 175 Emigranten, davon 153 russische und 22 rumänische weiterbefördert. und zwar 95 nach den Vereinigten Staaten, 32 nach Argentinien, 22 nach Canada, 24 nach Frankreich und 2 nach anderen Ländern. In die Heimat znrückbefördert wurden 26 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurde im Monate Mai für 31 Personen zusammen 100 Tage Logis und volle Verpflegung gezahlt und an 93 Emigranten insgesamt 279 Speisemarken für die Israelitische Volksküche ausgegeben. -ir * * Die Zahl der unterstützungsbedürftigen jüdischen Emigranten besonders aus Rußland weist leider infolge der schweren Bedrückungen, welchen unsere Glaubensgenossen im russischen Reiche ausgesetzt sind, seit längerer Zeit eine regelmäßige Steigerung auf. Das Bureau der Israelitischen Allianz ist namentlich an den speziell für die Emigrantenabfertignng bestimmten Tagen (Montag, Mittwoch und Freitag) von unglücklichen Familien überfüllt, die teils mit Empfehlung der russischen Komitees nach Wien gekouimen sind und nach bestimmten überseeischen Zielen reisen, teils noch ohne Plan mit ganz unzulänglichen Mitteln in fernen Ländern eine Existenz suchen wollen. Bei der großen Anzahl der Hilfesuchenden und den sehr beschränkten Mitteln des Vereines (besondere Spenden zugunsten der verfolgten russischen Juden gehen leider der Allianz seit mehreren Jahren nicht mehr zu, seitdem an Stelle der blutigen Pogrome der stille Vernichtungskampf gegen die Juden in Rußland getreten ist, von welchem die Oeffentlichkeit wenig erfährt) können Beiträge nur in besonderen Fällen und bis zu einer gewissen Höhe bewilligt werden. Um in größerem Umfange das Elend lindern zu können, müßte in weiteren Kreisen unserer besser situierten Glaubensgenossen die Hilfsbereitschaft für unsere verfolgten Brüder wieder erwachen und durch Zuführnng hochherziger Spenden au die Israelitische Allianz (Wien. II., Untere Donaustraße 33, Scheckkonto 8152) ihre Aeußerung finden. * * * Warnung vor den „Karawanen" zigeunernder, angeblich r u s s i s ch e r Juden. Aus Notizen jüdischer Wochenblätter ist zn ersehen, daß schon wieder wie seit Jahren in jedem Frühjahr in der Bukowina Karawanen bettelnder Juden sich auf den Weg gemacht haben, die mit Frauen und Kinder:: nach Zigeunerart in Wagen besonders durch die kleineren Städte Oesterreichs und Ungarns reisen und sich als russische Emigranten, namentlich aus Kiew, ausgebeu. Die jüdischen Gemeinden und Vereine werden vor diesem Unfuge und Schwindel gewarnt und es wird ein für allemal bekannt gegeben, daß bei der bestehenden Hilfsorganisation der Israelitischen Allianz mit ihren Filialen und Schutzkomitees in Czernowitz, Brody, Krakau und anderen Grenzorten es vollkommen ausgeschlossen ist, daß wirklich durch Verfolgungen zur Auswanderung gezwungene russische Juden von Ort zn Ort wandern müssen, um nach Wien zu gelangen. Es ist dafür gesorgt, daß die wirklich Verfolgten und der Hilfe Bedürftigen schon durch die in Rußland selbst eingesetzten Komitees die nötige Unterstützung finden, an der österreichischen Grenze von den Vertretungen der Allianz übernommen und mit der Bahn direkt an ihr Ziel geschickt werden. Speziell' in Kiew, wo eine der reichsten und wohltätigsten jüdischen Gemeinden Rußlands und außerdem ein mit der Allianz in Wien korrespondierendes, leistungsfähiges Hilfskomitee für

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