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Die Wahrheit · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit. . . So kurz heute doch noch die Epoche des jüdischen Einflusses auf die Presse und die literarische öffentliche Meinung erscheinen muß — sie kann doch erst im Jahre 1830 datiert werden —, so läßt sich doch heute bereits sagen, daß jene Meinung von dem bestimmenden Einflüsse der Inden auf Ruhm und Nachruhm eher einer Einbildung entspringt, als daß sie der Wirklichkeit entspräche." Wenn also die konsequentesten und zähesten Gegner des Judentums selbst ihre Behauptung von der Uebermacht des Judentums in das Reich der Fabel verweisen, warum reitet men denn immer wieder auf dem schon beinahe zu Tode gehetzten hohlen Schlagwort herum? Warum gibt man nicht der Wahrheit die Ehre und erklärt, wie es z. B. die „Köln. Volksztg." (Febr. 1909) in einer Zurückweisung einer antisemitischen Glosse der „Zeitsragen" getan hat?: Die „Zeilsragen" geben diesen Bemerkungen dann noch -eine antisemitische Spitze, indem sie ans die Ausbreitung des „jüdischen Geistes" in Presse, Kunst und Schrifttum Hinweisen. Wir möchtet! ihnen darin nicht folgen, denn 1. ist es nicht nachweisbar, daß die dekadente Richtung hauptsächlich von Inden geführt wird, 2. läge aber, auch wenn es znträfe, darin keine genügende Entschuldigung. Einer großen 'Nation von 63 Millionen Seelen erscheint es jedenfalls nicht würdig,- die ganze Schuld ans die dreiviertel Millionen Inden abznwälzen." Schlnßbetrachtung. Wir kommen zum Schluß unserer Auseinandersetzung mit den landläufigen Vorwürfen und Angriffen, die trotz hundertmaliger Widerlegung immer wieder gegen die Juden erhoben werden, ohne freilich bei der überragenden Mehrheit des deutschen Volkes damit irgendwelche Resonannz zu finden. Eiuen Erfolg haben die Agitatoren des Rassen- Und Glaubenshasses freilich erzielt — sie haben in unser gesamtes öffentliches Leben den Zug der Unwahrhaftigkeit hiueiugetragen, den schon Tolstoi (in seiner Schrift „Das Nichtstun")'bitter beklagt hat: „Unsere gesamten Verhältnisse dürften sich unverzüglich zum besseren wenden, sobald die Lüge und der Schein ausgeschieden würden. Es darf nur nicht gelogen worden." Gerade darin aber sind die Apostel der neuen Rassenheilslehre Meister. Wie oft sind ihnen nicht schon die gröbsten Unwahrheiten nachgewiesen worden, wenn sie auf Grund ihrer verschrobenen Rassentheorien Leute zu Juden stempelten, die niemals irgendwelche Gemeinschaft mit Juden gehabt habeü. Wir erinnern nur an den berüchtigten „Semigotha" und dsi — bisher in der deutschen Publizistik unerhörte — Methode des Herrn Adolf Bartels, der denbekannten Staatsrechtslehre!.- Professor Köhler schlankweg den Juden zurechnet und, als dieser sich sehr deutlich als Schwarzwälder Bauernstämmling bezeichnete, mit eiserner Stirn erwiderte: „Köhler leugnet, Jude zu sein." Das Gleiche kann man tagtäglich in der antisemitischen Presse mit Bezug auf Hermann Bahr und Paul Lindau lesen — um nur zwei der neuerdings vielgenannten Publizisten zu nennen*). Ph. Stauff hat diese beiden noch in seiner jüngsten, im Aufträge des deutschvölkischen Schriftstellerverbandes herausgegebenen Broschüre „Deutsche Judennamen" als jüdische Autoren den deutschen Schriftstellern gegenübergestellt. Eine mangelnde Kenntnis oder Fahrlässigkeit kann, nachdem die arische Abstammung dieser beiden Männer schon so oft in der Presse erörtert wurden ist, als mildernder Umstand wirklich nicht mehr in Betracht kommen. Es wird bewußt zu Zwecken der parteipolitischen Demagogie eine unwahre Behauptung aufgestellt. Das ist eine unser gesamtes öffentliches Leben vergiftende Methode des politischen Kampfes, die schon der jüngst verstorbene Ottomar Beta scharf gegeißelt hat. als er, der doch zu den ersten literarischen Vorkämpfern des Antisemitismus *) Ei» grobes Possenspiel treiben die Slntijemiten mit Richard Strauß. Der Komponist der „Salome" uud „Elektra", dieser „schwsilen. sinnlichen, dekadenten" Musik, konnte natürlich nur ein Jude sein. Als aber der große-Künstler uud Geschäftsmann in der Frage des Parsisalschutzes — man weiß, aus welchen „idealen" Motiven! — sich auf die Seite Bayreuths schlug, wurde er lflngs in der antisemitischen Presse („Deutschsoziale Blätter", „Hammer") als „guter Deutscher" gefeiert. Auch ein Beitrag zu dem Kapitel der antisemitischen Schaukelmoral. Nr. 20. gehört, sich (Juni -1894) gegen die Behauptung eines autisemi-- lischen Blattes wenden mußte, daß er Jude sei., „Schließlich setzt sich der Erbärmlichkeitswahn bei itusk immer mehr fest, daß jeder, der ein bißchen mehr kann, als bisfünf zählen oder ein bißchen mehr tut als sein.Bier trinken und seinen Kohl bauen, schon deshalb undeutsch und als Juden-' abkömmling verdächtig sei?' Da haben wir eine der Haupttriebfedern des Antisemitismusden Neid, und eine antisemitische Autorität ist. es, die in. so drastischer Weise daraus hinweistr Nebenbei bemerkt hat. Rudolf v. Gneist, dem Beta seine L-chrift über die französische Revolution wohl in der Erwartung zngesandt hatte, daß der damalige große Führer der nätionalliberalen Partei (undspätere Begründer des Vereines zur Abwehr des Äntisemitis-' mus!) seinem wirtschaftlichen' Reformprogramm einige empfehlende Worte widmen werde, dem Verfasser eine feine diplomatische — und auch heute noch sehr beherzigenswerte' Antwort gegeben. (Abgedrnckt in der vom Vaterl. Schriflenverein heransgegebeneu Broschüre Ottomar Betas: „Deutsches- Recht."): . , -„Die Pathologie unserer Zustände habe ich an erster Stelle in der Entfesselung unserer Jnteressenpolitik gefunden,, die nicht ohne Schuld der Staatsregierung an die Stelle ber idealen Bestrebungen unserer Nation getreten ist. Ans den' Bauden der eigenen wirtschaftlichen Interessen vermögen sich auch die freiesten Geister nicht zu befreien, wenn dieser Hexentanz einmal begonnen hat. Der wirre Streit endet erst nach längerer Zeit, zunächst durch Erschöpfung, dann aber auch, weil gewisse elememare Wahrheiten der Volkswirtschaft doch/ immer wieder ans dem wirren Streit hervortreten." Welche Früchte die antisemitische Drachensaat mit Natur-- Notwendigkeit zeitigen muß, hat schau Paul de Lagarde selbst ein scharfer Gegner des Judentilms, aber ein ehrlicher — warnend vorausgesagt: „Wahrheit nicht achten, ist für die Nichtächtenden tötend . . . sie sterben an diesem Vorübergeben,- und daß sie sterben, ist für das Vaterland ein Gewinn." Anch> dem Antisemitismus, dieser Verkörperung'des Geistes der Lüge,, wird schwerlich jemand nachtrauern, wenn er— hoffentlich ineiner nicht allzu fernen Zukunft — an seiner inneren Unwahr-- Hastigkeit stirbt. Verschiedene Nachrichten Wien. Samstag am 24. Mai 1913. Predigt des Vereiiis-Rabbiners- Dr. M. G r u u w a l d im Leopoldstädter Tempel. ' Wien. Der jüngste Sohn des Rabbiners M a y e r s o h n wird anläßlich seiner Barmizwahfeier in der Synagoge Leopoldsgasie 29 am: Samstag, den 24. d. M-, 10 Uhr vormittags, einen halachische» Vortrag, halten. r Wien. (Zionistenkongreß.) Der XI. Kongreß findet vom 2. bis 9,. September 1913 (30. Ab bis 6. Elul 5673) in Wien in den Räumen der Gesellschaft der Musiksrennde statt. Er beginnt mit einer feierlichen Eröffnungssitzung am Abend des 2. September, die Arbeitssitzungeii nehmen'- Mittwoch,den 3. September, vormittags, ihren Anfang. Das Kongreßbucean,- unter Leitung des Herrn Dr. B i l e s ki, Berlin, wird Montag, den 2. Jnni d. I. eröffnet werden.. Seine Adresse wird lanien: Bureau des XI. Zionistenkongresses, Wien H., Kaimeliterplatz 1. \ Graz, am 6. Mai. Der Minister für Kultus und Unterricht hat' dem hochverdienten und allgemeiner Wertschätzung sich erfreuenden Oberlehrer der fünfklassigen israelitischen Volksschule Herrn Anton Ungar den Titel eines Direktors verliehen. Budapest. (Feierlicher M i n ch a-G o t t e s d i e n st f ü r Frau eii i n Bndape st.) An den Sabbaten während der Sephira findet im geräumigen Waisenhaus-Tempel der Bndapester isr. Religiousgemeinde, Fasor 27, jedesmal um halb 5 Uhr nachmittags, ein feierlicher' Mincha-Gortesdienst mit Predigt statt, der seit seiner Einführung durchden ehrwürdigen Herrn Rabbiner Dr. H.e v e s i sich besonderer Beliebtheit erfreut. Dieses geschätzten Redners gemüt- und geistvolle mit geeigneten, hebräischen Zitaten gewürzte Predigt und Professor L a z a r u s' vom ' Chor der Waisenknaben begleiteter herrlicher Gesang, alles das wirkt.aust Mütter und Töchter besonders. Lin. Sie kommen wieder und kommen gerne und verlassen nach einer Stunde der Andacht geistig erbaut, und gehöbendieses herrliche Hans der Wohltätigkeit,in dem 250 jüdische Knaben ihre Erziehung erhalten. Dieser Gottesdienst für unsere Frauen am Sabbat-i Nachmittag wird sich einbürgern, und soll dann nach-dem'Zentrnm-der? Stadt, dem großen Tempel, verlegt werden. Diese Einrichtung verdient? besondere Würdigung und Nachahmung.und trägt sie auch zur Sabbatweih? wesentlich bei. ' M. Ä. ‘

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