Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 22 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wadrheu. Nr. 22. die Unbescholtenheit in Handel und Wandel offenbaren und festigen in der Welt. — Jude fein, das heißt: die wärmste Liebe für die Mitwelt empfinden, nicht nur die Liebe stets im Munde führen und mit ihr prahlerisch großtun, sondern sie zu Fleisch und Blut werden lassen in der Seele und im Herzen, im Tun und Lassen. — Jude sein, das heißt: diese Liebe und diesen Edelsinn dermaßen handhaben und betätigen gegen alle Menschen, daß man nicht erst frage: in welche Kirche gehst du? zu welcher Rasse zählt man dich? wo stand einst deine Wiege? — Jude sein, das heißt? ein gesittetes, reines, keusches Familienleben höher schätzen als alle Genüsse, Zerstreuungen und Vergnügungen dieser Welt. — Jude sein, das heißt: nach Vernunft, Einsicht und Ueberzeugung selig werden wollen und Andere selig werden lassen, keinen Gewissenszwang üben, keinen Kastendruck und kein Kerkermeistern der Vernunft begünstigen. — Jude sein, das heißt: Glaubens- und Gewissensfreiheit predigen, die Flagge der Duldsamkeit und Humanität allenthalben aufhissen und entfalten. — Jude sein, das heißt: den Idealismus höher achten als alle Schätze und Güter dieser Erde, für eine Idee sich begeistern und dieser Idee, wenn es sein muß, das größte Opfer bringen. — Jude sein, das heißt: mit edlem Stolz Hinweisen auf die Wunden, die drei Jahrtausende denen geschlagen, die nichts weiter verbrochen, als morgens und abends mit gefalteten Händen gesprochen zu haben: Schma Israel! Höre es, o Israel! Adonai unser Gott, ein einig, einziges, ewiges Wesen! Jude sein, das heißt: mit heiliger Genugtuung zurückblicken auf einen Stamm, der die größten Denker, Dichter, Sänger, Psalmisten und Propheten gezeugt, auf ein Volk, an dessen Brüsten die ganze große Menschheit Religion und Humanität gesogen. — Jude sein, das heißt: für die Unsterblichkeit arbeiten und jene Zeit anbahnen, in der der Messias per Meuschenverbrüderuug in die Weltenposanne stoßen wird, um Freiheit zu kündigen den Geknechteten, Auferstehung den Toten, Aufrichtung den Gekränkten, Erhebung den mit Füßen Getretenen, Erhebung auch den unschuldigen Opfern eines Volkes, welche von Jahr zu Jahr verbluten unter der tyrannischen Klinge antisemitischer Rohheit, Verlogenheit, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und fanatischer Intoleranz unter der Maske der Liebe und des Rechtes. — Das ist ein Jude! Dr. D. Leimdörfer. Rabbiner unb Prediger zu Hamburg. Die sinaitische Offenbarung. (Eine S ch a b u o t b e l r a ch t u n g.) Von Dr. M. H. Friedländer. Als Moses in seinen letzten Reden, die er vor seinem Scheiden ans dem Amte gehalten, seinem Volke einschärfen wollte, daß es die erhabenen Lehren, Vorschriften und Satzungen der Thora stets unter allen Umständen und in allen Verhältnissen des Lebens beherzigen und befolgen möge, rief er ihm zu: „Siehe! ich habe euch Gesetze und Rechte gelehrt, wie mir der Ewige, mein Gott befohlen, daß ihr sie ausübet in dem Laude, dahin ihr kommet, es in Besitz zu nehmen. Beobachtet sie wohl und übet sie aus, suchet sie durch die Tat im Leben zu verwirklichen, denn dieses wird eure Weisheit und Vernunft sein bei den Völkern; wenn sie diese herrlichen Gesetze alle hören, so werden sie sprechen: Diese große Nation ist nur weise und verständig." Das heißt mit anderen Worten: Wenn ihr im Geiste dieser Thora leben und ihre menschenerfreuenden, menscheubeglückendeu Lehren und Vorschriften stets durch die Tat zu verwirklichen euch bestreben werdet, werdet ihr den Völkern der Erde imponieren und selbst eueren Gegnern Achtung abgewinnen." „Welch kühne Behauptung! Welche Anmaßung! hören wir die Gegner Israels entrüstet ausrufen. „Wie! ist denn die Welt wirklich schon jndaisiert? Beherrscht tatsächlich der jüdische Geist die Völker der Erde? Bildet nicht Israel noch heute den Gegenstand des Hasses und der Verachtung? Und dieses so viel verlästerte Völkchen erkühnt sich zu behaupten, daß es der Träger einer Lehre sei, die allein die mächtigste und kräftigste Säule sei, auf der die sittliche Weltordnung beruhe?" Es ist allerdings eine unleugbare Tatsache, daß kein Volk auf Erden je mehr bedrückt und bedrängt, verfolg! und verstoßen, geächlel und geknechtet, verleumdet und verdächtigt wurde als Israel, allein der Umstand, daß dieses kleine Völkchen trotz der grausamen Verfolgungen, denen es seit grauer Vorzeit preisgegeben war, heute noch aufrecht unter den Völkern der Erde dasteht, beweist doch klar und deutlich, daß ihm eine höhere, unbesiegbare Lebenskraft inuewohnt, nnd diese höhere, unbesiegbare Kraft — nämlich die Thora — ist es. der nicht bloß Israel, sondern die ganze zivilisierte Well ihren Bestand, ihre Existenz zu verdanken hat. Diese Behauptung hat kein Geringerer als der gottbegnadete Prophet Jesaias ausgesprochen: „Wie deine Gesetze zur Erde kamen, lernten Gerechtigkeit üben die Bewohner der Welt!" Joschwe Tewel (Jes. 26. 9). Nicht Israel allein, sondern sämtliche Bewohner der Welt lernten, als die Thora Israel am Sinai verliehen wurde, Gerechtigkeit üben. Verkümmert und verkommen, verflacht nnd verkrüppelt wäre die Menschheit schon längst, wenn nicht der Geist der Gerechtigkeit in ihrem Herzen feste Wurzel gefaßt hätte. „Jawohl, es kann nicht geleugnet werden" — eutgegneten uns unsere Gegner — „daß die schönen menschenbeglückenden Lehren der Thora, die Moses euch gebracht, auf die Bewohner der Welt einen mächtigen Eindruck gemacht, heilsame Jnstitionen ins Leben gerufen, Kultur und Bildung verbreitet haben, allein, wem hatte Moses diese erhabenen Lehren zu verdanken? Wenn ihr glaubt, daß er sie am Sinai erhalten, täuscht ihr euch sehr. Schon in alter Zeit haben die Gelehrten behauptet, daß Moses, der als Prinz am königlichen Hofe in Aegypten erzogen und von den bedeutendsten Weisen und Bilderschriftkundigen unterrichtet wurde, diesen allein seine vielnmfassende Gelehrsamkeit, seine große Weisheit nnd hohe Bildung zu verdanken hatte, während in neuerer Zeit bekannte Forscher der Altertumskunde und bedeutende Assyriologen nachgewiesen haben, daß Moses seine monotheistischen Lehren den Gelehrten Babels entnommen habe, daher euere Behauptung, daß die Thora am Sinai verliehen wurde,, ganz unbegründet sei." Welche Fälschung, welch törichter Wahn! Wenn die Thora nicht das Produkt des göttlichen, sondern des menschlichen Geistes wäre, warum sah es vor der Offenbarung am Sinai so traurig nnd so düster in der Welt — in Mizraim wie in Babel — aus? Warum drohte die Erde und alles, was auf ihr lebte, zu vergehen? Hört, wie der königliche Sänger, dessen Psalmen Gemeingut aller monotheistischen Religionen geworden, jene Zeit schildert: „Es bebte und zitterte, es wankte und schwankte die Erde nnd alle ihre Bewohner", denn der Götterglaube hatte die Menschen betört nnd vertiert, verroht und verwildert, verhetzt und fanatisiert, die Anbeter und Verehrer des einen haben die Verehrer des anderen Gottes grimmig gehaßt und grausam verfolgt, nemogim erez wecholjoscliwelio. Da erschien der Weltenherr am Sinai — onochi tikanti chnudelio selak — um dem morsch gewordenen Weltgebäude durch die erhabenen menschenerfreuenden Lehren seiner Thora, für deren Annahme Israel allein sich mit wahrer Begeisterung bereitwilligst erklärte, kräftige und mächtige Säulen unterzulegeu, damit seine, weitere Existenz gesichert, sei. Mit vollem Rechte durste daher der Prophet Jesaias ansrnsen: „Wie deine Gesetze zur Erde kamen, lernten Gerechtigkeit üben die Bewohner der Welt". Durch die Thora erfuhren sie erst, daß es nur einen Gott gibt, der der Vater aller Menschen,. der Schöpfer aller Wesen, der Lenker aller Geschicke ist und es sehnlichft wünscht, daß alle seine Menschenkinder sich brüderlich behandeln und stets liebevoll umfassen mpgen. Durch die am Sinai Israel verliehene Thora, die jede Engherzigkeit und Unduldsamkeit, jedes Vorurteil und jeden Aberglauben, jeden Haß und Neid, jede Rachgier und Verfolgnngssucht entschieden verpönt und nur allgemeine Menschenliebe, Menschenverbrüderung lehrt und predigt, haben sie erfahren, daß es töricht, barbarisch sei, die Menschen ihrer religiösen nnd nationalen Anschauungen wegen zu Haffen, zu verachten und zu verfolgen. Treffend bemerken unsere Weisen: „Das friedliche und freundliche Zusammenleben, die brüderliche Teilnahme ist von