Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 21 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063674-3063695--08495-3075666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit Nr. 21. bemerkenswerter Satz aus der Bibel in den Sinn kommt, so ist das fast eine Prophezeiung, ein Orakeliprnch („Newua.Keia.11a“ ist vielleicht gerade eine Uebersetzuug des lateinischen „oraculum“). Am Morgen nach jenem denkwürdigen Sabbathempsange in der Nähe der uralten Tempelmauer begaben wir uns znm Häuptgoriesdienste in das Bethans der Lämel-Schnle. Die Schule selbst, die einer vom HViener Kultusvorstand verwalteten Stiftung ihre Entstehung verdankt,, hatte ich über besonderen Wunsch des Präsidenten der Wiener israelitischen Knltusgemeinde bereits an einem Wochentage während mehrerer Unterrichtsstunden besucht. Die hochherzige Stifteriu Elise Herz, geb. Edle von Lämel, hatte, wie sie es in ihrem Schreiben an den Knltnsvorstand vom 18. August 1855, „am Geburtsseste Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich", so schön ausdrückte, mit der Gründung der Anstalt die Absicht: „Ein Denkmal zu errichten; keines, das prunkt, aber eines, das wirkt, bildet und edel macht; ein Institut, in welchem die Anschauung der israelitischen, Jugend frühzeitig wahrer Religiosität und nützlichen Gewerben zugewendet und jener Sinn wachgerufen wird, welcher der Keim ist, für jede Bürgertugend und echte, begeisterte Vaterlandsliebe, zunächst für das große Oesterreich." Sie konnte damals nicht, ahnen, daß die erste moderne Erziehungsanstalt in Jerusalem, die sie nach großen Vorbereitungen durch Dr. Ludwig August Frankl schuf und die insbesondere der österreichischen Judenheit zum Ruhme gereichen sollte, gerade infolge des Aufschwunges des Instituts aus Mangel au Interesse und an Mitteln in Oesterreich nach einigen Jahrzehnten vertragsmäßig in die Verwaltung eines Vereines in Frankfurt a. M. übergehen; daß dieselbe Schule schließlich nach einem halben Jahrhundert ihres Bestehens, zu einer Zeit, wo die Wiener israelitische Kultusgemeinde 175.000 Seelen und ein Budget von über drei Millionen Kronen jährlich haben wird, von Berlin aus geleitet werden würde. Die Schule selbst hat es freilich nicht zu bedauern. Durch . den geradezu amerikanischen Unternehmungsgeist des Hilfsvereines der deutschen Juden, durch den bewundernswerten Elan, mit welchem Doktor 'James Simon und Dr. Paul Nathan insbesondere das kulturelle Werk in Palästina anfgegriffen haben, ist sie zum Mittelpunkt?iues großen Komplexes zielbewnßt geleiteter, pädagogischer Institute geworden. Es wurden ihr mehrere Kindergärten angeschlossen, in welchen Hunderte von Knaben und Mädchen für den Schulbesuch vorbereitet werden, und sie wurde nach oben durch eine Handelsschule und ein Lehrerseminar ergänzt, an dessen Spitze eia Mann wie David Jellin wirkt, der jeder Hochschule in Europa zur Zierde gereichen würde. Um die Organisation sämtlicher Anstalten hat sich Direktor Ephraim Cohn insbesondere durch sein konziliantes Verhallen allen Parteien gegenüber große Verdienste erworben. Die eigentliche Lämel-Schnle zählte nach dem letzten Berichte in sieben Klassen (darunter eine in zwei Parallelabteilungen) 347 Schüler und kostete, wenn man von den angegliederten Anstalten absieht, nicht mehr als etwa 32.000 Mark im Jahre, sodaß Oesterreich ohne übergroße Anstrengung, unter Einschluß der Sliftnngseinkünste und des Beitrages, den die Wiener israelitische Allianz und der Wiener Kultusvorstand ohnehin durch viele Jahre geleistet, die Ver- , waltnngslast schließlich hätte ertragen können. Zum Vergleich damit, was von anderen westeuropäischen Ländern für moderne Erziehung der jüdischen Jugend in Jerusalem geschieht, sei erwähnt, daß die seit 30 Jahren bestehende, ausgezeichnet geleitete Gewerbeschule der .Alliance Israelite Universelle (Ecole professionnelle, mit Weber-, Schlosser- und Tischlerwerkstätten verbunden. Direktor Albert Antebi) ein Budget von 147.000 Francs hat, während daneben von Paris aus eine jüdische Knabenschule (271 Schüler, 24.000 Francs) und eine Mädchenschule (257 Schülerinnen, 13.000 Francs) erhalten werden; daß ferner die Anglo Jewish Association in London, die von Miß Annie Landau vorzüglich geleitete Evelina von Rothschildschule für Mädchen ((6M Schülerinnen) mit einem Budget von zirka 1350 Pfund Sterling erhält. Es kann das Bedauern , darüber nicht unterdrückt werden, daß, während die orthodoxen Gemeinden in Galizien und Ungarn (auch die mit ihnen in Verbindung stehenden Kreise in Wien) wenigstens für die Chalnka in der. alten, systemlosen Meise bedeutende Mittel anfbriugen, gerade die gebildete Judenheit der westeuropäischen großen Gemeinden sich in wenig rühmlicher Weise von einer Mitwirkung an der moralischen Hebung des heiligen Landes ansschaltet. Es ist ebenso zu bedauern, daß die österreichische Regierung mit dem Beispiel einer unbegreiflichen Resignation vorangeht und es unterläßt, ihr Ansehen im heiligen Lande gleich-den anderen Großmächten durch eine großzügige Ermunterung kultureller und humanitärer Unternehmungen zu fördern. . Doch nun komme ich zu demeingangs erwähnten „oraculum“. Meine Freunde von der Leitung der Lämel-Schnle hatten mir die .Ehre erwiesen, mich an diesem Säbbath als „Maftir" zur Thora zu rufen. Den Prophetenabschnitt sollte ich vorlesen. Eine größere-Freude konnten sie mir nicht bereiten. Nicht nur, weil es eine angenehme Abwechslung ist, nachdem man sonst in Wien, an den meisten Sabbathen. das Rabbinerprivilegium als „Schelischi" genossen hat. Die Haftara in Jerusalem lesen, an dem Orte, wo die Propheten leibhaft gestanden und ihre Reden gehalten; im Lichte derselben Sonne, welche auf die alten Hebräer herabgeschaut hat — das ist ein eigenes, sensationelles Erlebnis. Und nun gar in einer so bewegten Zeit, während die Kriegswogen branden und die-ans ihre. Waffen, vertrauenden Völker — noch ganz so wie zur Zeit der Assyrer — einander zerfleischen, auf diesem, alle Hügel überragenden . Berge Zion zu stehen und in der Mitte einer nenaufblühenden Judengemeiude Jerusalems zu rufen: „Fels aÜer Welten, der du Recht behältst im Wandel der Zeiten, der du zuverlässig erfüllst, was du verheißen! Wahrhaftig bist du allein und nicht ein einziges Wort, von allem, was du gesprochen, wird ohne Erfüllung bleiben!" Ich konnte das Ende der Thoravorlesnng kaum erwarten. Endlich stand ich da und fing zu lesen an. Mit einer gewissen Feierlichkeit und in der jetzt am meisten gehörten sephardischen Aussprache (sonst war ich ein Anhänger unserer „deutschen" Pronunziation des Hebräischen, aber, nun fühlteich mich als erbgesessenen Bürger Jerusalems). Und was * ich las, war merkwürdigerweise von einer überraschenden, aktuellen Bedeutung. Es enthielt einen so tiefen Sinn mit bezug auf die armselige, ihrer eigenen Hilfsquellen unbewußte Gemeinde Jerusalems, als wäre es eine zu meinem Vortrag extra bestellte Weissagung. Der Prophet Elisa sprach zu der armen, verzweifelten, ihn um Hilfe anflehenden Witwe, die „gar nichts im Hanse hatte", als ein wenig Oel: „So gehe doch und borge dir Gefäße von deiner ganzen Nachbarschaft, so viele Gefäße, wie du nur erlangen kannst; dann verschließe die Tür hinter dir und gieße in alle diese Gefäße!" Das mit solcher Geringschätzung betrachtete Restchen Oel erwies sich auf einmal, wie der Prophet es gesagt, als Quelle eines unermeßlichen Reichtums für die Frau. die gemeint halte, verhungern oder nur von fremder Hilfe leben zu müssen. Was kann man denn dem in allen Tonarten um Hilfe schreienden. und milde Gaben verlangenden Jerusalem anderes anraten und im Interesse der eigenen Würde wie der wirtschaftlichen Hebung Dringenderes ans Herz legen, als endlich ernmal den systematischen Bettel einznstellen, sich nur. zeitgemäß e L e b e n s f o r m e n u n d E i n r i ch t n n g e n s o v i e l wie möglich von den K u l t nr n ati o n eu auszuborgen, dann die Türe zu verschließen und mit dem, was es besitzt, auszukommen zu versuchen. Wenn die Stadt für die gesamte Judenheit der Welt, der unschätzbaren historischen Erinnerungen wegen, ihren großen Wert hat; wenn sie für Millionen Inden als Sitz der höchsten Frömmigkeit, des Thorastudiums, der jüdischen Wissenschaft, Bedeutung hat, so,müßte diesen Gegenständen eine derartige Aufmerksamkeit zugewendet werden, es müßte ein derartiger, geistiger Reichtum in Jerusalem entstehen, die dortigen. Gelehrten und frommen Männer müßten zu einer so hohen moralischen Position in der religiös interessierten Welt und insbesondere in der Judenheit gelangen, daß die Bewohnerschaft als eine gebende und nicht als eine Wohltaten empfangende erscheinen würde. ' (Fortsetzung folgt.) ' - V