Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 Die. Wahrden Sette 7. .' ' „ Hoch geehrte. Gen eralv ersantmlun g! ' / / / - - ' - 100. Fahre, bevor bie Stürme der Märzrevolution unser ' Vaterland dnrchbrausten^ war in 'Genf ^I^'ssxrih äs loitsu von 7M on t e s qn i;e u erschienen, eine Schrift, deren Fundamentalsätze zum großen Teile noch heute in. ungeminderter Geltung liehen. Sie finden dort unter 'anderem ein Axiom.' welches erst im abgelanfenen Jahre die ganze Welt in Atem hielt. „Wenn - e i n .Volk"/ sagt Montesquieu, „s i e h t, d a ß ein längerer Fri ede ein anderes in den Stand setzelr würde, es zu vernichten und daß der An- . g r i f f , i n d i e s e m Augenblick das E i n z i g e i st, dies e V e rn i ch t u it g zu verh in d e rn. so hat e s e i n R e ch t aus Not weh r". Daher . haben kleine Gesellschaften -öfter das Recht, .Krieg zu führen, als die größeren, weil sie häufiger in der Lage sind, ihre Vernichtung befürchten zu müssen. Glauben Sie nicht, meine Verehrten,. daß ich eine Debatte äs ^olitiois herbeiführen möchte. Nicht von den Ereignissen des letzten Jahres, nicht von dem namenlosen Elend, von dem vielen .Unglück und dem Jammer, der insbesondere auch dieJuden betroffen hat, will ich sprechen. Gewiß haben auch die kriegerischen Ereignissedazu beigetragen, daß an die Wohltätigkeitsvereine und Stifrnngen größere Anforderungen wie sonst gestellt worden sind, denn wie kann der kleine Schuster, der kleine Hausierer, oder 'wer immer, ein kleiner Handwerker oder Kaufmann feine Ware nbsetzen, wenn die Kaufkraft seiner Kundschaft durch Herabminhernng der Arbeiterzahl in den Fabriken, oder vielleicht durch -gänzliche Einstellung der Arbeit dortselbst auf ein Miuimnm gesunken ist, gar nicht zu sprechen von den Familien, deren Ernährer-durch Waffenübnng oder'Kriegsdienst ihres normalen ^Erwerbes entbehren. Nicht ans die erwähnten Völker, nicht ans Staaten überhaupt läßt sich die ausgestellte Lehre beschränken, auch ans die Verhältnisse von Nationen, Rassen oder Religions- .genteinden usw. kann es ohne weiteres übertragen werden. /Die vielen Anfeindungen, denen die Juden heutzutage .ausgesetzt sind, richten sich viel weniger gegen die Reiche n. Mächtig e>n, die in der höheren Gesell- 'schaft Fuß gefaßt haben, es f a l le n v i e l m eh r die Arm e u, S ch w a ch e u, W i d e r st a n d s l o s e n a m ch ä u f i g st e n i h r e n F e i n den z u m OPfe r. Lange Jahre hindurch hat die bodenständige Judenschaft sich von jenen schwachen Elementen zurückgezogen, ja mit Gleichgiltigkeit und "Verachtung ans sie herabgeblickt und erst diemächtige Sturmflut der christlichsozialen Bewegung war im Stande, auch die sogenannten feinen und gebildeten Juden darüber aufznklären, daß sie allein niemals im Stande wären, ihre Position zu behaupten und daß nach Vernichtung der schwächeren Elemente auch der .Untergang der stärkeren ein unvermeidlicher geworden wäre. In diesem Falle täten nun, die Inden das, was seit Olims Zeiten der Grundgedanke des Gesellschaftslebens war, sie schlossen sich eng aneinander und aus dem schwachen Rohr war ein unbiegsamer, starker Bund geworden. Auch der Wohltätigkeitssinn der jüdischen Herzen konnte wieder zur Geltung kommen, und abgesehen von seigen,, egoistischen Ueberläufern, war auch der erste Jude dem -Schmerz eingewanderter Glaubensgenossen nicht verschlossen. Eine notwendige Folge des früher ansgesprochenen Ge- .däukens war die Schöpfung der „Z e u t r a l st e l l e f ü r chas jüdische Armenwesen" und wir können heute, wo wir zur fünften Delegiertenversammlung zusammengetreten -sind,".glaube ich, mit gutem Gewissen behaupten, daß die > .Zentralstelle ihre Existenzberechtigung zur Genüge bewiesen hat. Ich habe Ihnen im Vorjahre Mitteilung gemacht, von den für die Kinderbekleidung geschehenen Schritten und Sie -werden aus den später in Kürze angeführten Zahlen.ersehen, daß. unch heuer ans diesem. Gebiete in derselben Richtung fortgeschritten -wurde, ja, daß sich noch, einige Vereine, welche im Vorjahre -gezögert haben, sich unseren Aktionen angeschlossen haben, so daß tatsächlich bie; F r a g e der G e m e i n s a mk e i t a u f d iese m Ge bi et e bald als : eine erledigte anzusehen sein dürfte.- . - : - Auch was den Abtransport v o n' z u g e r e i st e n /K r a n keu nach Absolvierung ihrer Behandlung betrifft, wurde ein. inniger Zusammenschluß erzielt und jene Vereine, welche an dieser gemeiniamen Aktion teilnahmen, werdeu Ihnen gewiß bestätigen. daß eirre rationelle Znsührung von _ Mitteln durch diese Vereinigung ermöglicht worden ist. Auch in diesem Jahre war die Zentralstelle, mit der immer n n t e r Z n g r u n d et e g n n g d e s G r n n d s a tz e s d e r Selb st ä n d i g k e i r u n d U n a b h ä n g i gke r t der Vereine auz nst r e b e n den Z e n t r a l i s i e r u n g eingehend beschäftigt und es wurde über Anregung des Fräulein Lea B o nd y d er „V e r b a n d zur F n r s o r g e für K u r b e d ü r s t i g e" geschaffen, welcher Delegierte aller Körperschaften in einem Arbeitskomitee vereinigt mld ermöglichen wird, daß Leute emerseits daran gehindert werden, sich die Mittel, welche sie für die Kur aufzubringen haben, mehrfach durch Einzeliuanspruchnahme der Wohlfahrtseinrichtnngen zu beschaffen, andererseits aber wird der Verband in Zukunft verhüten, daß wirklich Kranke durch vergebliche Anstrengung, sich die Mittel für die halbe Fahrkarte, die Verpflegsnud Reisekosten anszubringen, daran gehindert werden, rechtzeitig an ihrem Bestimmungsort einzutreffen. Die Konstituierung des Verbandes, welche vergangenen Dienstag ihren formellen Abschluß, gefunden hat, wurde von allen beteiligten Vereinen mit Freuden begrüßt. Selbstverständlich hat es die Zentralstelle nicht unterlassen, auch die vorhandenen Schöpfungen weiter auszubauen, die Anza h l der Katasterblätter hat sich um 2100 vermehrt, die Anfragen. welche im vergangenen Jahre 2747 betrugen, stiegen im abgelanfenen Jahre auf 4500, woraus sich leicht ersehen läßt, daß nach und nach der Gedanke eines Zentralkatasters immer mehr Anklang findet, und als besonders erfreuliches Moment muß auch darauf verwiesen werden, daß die Zahl der der Zentralstelle angeschlossenen Mitglieder sich um 60 erhöht hat." Der Redner erstattet nun den finanziellen Bericht, in welchem er die Details der Einnahme- und Ausgabeposten beleuchtet und fährt dann fort: „Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß ein der Zentralstelle angeschlossenes Institut, durch ein Detektivbüro bezüglich der Gesnchschreiber Erhebungen pflegen ließ, und möchte Ihnen diese mit Hinweglassung der Namen zur Kenntnis bringen: „Angefragter ist in der ganzen Gegend als Mann bekannt, der davon lebt, daß er Leuten Gesuche au verschiedene Stiftungen uub Vereine schreibt und sich dafür bezahlen läßt; ferner sich gleichzeitig von der eventuellen Unterstützung einen entsprechenden Anteil bedingt; selbstredend hängt dieser Anteil von der bewilligten Summe ab. Er gibt selbst Ratschläge wohin man eiureichen soll, spricht so, als hätte er mit allen führenden Persönlichkeiten in den Stiftungen Verbindung, verspricht dem einen Unterstützungen von 100 bis 200 Kronen, dem anderen lebenslängliche Stipendien und dergleichen mehr. Die Bewerber glauben ihm aufs Wort, da . seine Gesuche fast stets Erfolg haben und er immer sehr orientiert spricht, wie z. B. „Das Gesuch hat Zeit, wenn es erst morgen weggeht, es kommt gerade zur Sitzung am Mittwoch" oder „seien Sie ohne Sorgen, lassen Sie mich nur machen." Die Bewohner des von ihm bewohnten Hauses leben fast ausschließlich von Unterstützungen verschiedener Wohltütigkeitsvereine. obgleich nicht alle bedürftig' sind, so z. B. Frau £., die den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzt, dort Karten spielt, ebenso Herr I., welcher noch sehr rüstig ist, zwei erwachsene Söhne besitzt, aber nichts arbeiten und nur von Vereinen leben. N. ist jedoch nicht der Einzige, der sich durch Gesnchschreiben erhält, er hat noch viele Mitarbeiter und da er oft fürchterlich zu tun hat, wie er sich auszndrücken beliebt, so läßt er auch den anderen etwas zukommen, indem er den Petenten direkt an einen solchen Helfer weist und ausdrücklich betont, derselbe wäre diskret und verläßlich undmache es genau io, wie er selbst. Die Gesuche werden, wie bis jetzt festgestellt wurde, im Cafe „Elektra", XX., Rauscherstraße, in einer Selcherei schräg vis a vis Rauscherstraße 5 und in der Branntweinschänke Weiß, Ecke Dammstraße, verfaßt und geschrieben."^