Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 20 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 11. » Kautorenmellbewerl». Kulturskizze von Oberkantor Hermann Zivi, Elberfeld. ' Wenn man von Zeit zn Zeit liest, unter welch den ganzen 'Kantorenstand erniedrigenden Bedingungen in gewissen Gegenden Stellen ausgeschrieben werden, dann steigt jedem objektiv denkenden und mit einigem Ehrgefühl ansgestatteteu Beobachter die Schamröte ins Gesicht, wenn er hinterdrein erfährt, daß sich überhaupt noch Leute finden, die ans solche Stellen reflektieren. „Reisespesen werden nur dem G ew ähl ren -e r st a ttel". ist die stereotype Formel, der wir im Osten begegnen, eine Formel, die so recht die.brutale Gesinnung offenbart, die ..man dem Kantorenstande gegenüber für reichlich gul genug hält. ..In zivilisierten Gegenden behandelt man den Hausknecht und ,das Dienstmädchen mit etwas mehr Humanität, vor allen Dingen in punkto dessen, was in den Bereich der guten Sitten gehört. O, wenn nur die Kollegenschaft endlich einmal ansinge, auf sich selbst sich zu besinnen, wenn sie das Bewußtsein in sich trüge, einem Stande anzugehören, der berufen ist, im umfangreichsten Sinne des Wortes „Träger des jüdischen Gottesdienstes" zu sein, dann würden jene Repräsentanten frivoler Machtgelüste bald znr .besseren Erkenntnis gelangen und eine Sprache führen, die, weil man sich die bisherige nicht mehr gefallen läßt, imstande sein könnte, unseren wohlbegründeten Ansprüchen ans anständige Behandlung nach und nach gerecht zn werden. Wenn das nicht geschieht, dann sind die davon Betroffenen selbst schuld daran; warum boykottieren sie solche Stellen nicht, warum müssen sie denn immer zn denen gehören, von denen Altmeister Goethe sagt, sie seien bescheiden? — Um aber nicht ungerecht zu fein, will ich ausdrücklich nnd gerne bemerken, daß es auch im Osten anständige Gemeinden gibt, die Unarten geschildeter Natur weit von sich abweisen. Eine Unart sondergleichen ist es aber auch und eine Dummheit obendrein, wenn Gemeindeverwaltungen ein „Verhör von Kantoren" anstellen. So lesen wir ans Colmar i. E.: „Die Zahl der Bewerber um die Stelle eines Oberkantors in unserer hiesigen Gemeinde beträgt 27, wovon jedoch nur 14 znr „Prüfung" zngelassen werden. Dieselbe wird nächsten Sonntag stattfinden. Ans den 14 Kandidaten wird -eine beschränkte Anzahl ansgewählt. welche an den kommenden Sabbathen vorbeten werden." — Ferner: „Hier fand ein Verhör von Kantoren statt, die sich um die hiesige Stelle beworben haben. Jeder Kandidat mußte 2 liturgische Gesänge vortragen." — — Ein Frankfurter Blatt bemerkt dazu richtig: .„Wir finden diese neue Methode durchaus nicht nachahmenswert." — Wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht etwa darum, daß die Kandidaten Probegottesdienste absolvieren, — das wäre korrekt nnd verständlich — nein, es handelt sich dabei um etwas ganz anderes, und zwar um etwas Deprimierendes und Beschämendes. Der Gemeindevorstand maßt sich nämlich an, bei einem „Verhör von Kantoren" P r ü fungsko m m i s s i o n zu sein in Dingen, von denen er selbst nichts versteht, und die Entscheidung nun, man weiß ans Erfahrung nur zn gut, auf Grund welcher Gründe sie herbeigeführt wird. Eine -S ch a ii d e, daß e s, ü b erhanpt n o ch Kantoren gibt, die sich eine m „V e r h ö r", also e i n e r „P r üsung", vor N i ch tf a ch l e n ten aus setzen. Haben sie denn gar kein Ehrgefühl in der Brust, - jene Feiglinge, die erzittern, wenn sie speichelleckerisch um die Gunst neuer Brotherren buhlen; haben sie' denn g^ar kein Verständnis dafür, endlich einmal auf der Schanze, zn sein, wenn der Stand sich ermannt, um alte Vorurteile zu Boden zn werfen? — Was würden Rabbiner und Lehrer dazu sägen. ■ wenn mau an sie ein Ansinnen stellte, . wie es die Gemeinde Colmar von den Kantoren verlangt? — Sie würden sicherlich zur Tagesordnung übergehen, nnd kein Mensch und keine Seele würde-sich um die Stelle, rühren. Und das mit vollem Fng und Recht. Ja, ja, es ist, doch, etwas Schönes um das Vorhandensein vor Ehrbegriffen! und wenn.es bei einzelnen Kategorien des Kantorenstandes noch-daran'fehlt, so mögen sie aus dem Falle Colmar lernen, 'wie' sie 'sichin -Zuknnft derartigen und ähnlichen Vakanzen gegenüber zu verhalten.Habens Der Erfolg kann -und? wird nicht ausbleibeu. Der ganze Kantorenstand aber wird daun geführt werden von Sieg zu Sieg, und er wird schließlich .sein Werk krönen mit der Herbeiführung des Befähigungsnachweises, vor dem auch in Elsaß-Lothringen ein „Verhör von Kantoren" nicht mehr möglich sein wird. Marga. Bon Jda Bock. (Fortsetzung.) Ich will es dir übrigens sagen: Zwei junge Menschen sehen einander zufällig, finden einander angenehm, kommen zufällig wieder zusammen, tun schon ein bischen heimlich,er bewundert, sie schwärmt, Brieschen werden gewechselt, in denen von Idealen und Zukunftsträumen die Rede ist, bald findet sich von ungefähr das Wörtchen Liebe, Treue folgt ihm. Und dies alles durch das rosigste Glas jugendlicher Phantasie betrachtet,, nennt ihr eine Bekanntschaft. Nicht, Marga?" Diese Bezeichnung ist eigentlich ganz unrichtig. Der Mann kennt in den seltensten Füllen das Mädchen und umgekehrt. Beide haben sich gewöhnlich von Aenßerlichkeiten leiten lassen, stehen unter ihrem Banne, gehen voll trunkener Hoflnnngen vertrauensselig an die Gründung eines Heims. Klappt auch mitunter manches nicht, hoffen sie, daß der Zufall, der sie so gütig zusammenführte, schon alles ebnen werde, der Zufall, ans dem der ganze luftige Bau ruht, ohne den euer Traum nicht denkbar wäre. Er geht glücklicherweise oft genug in Wirklichkeit über. Die Bekanntschaft entfaltet sich zu einer schönen Liebe zn einer guten Ehe. Ost aber Md leider nur zn oft... Ich hatte offene Augen erhalten, sah in diese und jene Familie hinein und kam bald zur Ueberzengnng, daß es in den streng jüdischen Häusern sehr wenig unglückliche Ehen gebe, daß es mit wenigen Ausnahmen ziemlich einerlei sei. ob man einander vorher kannte oder nicht. Sympathisch muß einem der Mensch sein, an dessen Seite man leben will, sympathisch und achtenswert. dann entwickelt sich Liebe. Freundschaft sehr leicht. Ich spreche von bessern Durchschnittsmenschen, Marga. Es gibt höhere Naturen, seiner organisierte Wesen, die sich durch ein tiefes, zartempfindendes Seelenleben anszeichnen, für diese Anserwählten gelten andere Gesetze. Sie finden sehr schwer eine Ergänzung. Aber auch bei denen ist es ziemlich gleich, ob der Zufall oder ein Freund das erste Zusammentreffen herbeiführte. Aber nur des Geldes wegen eine Ehe zu schließen, des Geldes, des Ranges, der Gesellschaft wegen, das ist verwerflich und unmoralisch." So plauderte Vater und ich sah ihn immer nur an und kam mir so erwachsen vor. daß ich mich gar nicht zu finden wußte. Und ich mußte au unsern Lehrer Bnsch denken,' der eine seiner Schülerinnen nach mehrjähriger Bekanntschaft heiratete nnd jetzt so unglücklich lebt nnd ich dachte an unsern Kantor, der trotz seiner geringen Einkünfte ein blutarmes Mädchen heimführte, sich in Schulden stürzte, beinahe gepfändet worden wäre, wodurch der Hansfriede derart ins Wanken kam, daß er noch immer das Gleichgewicht sucht. Und dann sah ich ' mich neben dir am Sabbath durch unser Stadtwäldchen schreiten, das von jüdischen Familien überfüllt war. Zufriedene Eltern-- gesichter, herausgepntzte fröhliche Kinder, kräftig, rotwangig. Vaters langer Blick ließ mich ausschanen. Träumst du, Mädel? „Träumen? Nein, ich dachte. ." Nun? „An verschiedene Liebesheiraten." „Kennst du denn solche?" „Ich . . . nun, wie ich eben hörte. „Ich ..." Warum Vater plötzlich nur so tiefernst dreinblickte, Hedi?- Es fuhr mir blitzschnell durch den Kops: Vaters zweite Ehe' wurde ans Liebe geschlossen! Marga.. 17. Liebe Hedi! Hast noch immer keinen Respekt vor mir? Jetzt habe ich statt Tante Challo genommen. Sie fuhr nämlich mit Lea zu einer trauernden Familie. Da bin, ich denn Hansmütterchen und versehe mein Amt mit Würdennd Anstand. Dabei sticke ich heimlich an einem Teffilinbeutel für Otto, der bald sein Barmizlvofest feiert. Also keine Zeit! ’*•» : Gruß tLOiKr - Marga. - v? (Fortsetzung folgt.)