Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 21 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheit Seite b. entzwei schlugen, so daß die Universitätsrampe bald mit jüdischem Blute gefärbt war.. ' Ja, die verstehen das Fach, unsere „echten Deutschen", gerade so wie die „echten Russen". So sind sie am selben Tage in einer deutschliberalen Versammlung erschienen, nm das Judentum zu verbrennen, und wenn schon keine Juden zur Hand sind, so überfällt eine ganze Horde von dentschnationalen Akademikern ein armes Mädel, die Tochter eines Hausbesorgers in der Landongasse, die gerade dem Vater ein Krügerl Abzug zum Nachtmahl holte; sie entrissen ihr das Glas, soffen das Bier aus und mißhandelten das Mädel nach echt arischem Muster. Und was in Wien echt arisch und deutschuational heißt, nennt sich in Rußland, echt russisch. Daher, du jüdischer Wanderer, kommst du nach Odessa und begegnest dort in den Gassen einer Bande mit roten Hemden über die Hosen und Nogoikis in den Händen, „Nascha Rosya" brüllend, so weißt du, daß das die „echten Russen", sind, die Odessaer Pogrom- Helden. Kommst du aber nach Wien und begegnest hier in den Straßen einer Horde mit schwarz-rot-goldenen Schleifen in den Knopflöchern und Stinkbomben in den Händen, die „Wacht am Rhein" brüllend, so wisse, daß das die Wiener Pogrom- Helden sind, die — „echten Deutschen"! Christlich soziale Uerwaltmigsstlten. Der nied.-österr. Landesansschuß und Landtagsabgeordnete Bielohlawek behauptete trotz seiner öffentlich demonstrierten Freundschaft mit Hatzl, Wien und Niederösterreich erfreue sich „der besten Verwaltung von Europa". Wir wollen deshalb an der Hand von Tatsach en untersuchen, wie tief die, Sitten der Wiener Stadtväter und obersten Vertreter des nied.-österr. Landtages bereits gesunken sind, seit die Christlichsozialen in .Wien und Niederösterreich die Macht in Händen haben. - Am 20. Dezember 1908 wurde im Wiener Gemeinderate' ein An t r a g d e s S t a d t r a t e s, der für alle Gemeinderäte die Ansfolgnng von in einer bestimmten Farbe mit Photographie ausgefertigten Legitimation verlangt, die diese zur freien Fahrt auf allen Linien der städtischen Straßenbahnen berechtigt und welche Legitimationen immer ein Jahr lang gelten sollen, zum B e s ch l u s s e e rhoben. Gemeinde- und Stadträte werden gewählt und bekleiden trotz ihrer Funktionsbezüge Ehre n- und Vertrauensämter, auch gehören die meisten derselben dank des noch immer rückständigen Wiener Gemeinde-Wahlrechtes den wohlhabenderen und wirtschaftlich besser gestellten Volksschichten an. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß seit der Verstadtlichung der Straßenbahnen neben derem finanziellen Erfolg auch die g e m e i n n ü tz i g e Ausnützung derselben berechtigt erscheint, so muß doch jeder feinfühlige Staatsbürger zugeben, daß es mindestens ethisch robust erscheint, wenn die Stadtväter diese gemeinnützige Ausnützung der kommunalen Straßenbahnen 'vor allem fü r s i ch s elbst votie r en. Das ethische Feingefühl zahlreicher Staatsbürger und Gemeindeangehöriger wird durch eine solche Tatsache umso mehrbeleidigt, wenn diese gemeinnützige Ausnützung der städtischen Straßenbahnen noch jahrelang allen im Dienste der Gemeinde stehenden Beamten, Lehrern tind anderen Angestellten gegenüberhartherzig verweigert wird. Es ist bekannt, daß es gegenwärtig noch junge Aus Hilfslehrer an den Wiener Volks- und Bürgerschulen gibt, die nur zeitweilig zur Substituierung erkrankter Lehrpersonen benützt werden (Substituten) und demzufolge sehr oft im Jahre an andere Schulen versetzt werden können. Diese Lehrkräfte, welche sicherlich vom Hause aus arm sind, beziehen monatlich maximal 100 Kronen. Diese Lehrkräfte konnten bis heute noch keine-Freikarten für ihre täglichen Dienstreisen, ja nicht ei n m a l P r eisb e g it.it ft i gungen für solche erlangen. Kürzlich erhöhte der nied.-österr. Landtag die Bezüge des Landmarschalls, seiner Stellvertreter und der Landesansschüsse um nahezu den doppelten Betrag unter dem Vorsitze des Landmarsch alles. Dieses Vorgehen mußte Entrüstung anslösen, weil derselbe Landtag die dringenden Bitten der nied.-österr. Landlehrer nm Gehaltsaufbesserung, welche durch die nun zugegebene Teuerung doch sicherlich zum Schaden des Elementarunterrichtes härter betroffen werden, als die nied.-österr. Landmarschälle und Landesausschüsse, gar nicht beachtete und die Landlehrer kaltherzig znm Weiterhungern verurteilte. Man greift sich angesichts solcher Tatsachen an den Kopf. In den letzten Tagen wurde nun im Wiener Stadtrate auch die Anregung der „Bürgervereinigung", die Bezüge des Wiener Bürgermeisters, der drei Bürgermeisterstellvertreter und der Bezirksvorsteher um 66 respektive 100% zu erhöhen, zum Beschlüsse erhoben, trotzdem dieselben Christlichsozialen vor ihrem Aufstiege gegen die angeblich zu hohen Dotationen der damals liberalen Stadtväter in den höchsten Tönen losgegangen waren und dieselben reduzierten, als sie im Wiener Gemeinderate die Majorität erlangt hatten. Wie donnerten die Christlichsozialen. so lange sich noch nm die Herrschaft kämpften, gegen die Ae mte rkum tili e r tt ti g! Gegenwärtig praktizieren sie aber diese Hänfling von Vertretnngsstellen noch viel virtuoser als die ehemaligen Liberalen, obgleich die Vertretung der Riesenstadt wohl die Kraft eines Mannes vollauf in Anspruch nimmt, wenn er auch eine erste Arbeitskraft vorstellt. Von einem armen Volksschullehrer verlangt das Gesetz, daß er „seine ganze Kraft dem Berufe widme" und sogar von einer pensionierten Lehrkraft heischt das Gesetz, die Erlaubnis zu einer Nebenbeschäftigung vom k. k. Landesschulrate einzuholen. Es geht nun auf die Dauer nicht an, Selbstlosigkeit und idealen, gemeinnützigen Sinn von den armen Teufeln der Angestellten zu fordern, selbst aber den persönlichen Eigennutz zu betätigen. Verfällt jede übermächtige Partei iu solche Prinzipienlosigkeit oder wirkt nur die Zugehörigkeit zur christlichsozialen Partei so deprimierend auf die ethische Enthaltung, daß die — Unanständigkeit geschilderter Vorgänge nicht mehr gefühlt wird? Wird die Bürgerschaft diese kühne Tiefschätzung ihrer ethischen Beschaffenheit durch die Christlichsozialen auch immer rechtfertigen? Man sollte glauben, daß die Christlichsozialen keine Ursache mehr hätten, zu viel auf das System der „Freunderlwirtscbaft" zu bauen. Das Jahr 1911 kann sich wiederholen! Die Wähler können von ihren gewählten Vertretern in den Verwalttingskörpern wohl mit Recht verlangen, ihr Tun und Lassen und besonders ihre Beschlüsse sorgfältig auf die ethische Zulässigkeit zu prüfen. Verderbliche Vorbilder für die 'Volksmoral sind noch immer früher oder später erbarmungslos gerichtet worden. In diesem Belange versteht das Volk keinen Spaß, auch nicht im gemütlichen Wien. Es ist 100 gegen 1 zu wetten, daß auch unmoralische Kontpromisse anläßlich kommender Landtags- und Reichsratswahlen das Volksgericht nicht vergewaltigen können. Sind aber erst die Christlichsozialen in genannten Bertretnngskörpern besiegt, dann kann auch das rückständigste Wahlrecht nicht mehr den Zusammenbruch der christlichsozialen Herrschaft im Wiener Rathause verhindern. R. L. Ans dem Wege nach Jerusalem. Reisebriefe von Rabbiner Dr. Armand Kaminka X. Im Bethanse der Lämelschule. — Entwicklung dieser A nstal t. — Was von Deutschland, Frankreich und England für moderne Erziehung in Jerusalem g e l e i fte t wird. —, S e lbstausschaltu n g Oesterreichs. — Maftir. — Die Notwendigkeit einer R e o r g a u i s a t i o u d er Chat n k a. Rabbi Jochanan sagt (im. Talmud, Traktat Berachoth): „Wenn jemand des Morgens aufsteht und ihm unerwartet ein