Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheil Seite 5. so hoher Bedeutung, daß Gott, der Herr nur deshalb Israel am Sinai die Thora verlieh, um durch ihre erhabenen Lehren Frieden und Eintracht, Humanität und Menschenverbrüderung in der Welt zu fördern." Und da wollt ihr Gegner Israels es noch wagen, zu behaupten, daß Moses die unvergleichlichen, ewige Wahrheiten enthaltenden Lehren der Thora nicht der am Sinai stattgefnndenen Offenbarung, sondern nur den Gelehrten Aegyptens und Babels zu verdanken hatte? Hatte man ihn in dem tiervergötternden, menschenverachtenden und verfolgenden Mizraim, oder in dem dem Götzendienste fröhneuden Babel gelehrt: Wenn ein Fremder — das heißt einer, der einer anderen Nation, einer anderen Rasse angehört — sich in euerem Lande anfhält, so dürft ihr ihn nicht drücken. Der Fremdling, welcher sich bei euch anfhält, soll von euch wie der Einheimische betrachtet und behandelt werden. Du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremdlinge in Zlizraüm gewesen: Ich der Ewige euer Gott"? Hatte Moses das Gesetz: „Du sollst einen heidnischen Sklaven nicht seinem Herrn ausliefern, wenn er bei dir vor seinem Herrn Schutz sucht; laß ihn bei dir wohnen, an welchem Orte es ihm gefällt, in einer deiner Städte, wo es ihm beliebt; du sollst ihn nicht drücken" den Neligionsbüchern der Weisen Aegyptens und Babels entnommen? Haben ihn vielleicht die Heiden, denen es erlaubt war, ihre neugeborenen Kinder dem Hungertode preiszugebeu, gelehrt: man soll das neugeborene Tier nicht vor dem achten Tage der Mutter entreißen"? Hatte er das schöne agrarische Gesetz, wonach Grund und Boden nicht für immer verkauft werden durfte, damit nicht der Pauperismus um sich greife; ferner das Gesetz: „Ihr sollt die Freiheit im Lande proklamieren und zwar leobol Joschweho für sämtliche Bewohner ohne jeden Unterschied, jeder muß endlich zu seinem früheren Besitze gelangen, es darf keine Enterbten geben," den Weisen Aegyptens und Babels zu verdanken? Waren sie es auch, die ihn den Wert eines jeden Menschen achten gelehrt? Hatte er überhaupt all die zahlreichen echte Humanität atmenden Lehren der Thora, die trotz des fortschreitenden Zeitgeistes, trotz Kultur und Bildung, trotz Eisenbahn, Elektrizität und Luftschiffe ihrer Verwirklichung unter den Völkern der Erde noch harren, den Weisen Aegyptens und Babels zu verdanken? Wer wäre so töricht, dies glauben zu wollen? Weder den ägyptischen Gelehrten noch den Weisen Babels, sondern einzig und allein der am Sinai geoffenbarten Thora hatte Moses jene erhabenen Lehren, die heute noch, nach so vielen Jahrtausenden von jedem intelligenten, vorurteilsfreien Menschen bewundert werden, zu verdanken, denn sowohl den Bewohnern Aegyptens als denen Babels waren damals Moral, Sittlichkeit, Humanität und wahre Menschenliebe fremde, unfaßbare Begriffe. Hüben und drüben wurden täglich Greueltaten sondergleichen verübt. „Nach dem Vorbilde Aegyptens, wo ihr gewöhnet, sollt ihr nicht handeln, auch nicht nach dem Vorbilde Kanaans, wohin ich euch führen werde, nach ihren Gesetzen sollt ihr nicht wandeln. Meine Rechte sollt ihr ausüben und meine Gesetze sollt ihr beobachten,, darnach euren Lebenswandel einzurichten, ich bin der/Ewige euer Gott" (HIB. M. 18.). Das heißt mit anderen Worten:' Nicht die Völker sollen euch, sondern ihr sollt den Völkern als Vorbilder voran euchten, zu diesem Zwecke habe ich euch die Thora verliehen. > In der Tat fxiiben wir ja diesen Gedanken in dem göttlichen Aufträge, den Moses knapp vor der Offenbarung am Sinai erhielt, in prägnanter Weise ansgedrückt: „So sollst du zu dem Hause Jakob's sagen und den Kindern Israels verkünden : Ihr habt gesehen, was ich den Mizrajim getan, ich habe euch auf Ädlerflügeln getragen und euch zu mir gebracht. Und nun, wenn ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund Hochhalten werdet, so sollt ihr mein besonders Eigentum unter den Nationen sein, denn mir gehört die ganze E r de," das Heißt: ich bin kein Nationalgott, sondern der Herr der ganzen Welt, der Schöpfer aller Wesen, Vater aller Menschen, der Lenker aller Geschicke und da ich es wünsche, daß meine Thora, deren Lehren und Satzungen allein geeignet sind, das Heil und Wohl der Menschheit znfördern. Gemeingut der gesamten Menschheit werde, so habe ich euch erkoren unter den Völkern der Erde als Lehrer, als Musterbilder voranzuleuchten. „Und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk." Ein Reich von Priestern! nicht etwa Priester, die, von hierarchischen Gelüsten durchdrungen, unausgesetzt bestrebt sind, in den Besitz der Macht zu gelangen, um ihren Ehrgeiz und ihre Herrschsucht befriedigen zu können, sondern Priester im Reiche der Wissenschaft, und jeder fromme, würdige und kenntnisreiche Jude, der in edler, uneigennütziger Weise die Kenntnis der Thora verbreitet und seinen Nebenmenschen als Musterbild voranleuchtet, wird in Israel ein Priester genannt. Ki sifse Chohen jischmera. daas wesoroh je-weakschu mipilra. „Die Aufgabe des Priesters ist es: die Wissenschaft zu fördern, die Thorakenntnis zu verbreiten, denn er gleicht einem höheren Wesen." (Maleachi 1, T.) Moses rief daher in seinen letzten Reden Israel ermahnend zu: „Siehe, ich habe euch gelehrt Gesetze und Rechte, wie mir der Ewige mein Gott befohlen hatte, daß ihr sie ansübt in dem Lande, dahin ihr kommt, es in Besitz zu nehmen. Beobachtet sie wohl — nicht bloß durch Worte — und übet sie ans ■weasisem, seid bestrebt, s i e im Leben durch die Tat zn verwirklichen, und so werdet ihr segensreich im Kreise der menschlichen Gesellschaft wirken, ench euerer hohen Aufgabe als Priester, als mamlechek kohunim, auf die glänzendste Weise entledigen, den Völkern der Erde imponieren und ihnen die Achtung abgewinnen, so daß sie sprechen werden: „Wahrlich, diese große Nation ist nur weise und verständig!" „Nur," rief er Israel im Namen Gottes zu, „hüte dich dann und nimm dich wohl in Acht, daß du die Dinge nicht vergessest, die deine Augen gesehen haben, und daß sie dir dein Leben lang nicht ans deinem Herzen kommen; mache sie deinen Kindern und Kindeskindern bekannt, den Tag nämlich, da du vor dem Ewigen am Horeb standest, da der Ewige zn mir sprach: „Versammle mir das Volk, ich will sie meine Worte hören lassen, damit sie lernen, mich Zeit ihres Lebens zu ehrfürchten und solches auch ihre Kinder lehren." Ja, solange die jüdischen Eltern ihre Kinder belehren und dafür sorgen werden, daß die Jugetld frühzeitig nicht bloß aus dem Buche der Bücher, sondern vorzugsweise auch aus dem religiösen Leben in den F a m i l i e n h ä u s e r u religiös denken, religiös fühlen und religiös handeln lernen, wird das Judentum als „priesterlicbes Volk" felsenfest unerschütterlich dastehen und die unbesiegbare Kraft besitzen, den herrlichen, unvergleichlich schönen Glanz der uralten, ewig neuen Thora zn erhalten und die glorreiche Zeit zu fördern, da die Erde voll sein wird von der Erkenntnis Gottes, jene Zeit, von der es heißt: „Und die Völker werden gehen und sprechen: Kommt, laßt uns hinanfziehen zum Berge Gottes, zum Hanse des Gottes Jakobs, daß er uns belehre über seine Wege und wir wandeln auf seinen Pfaden, denn von Zion geht die Thora aus und das Gotteswort von Jerusalem." Gin Krnnner RitimlmordProzeß. In den letzten Tagen hatte auch Brünn, das sich gerne als österreichisches Manchester bezeichnen läßt, einen Ritualmord- Prozeß, aber nicht von der Aversseite, sondern von der Reversseite. Es handelte sich nämlich nicht um die gerichtliche Feststellung einer Tat als Ritualmord, sondern um die Feststellung, ob die falsche Beschuldigung des Versuches zu einem Ritualmord als Verbrechen der Verleumdung oder bloß als Ehrenbeleidigung strafbar sei. Der diesem Prozesse zn Grunde liegende Sachverhalt ist folgender: Eine Dienstmagd, namens Horky, die früher in dem Hanse des jüdischen Privatbeamten Schulz gedient und zu Neujahr nach vorausgegangener Kündigung einen anderen Posten angetreten hatte, verbreitete das Gerücht, sie sei während einer Krankheit wiederholt von ihrem ehemaligen Brotherrn betäubt und ihr Blut abgezapft worden. Als Schulz von diesen Gerüchten hörte, stellte er die Horky im Hanse ihres