Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit Sette 9 -ohne Schaden derselben, möge durch reichliche Beiträge dahin gewirkt werden, daß es bald wieder von diesem uralten Sitze jüdischer Gelehrsamkeit heiße: tp. D i e Jeschiwah lebe w i e d e r a u f, verjüngt aus der -Asche hervor- .gehend, i n erneute m Glanze! Anf dem Wege nach Aernsalem Reisebriefe von Rabbiner Dr. Armand Kaminka. (Fortsetzung.) Die Notwendigkeit einer R e o r g a n i s a t i o n d e r -Ehalnka. —I. M. Pines, Ben Jehnda und Rabbi 'Lha im Sonnen seid. — Eine Massora über den Skeptizismus. Daß keine Fabriken, keine großen Handelshäuser bestehen, cdaß keine hinlänglichen materiellen Werte durch physische Arbeit geschaffen werden, wäre schließlich nicht so schlimm, wenn die Juden Jerusalems, den „genius loci“ erfassend, sich in die 'Religion vertiefen, die jüdische Vergangenheit erforschen, dem Talmndstndinm ernstlich obliegen, führende Geister nrr das -Gedankenleben der Glaubensgenossen in der Diaspora hervorbringen würden. Aber nichts von alledem ist der Fall. Unzählige Jeschiwas und Talmnd-Thoras bestehen allerdings und verschlingen ungewöhnlich hohe Summen. Um nur die größten dieser Anstalten zu erwähnen: Die Einkünfte der Talmud-Thora ..„Ez chaim“, welche 900 Schüler besitzen soll, und der Jeschiwa gleichen Namens, welche 1855 begründet wurde und 210 Studierende zählt, werden zusammen anf 140.000 Francs -jährlich veranschlagt; das Budget der Jeschiwa „Torath -chaim“, 1887 durch Rabbiner Jsak Winograd gegründet, angeblich 300 Studierende zählend, beträgt 120.000' Francs -jährlich; Jeschiwa „Mea Schearim“, 150 Zöglinge, 60.000 Francs jährlich; Talmnd-Thora gleichen Namens, 300 Schüler. -30.000 Francs jährlich; sephardische Talmnd-Thora. 600 Schüler.. 15.400 Francs jährlich. Ob die Zahl der Schüler überall der Wirklichkeit entspricht, könnte man vielleicht in Zweifel ziehen, die Höhe der Einkünfte aber kann als sicher gelten. Danach müßte Jerusalem eine Art Oxsord für die Judenheit der ganzen Welt sein; tatsächlich aber ist nicht ein einziger hervorragender „Lamdau". nicht ein einziger bedeutender Rabbiner, nicht eine einzige Persönlichkeit mit großen Ideen, -.mit tiefer Gelehrsamkeit, mit weitem Gesichtskreis in neuerer Zeit aus Jerusalem hervorgegangen; kein „Gaon von Wilna", kein C h a s s a m S o f e r, kein bedeutendes Jeschiwa-Oberhanpt, wie es jetzt noch viele in Rußland und Ungarn gibt, — von Modernen Theologen, Philosophen und historisch-archäologischen Forschern gar nicht zu reden. Es fehlt an einer zweckentsprechenden, zeitgemäßen Organisation und würdigen Leitung dieser durch so reichliche Spenden vom Auslande erhaltenen Bildungsstätten. Ein ebensolcher Mangel an einer zeitgemäßen Organisation ist das große Unglück der.Verwaltung jener grandiosen Spendensammlung, welche unter dem Namen „Chaluka“ (Verteilung von Unterstützungen) bekannt ist. An die Adresse der .verschiedenen „Kolelim" oder Landsmannschaften gelangen zusammen Millionen Francs jährlich, ohne daß dadurch die 'Armut sichtlich vermindert und der private Bettel in jeder Form .aufhöreu würde. Ungarn allein sendet für seine 2700 Landsleute etwa 400.000 Francs (die Gesamteinkünste des Kolel werden ans 500.000 Francs berechnet), Galizien für etwa 3000 Seelen 270.000 Francs, Warschau für fast 2000 Seelen 175.000 Francs, ganz Rußland für etwa 17.000 (?) Angehörige von 15 Kolelim zusammen nahezu 500.000 Francs jährlich. Die effektiv zur Ausgabe in Jerusalem gelangende Chaluka wird auf rund 1,445.000 Francs berechnet. Für verschiedene Waisenhäuser und Altenheime gehen separat 227.000 Francs jährlich ein. Dabei bleibt ein großer Teil der Spenden als Provision bei den Agenten und Abgesandten, die durch alle Weltteile reisen, um das fromme Werk zu fördern. Im 6. Bande der ^Jewish Encyclopedia“ ist das Faksimile eines Vertrags -veröffentlicht, der von einem Kolel mit seinem nach Südamerika 'gesandten Agenten abgeschlossen wurde. Danach bekommt der Abgesandte außer seinen Reisespesen und Barauslagen 30 Prozent aller von ihm gesammelten Gelder, ferner nach seiner Rückkehr von der Reise 10 Prozent aller Beiträge, die infolge seiner Agitation einfließen werden. Ein großer Teil der Chalukagelder fließt aus den Sammelbüchsen, die anf den Namen des „Wundertäters Rabbi Meir" unter den orthodoxen Juden besonders in Ungarn und in Polen verbreitet sind. Es ist nicht sehr ehrenvoll für die Chalnkaverwaltnng, daß sie diese Spekulation auf den Aberglanbeu betreibt, trotzdem kein Geringerer als der berühmte Oberrabbiner von Prag, Salomon Jehnda Rappaport, in einem bereits im Jahre 1868 in Kobaks „Jeschurnu" veröffentlichten Briefe nachgewieseu hat, daß die Sammlungen unter diesem Namen ein unverzeihlicher Mißbrauch sind und auf kraffer Unwissenheit beruhen. Die Verwaltung der ungarischen Spenden, mit welchen zusammen auch Gaben ans Westösterreich einkassiert werden, nennt sich in ihren Zirkularen und in dem von ihr verbreiteten jüdischen Kalender offiziell: „Oesterreichisch-nngarisch-böhmischmährische israelitische Gemeinde"! Die orthodoxen Anloruälen Ungarns setzen in diesen Kolel ein unbegrenztes Vertrauen, welches hauptsächlich durch den integren Charakter des Rabbiners Chaim Sonnenfeld gestützt wtrd, welcher in Jerusalem an der Spitze dieser so merkwürdig bezeichneten „Gemeinde" steht. Würde die Verwaltung auf die veraltete Art der Sammlung verzichten und anfhören, der frommen Täuschung durch die „Rabbi Meir Baal HaNes"-Legende Vorschub zu leisten, so würden sich wohl die Einkünfte stark vermindern; sie würden aber andererseits eine bedeutende Steigerung erfahren, wenn die 25 diversen Kolelim zusammen eine einzige wirkliche Gemeinde bilden und eine rationelle, den modernen Verhältnissen entsprechende soziale Fürsorge in Angriff nehmen würde. Manche Funktionäre würden dabei möglicherweise ihre Rechnung nicht sinden. aber die Jndenschaft Jerusalems würde endlich zu einer Achtung gebietenden Korporation werden. Nach dem Gottesdienste besuchte ich den greisen, krank darniederliegenden Jechiel Michel Pin es, einen der wenigen durch Gelehrsamkeit und Tatkraft in gleicher Weise hervorragenden Männer, die seit einem Menschenalter mit großer Hingebung für die Sanierung der Wohlfahrtseinrichtungen und für die allgemeine kulturelle Hebung Jerusalems gewirkt. Seine Tage waren gezählt. Wenige Monate darauf starb dieser vielleicht bedeutendste Denker unter den gebildeten Juden Jerusalems der gerade wegen seiner gemäßigten Anschauungen und weil er eine konservative religiöse Gesinnung mit modernen Bestrebungen vereinigte, bei keiner der Parteien zu der ihm gebührenden Geltung gelangt ist. Ich bewahre als Andenken eine mir von ihm vor der Abreise übersandte, mit einer gereimten Widmung versehene gelehrte Schrift, welche eine seiner letzten Arbeiten war. Auf dem Rückwege ins Hotel treffe ich Ben Jehnda, den verdienstvollen Herausgeber des großen, bei Laugenscheidt in Berlin erscheinenden ^ll'hssanrrtg totins Hebraitatis“ — eines Riesenwerkes, in dessen Würdigung alle Parteien übereinstimmen. während über seine sonstige Tätigkeit sehr divergierende Urteile bestehen. Ben Jehnda ist der Repräsentant der radikalsten antireligiösen Bewegung, einer der Begründer des jedenfalls in unserer Zeit nach einer zweitansendjährigen religiösen Entwicklung ganz phantastischen, sich lediglich ans die hebräische Sprache stutzenden Nationalismus. Auf sein trauriges Bespiel dürfte es zurückznführen sein, daß es jetzt etwa 500 Inden in Jerusalem gibt, die sehr „national" sind, aber prinzipiell nur Chomez am Peßach genießen. Er war aber auch der erste, der bereits vor über 30 Jahren, als er nach Jerusalem kam, das Hebräische in seinem Hause als Umgangssprache einführte itnd har den Triumph erlebt, daß jetzt in der Tat das Hebräische in Jerusalem vielfach unter den gebildeten Juden als Umgangssprache benützt und nicht nur in den rein zionistischen Schulet:, sondern auch in denjenigen des Berliner Hilfsvereines zum großen Teile als Unterrichtssprache angewendet wird. Die Extreme wohueit in der heiligen Stadt nahe nebeneinander. Als ich ins Hotel zurückkam, traf ich den obersten Repräsentanten der ungarischen Orthodoxie, Rabbi Chaim