Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 21 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 21. Juden bis zur Wahl kommen läßt, Pas Reserveoffizierkyrps ihn ablehnt. Wir protestieren vielmehr dagegen, daß vorher die aktiven Vorgesetzten, die die Verfassung zu achten haben/bewußt einen zum Offizier qualifizierten Menschen von der Offizierslansbahn ausschließen. Haben mir auch nur erreicht, daß die jüdischen Einjährigen gerecht behandelt werden Und daß sie in größerer Zahl bis zur Wahl kommen, dann wollen wir ruhig abwarten, wie die Entscheidung der einzelnen Reserveoffizierskorps ausfallt. Ich setze dabei voraus, daß die Bezirkskommandeure keinen Einfluß auf die Wahl ausüben. Ich habe die Ueberzeugung, daß es genug Reserveoffizierskorps in Deutschland gibt, die nicht von antisemitischem Geiste erfüllt sind, und die einen persönlich und militärisch gut qualifizierten Juden gern als Kameraden annehmen. Der Fehler liegt nicht in der Wahl, sondern in dem mannigfaltigen Unrecht, das bewußt im Vorverfahren begangen wird. Redner besprach dann die Gründe dieses ungerechten Verhaltens. Die jüdische Religion sei es nicht; der Staat sei nicht so fromm, daß er das Glaubensbekenntnis einer Minderheit nicht erträgt. Die Rasse sei es anch nicht; mau akzeptiert doch die getauften Juden als Reserveoffiziere. Es ist in Deutschland auch besonders gefährlich, mit Rassentheorien zu operieren; denn die größte Zahl der Deutschen, und zumal die Angehörigen der in Deutschland herrschenden Schicht, sind mitHerrmanu dem Cherusker nicht blutsverwandt. Die Erfahrungen, die man mit den jüdischen Soldaten im Kriege gemacht hat, widerlegen das Vorurteil von der körperlichen Minderwertigkeit. In der Haltung der Behörden gegenüber den Juden kommt lediglich zum Ausdruck das Vorurteil der herrschenden Schicht. Die wirtschaftliche Tüchtigkeit der Juden har sich grundlegend Bahn gebrochen, und die herrschende Schicht, die auch in anderen Dingen in wirtschaftlichen Aenderungen nicht sehen will, will sie auch hier nicht sehen. Dazu bewirkt die wachsende Jndustriealisierung eine gewisses Unbehagen gegen die neue Zeit. Redner besprach das System bei den Offiziersernennnngen und sagte: Die Tatsache, daß man den Getauften zum Reserveoffizier mache, ist der Bankerott dieses' Systems. Es ist eine Prämie des Staates auf die Charakterlosigkeit. Die Juden haben im Kriege und im Frieden ihre Schuldigkeit dem Vaterlande gegenüber erfüllte Wir wollen keine jüdischen Konfessionsleutnants; wir kämpfen lediglich um unser gutes Recht. Daß dieses Recht dauernd verletzt wird, ist schädlich für den Staat, und wir vertrauen auf den gesunden Sinn des deutschen Volkes, der schließlich doch stärker ist, als die Vorurteile einzelner. Justizrat Dr. Engen Fuchs, der hierauf nach herzlichen Dankesäußerungen an den Redner in einem längeren Nachwort au die tauseudköpfige Versammlung einen warmen Appell richtete, treu zur Fahne des Zentralvereines zu halten und eifrig seine Bestrebungen zu fördern, brachte zum Schluffe nachstehende Resolution zur Verlesung, die auch einstimmig angenommen wurde: „Die am 17. Mai 1913 im Lehrer-Vereinshäuse in Berlin von über 1000 Personen besuchte Versammlung des Zentralveremes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens legt Verwahrung ein gegen die Zurücksetzung der Juden im Heere und gegen die der Wahrheit und der geschichtlichen Entwicklung widersprechende Unterstellung, daß die jüdischen Deutschen ein Fremdkörper im Vaterlande seien." * * . * Die Petersburger „Rjetsch" meldet den folgenden schrecklichen Fall einer Emigrantentragödie: Aus Belzi, im bessarabischen Gouvernement, beschloß eine Gruppe von Juden, die in ihrem Heimatstädtchen, in dem sie geboren und erzogen wurden, nicht mehr geduldet wurden,, nach Amerika anszuwaudern. Man duldete sie wohl nicht in ihrer Heimatstadt, aber man folgte ihnen auch keine Auslandspässe ans, um legal dieses Land jüdischen Jammers verlassen zu können. So vertrauten sie sich denn einem der bekannten Euiigranteuschwärzer an, der sie auf einem Boot über den Grenzfluß hinüberbringen sollte. Sie befanden sich mitten im Flusse, als der Grenzsoldat sie erblickte und ihnen znries, umzükehren. weil er sonst schießen müsse. Aus dem Boote, das ohnedies mit der Last von 50 Emigranten schwer vorwärts kam, brach' infolge der Drohung der Grenzwache eine furchtbare Panik aus, die schließlich damit endete, daß das Boot umkippte uud sämtliche Emigranten, bis auf zwei, die mit schwerer Mühe gerettet werden konnten, ertranken. Charakteristisch ist, daß der Grenzsoldat selbst auf die mit dem Tode ringendem Körper im Wasser schoß, weil er annahm, daß die Insassen des Bootes sich schwimmend aus andere Ufer retten wollten. * * * ■ In einem dieser Tage im „Berliner Tageblatt" von D. Aravandiuos, griechischem Vizekousul, veröffentlichtem Artikel heißt es m A.: Die griechische Regierung erkannte von Anfang an die Bedeutung und den Wert der jüdischen Gemeinde Salonikis und beweist das durch ihr Bestreben, die israelitischen Interessen durch Unterstützungen jeder Art zu fördern, was die Juden Salonikis schon heute erkannt haben. Und bei Bearbeitung aller Projekte, welche die griechischen Behörden für die Zukunft der Handels- und Hafenstadt Saloniki in Angriff genommen haben oder planen, werden die bedeutendsten jüdischen Kaufleute und Industriellen Salonikis als Berater herangezogen. Hoffnungsvoll darf mau also auch der Zukunft des griechischen Saloniki entgegensehen. - Die Wiener „echten Dentjlchen", Von Josef Grob. In Odessa besorgen es die „echten Russen", in Wien machen es die „echten Deutschen". In Odessa müssen sie zuerst besoffen werden, in Wien Müssen sie zuerst studieren. In Odessa ist es der ganz ordinäre Pöbel, ausgehungerte Muschiken, in Wien die dentschnationalen Akademiker, die junge Generation, die Blüte und Hoffnung des deutschen Volkes in Oesterreich. Nicht Studentenkämpfe waren das vergangene Woche an der Universität, wie die Wiener liberalen Blätter schreiben, sondern ein regelrechter Pogrom, nach der neuesten Kultnrmode des XX. Jahrhunderts und nach echt Odessaer Muster. Heißt denn das ein Studentenkampf, wenn eine deutschuationale Horde in überwiegener Mehrzahl eine kleine Minderheit von jüdischen Studenten überfällt und mit Totschlägern, Eisenstöcken und anderen ähnlichen deutschen Mordinstrumenten zu Krüppeln schlägt? Oder ist das vielleicht ein Kampf um die akademische Ehre, wenn ein deutschnationaler Zibulka einen ruhigen Bürger anfällt, den gerade sein Weg bei der Universität vorbeiführt und dieser erst durch Drohen mit dem Revolver sein Leben schützen kann? Es ist wohl wahr, die Wiener liberale Presse wußte.blutwenig von solchen Fällen zu berichten. Ihre Spalten können solche Berichte über deutschnationale Studenten nicht verdauen, denn wer reißt noch so den M"nd auf über Deutsche und Deutschtum, wie die Wiener — ich muß schon sagen — Judenpresse! Und sie hat daher nicht viel anders über die Studentenschlägereien geschrieben als die Reichspost und ändere - gut deutsche.Blätter. In. Wirklichkeit aber waren das, wie gesagt, keine Kämpfe um die akademische Ehre, sondern ein regelrechter Pogrpm. Und wie die echten Russen nach jedem Pogrom das, was sie nicht mituehmen konnten, zu Asche verbrannten, gerade so haben es die echten Deutschen gemacht. Auf der Üuiversitätsrampe. errichteten sich ein Antodafö und verbrannten, wenn schon nicht lebende Juden, jüdische Hüte, Krügen, Manschetten. Aermel und alle möglichen am Kampfplatz zurückgebliebenen Gegenstände von überfallenen jüdischen Studenten. Der letzte Strich -zu dem schönen Bilde eines echt russischen Pogroins der Wiener Universität blieb der Wiener Polizei überlassen. D ie Wiener Polizei hat die Ruhe ni cht, g estört. Dagegen hatte aber der Kanzleidirektor der Wiener Universität vollauf zu.tun. gehabt, der unparteiische Direktor (er ist nämlich Mitglied der antisemitischen Studentenverbindung) und noch mehr seine Untergebenen, von denen einer den Dentschnationalen eine . Wasserspritze gereicht und sie gleichzeitig aufgemuntert hat, - die deutsche Ehre zu schützen, was die echten Deutschen mit vollem Eifer auch aüsführten, indem sie Stinkbomben, Sand und faule Eier in das jüdische Lager schleuderten und jüdische Köpfe