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Die Wahrheit · 1913-06-06 · Heft 22 (6.6.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 22 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion mtb Sldmiuiftration: Wien. II/, Novaragaffs 27 : Televhon: Redaktion 5609/1V. Administration 4SS8/U. Jt. li öfterr. Postsvarkasta- Echeck-Konio 3ir. 100.918. Jufmite: Die viermal geivaltene Ronpareille-Zeiie Lö Heller. . ÄbonneuiklUS- und JnsertionSbetrage find in Wien zahlbar / und klagbar. »abhängige Heitfchrift für jüöisch^ Erscheint jeden Kreitag. ölollo: „Oas Liefet Gottes ist Wahrheit!“ Oernn»vrei»: ...... K >>.— Halbiävria ..K T.— (Viit Jl'nltU'Sbemiite:' <Miin{iiib)'iit.K IO.— Fiic Ausland r «ÄitNjl'ldtin.8 Ultark t>!>!»»et oder IO »re*. Ar. 22 Wien. 6 Anni Inhalt: Bekehrung. — Die sinaitische Offenbarung. — Ein Brünner Ritualmord-Prozeß. — Zentralstelle für das jüdische Nrmenwesen. — Preßburg und seine Jeschiwah. — Auf dem Wege nach Jerusalem. —Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Marga".— Neue und alte Synagogenmnsik. — Zur Aktion der Prager Kantoren. — Literatur. ' ' Kekehrnng. Eine wahre Begebenheit. Ein junger Mann ans einer mir seit 30 Jahren befreundeten Familie, Kurt G., liegt fast sechs Wochen im Sanatorium des Professors F. in H. Die ausgezeichnete Pflege dort läßt hoffen, daß er bald seinem Berufe, in dem er sich nach Ueberanstrengung eine schwere Krankheit zngezogen, wiedergegebeu wird und ebenso seiner hochachtbaren Familie, die ihn zu einem tüchtigen religiös-sittlichen Menschen erzogen hat. Im Sanatorium wirkt eine anmutige barmherzige Schwester, äußerst gewandt, zuverlässig, bei den Patienten sehr beliebt. Sie widmete Tage un5 Nächte hingebungsvoll und eifrig der Wiedergenesnng unseres Kurt G. Vor einiger Zeit zerstreute sie, die fromme Christin, den Rekonvaleszenten mit Lektüre aus der bekannten Traktätchen-Literatur der Missionäre, und ist unausgesetzt bemüht, junge Israeliten zur „alleinseligmachenden Kirche" zu bekehren. Eines Abends, an welchem ihre glühende Beredsamkeit nach ihrer festen Ueberzeugung die junge Mannesseele unseres Kurt aufs höchste zu fesseln schien und sie sicher meinte, jetzt würde und müßte das ihr heilige Werk der B e k e h r u n g von vollem Gelingen gekrönt werden, sprach der. gegen die schöne Gestalt der lieblichen Schwester durchaus nicht gleichgiltige, von ihrem trefflichen' Pflegewerke oft hingerissene junge Kaufmann zn ihr: Bitte, Schwester, aus meiner Brieftasche ein in Form eines Lesezeichens bedrucktes Blatt herauszunehmen, das mir ein Vetter ans Amerika vor einem Jahre geschickt hatte und das in englischer und' deutscher Sprache all das enthält, was den Inhalt meiner Religion ausmacht, dnrchzulesen. Es gelte Ihnen als Antwort auf den Versuch Ihrer Bekehrung. Ich bitte dann am nächsten Tage nach einer gründlichen Studie dieses Blattes in Ihren Auseinandersetzungen gefälligst'fortzufahren." ’ Am anderen Morgen erschien die liebenswürdige Missionärin etwas ruhig gemessen, aber nicht minder freundlich wie sonst im. Krankenzimmer des jungen G..und dankend für das Blatt, das sie G. wieder behändigte, erklärte sie, hier ihre auf die Seele gerichtete ch a r i t a t iv e Tätigkeit einstellen zu müssen. „Ich würdigte bislang als Tochter .meiner Konfession allerdings nur ineine als die vorzüglichste, Ihre mir vom Hörensagen nach dem landesüblichen /Urteil der Volksmenge oder nach der Lehre christlicher Katecheten bekannte Religion galt mir als eine .minderwertige,- weil ich unter , „ I n d e lt t u nt" meist frommen Dienst, Werkheiligkeit und starre Satzungsübungen nach dem alten Bund,esgesetze Moses verstauden habe. Daß die. Nächstenliebe im 3. Mosesbnche geschrieben stehe/ daß „Unsterblichkeit" „Gottebenbildlichkeit", edle „Humanität und Sittlichkeit" Erlösung von Sünde durch Gottes Gnadeumittel, das „Reich des Messias" und vor allem „der Gott der. Liebe und nicht der Rache", wie wir Christen es ausschließlich als Lehren des Evangeliums in uns aufnahmen, auch als jüdische Gebote gelten: d as wußte ich ni ch t, d a s ist mir vö llig neu.. Darm liegt die Begründung des Willens, andere Juden zu bekehren, was uns als eine fromme Tat gilt. Die Worte I h res j ü d i s ch e n P r e d i g e r s belehrten mich nun allerdings eines Besseren — ich bescheide mich —- ich halte still und, wünsche nun, daß Viele den Gehalt Ihres so sorgfältig anfbewahrten Drnckblattes sich zu eigen machen, insbesondere die junge Welt innerhalb der jüdischen Konfession und die lapidar-stilistisch gehaltenen Sätze in tausend und abertausend Exemplaren gedruckt und zur besseren Würdigung des Judentums auch außerhalb desselben beitragen möge!" Gerührt von diesem Zeugnis, einer so selten schönen Seele erhob sich der junge Bekenner seines geliebten jüdischen Glaubens, ergriff die beiden Häpde seiner gerechten christlichen Schwester und versicherte mit großer Begeisterung: „Sie haben mich gesund gemacht, leiblich und geistig und mich den geliebten Meinen wiedergegebeu. Dank und Gottes'Lohn!" Das Blatt ist ein Predigtfragment aus einer Neujahrsrede, es ist 30 Jahre alt und ist als ob es heute und für heute geschrieben wäre. Es sollte in allen europäischen Sprachen übersetzt, von den jüdischen Gemeindevorstehern in Massenauflagen verbreitet, allen Konfirmanden, Lehrlingen, Jugendvereinen und insbesondere den Familien als heiliges Vademecum übermittelt werden, die so leichten Herzens um weltlichen Vorteile willen, ihre angestammten Elternlehren untren werden. Ich übergebe es zum Offenbarungsfeste, an dem auch die liebliche Idylle von Ruth ihre Bekehrung zum Jutentum mit dem typischen „Dein Volk ist mein Volk, Dein Gott ist mein Gott" verlesen wird, der Gesamtheit Israels. Was es heißt: „Ein Jude zu sein!" Ein Jude sein, das heißt: Die reine und'eine Gottheit! die da war, ist, und sein wird in Ewigkeit, erkennen: bekennen und verehren, einen Glauben haben, der jeden Fatalismus, jeden Fetisch- und Bilderdienst, jede Menschenvergötternng und jeden Aberglauben ausschließt. Jude sein, das heißt: das Priestertum der Sittlichkeit und Tugend einpflanzen ans Erden,, enthaltsam sein, die bösen Triebe bannen irnd die verderblichen Leidenschaften zügeln.— Jnde sein, das heißt: die Grundsätze der unerbittlichen Gerechtigkeit, den unbeugsamen Rechtssinn,

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