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Die Wahrheit · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20. Seite 9. Die Wahrheit An den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Bericht -schloß sich eine auregenve-Debatte an, in welcher zunächst Herr Wöä. Dr. Julius W e i ß zum Worte kam. Er dankte dem Vorstände namens der Versammlung für seine aufopfernde und --mühevolle Tätigkeit und wandte sich hierauf einer sachlichen .Kritik des Berichtes zu. Unleugbar sei jetzt eine Besserung zu joustatieren. Noch immer zu hoch erscheine ihm das Medika- Mettten-Budget im Betrage von K 12.OOO.—. Diese hohe Ausgabe rühre davon her, weil die Chewra eine Pflicht übernimmt, die zu erfüllen, der Kommune obläge. In jedem Bezirke gibt -es Armenärzte, die nicht nur für die christlichen, sondern auch -für die jüdischen Armen ordinieren und denselben Rezepte zur imentgelllichen Ausfolgnng von Medikamenten äusstellen müsien. Würde die Chewra die Steuergelder der Kommune weniger schonen, dann könnte man wesentliche Ersparnisse bei diesem Ausgabeposten -erzielen. Zweckmäßig wäre die Signierung.der Rezepte durch 'Vertrauensärzte der Chewra in den einzelnen Bezirken. Auch bei den Ausgaben für orthopädische Apparate, die mit L 9000.— eingestellt sind, könnte mehr gespart werden. Es hat sich nämlich die Gepflogenheit herausgebildet, daß die jüdischen Patienten -bei der Entlassung aus dem Spital einfach au die Chewra gewiesen werden, wenn sie eine Bandage oder eine Prothese benötigen, während die Kliniken und Spitalsabteilnngeu verpflichtet wären, ans eigenen Mitteln die für die operierten oder behandelten Patienten nötigen Apparate zu beschaffen. Aehnlich werhalte es sich mit den Brillen, für welche L 800.— aufge- . wendet wurden. Kassaführer S. Simon widerlegt in beredter nnd streng sachlicher Auseinandersetzung die Ausführungen des Vorredners, Wenn Herr Dr. Weiß den Weg in die Kanzlei der Chewra nicht scheuen würde, so könnte er sich davon überzeugen, daß -diejenigen, die Medikamente bei der Chewra ansprechen, wirklich den ärmsten Kreisen der jüdischen Bevölkerung angehören. Und -die Chewra könne nicht so engherzig sein, nnd diese Armen, besonders unter dem heutigen kommunalen Regime in Wien, -an die Bezirksarmenstellen weisen. Was die orthopädischen 'Apparate betrifft, so gibt die Chewra Kadischa oft nur Zuschüsse zur Anschaffung derselben und der übrige Betrag wird dann -von anderer Seite aufgebracht. Insbesondere sei nach dieser 'Richtung der Baronin Hirsch-Stiftung, dem Herrn Baron Springer und anderen besonderer Dank abznstatten. Bei der Bewilligung von Augengläsern handelt es sich zn einem großen Teile um Studenten und Arbeiter, die derselben bedürfen und wird es gewiß Niemand der Chewra Kadischa einen Vorwurf daraus machen, wenn sie in dieser Beziehung jüdische Studenten und Arbeiter in ihrem Fortkommen möglichst bereitwillig unterstützt. (Lebhafter Beifall.) Herr Moritz Baum plaidiert für eine Vermehrung der 'Zahl der Vorstandsmitglieder. Weiters wünscht er die Heranziehung der Bezirkskommissioneu der Kultusgemeinde bei Beratung und Beschlußfassung in Fragen des Beerdignngswesens und sollten die Mitglieder der Bezirkskommissionen den Beratungen .der Kommissionen III imKultusvorstande zugezogen werden. Knltusvorsteher kais. Rat K a u d e r s konstatiert, daß ohnehin laut Statut Mitglieder der Bezirkskommissionen des III. und IX. Bezirkes den Beratungen der Friedhofskommission mit beratender nnd beschließender Stimme beiwohnen. Herr von Lo b l bedauert die geringe Mitgliederauzahl der Chewra Kadischa im Vergleich mit anderen Städten und verweist darauf, daß man sogar Kultusvorsteher nicht in der Mitgliederliste der Chewra findet. Herr Jak. S. S t ra ß b erg glaubt, daß eine starke Erhöhung der Mitgliederzahl dadurch herbeigeführt werden könnte, wenn im bevorstehenden 150 Jnbilänmsjahre den Söhnen der Mitglieder der Eintritt in die Chewra ohne Aufnahmsgebühr ermöglicht würde. Medizinalrat' Dr. H a a s emeint mit Rücksicht auf die Ausführungen seines Kollegen Dr. Weiß, daß eine Eingabe der Chewra an die Verwaltungen der Krankenanstalten -gewiß Erfolg haben würde und? verweist auf eine ähnliche Aktion der Berbandskrankenkassen. Durch Zuhilfenahme der rlrzte könnten whne Zweifel manche Ersparungen erzielt werden. Rudolf.Fuchs wünscht eine Aenderung des § 42 der Statuten, wonach jetzt zur Vornahme der Wahlen die Anwesenheit von 100 Mitgliedern notwendig fei. Nach einigen treffenden Schlußbemerkungen des Präsidenten Salo Cohn wird die Debatte geschloffen, worauf Herr Revisor Heinrich Neurath deu Nevisionsbericht erstattet und die Generalversammlung deu Bericht einstimmig genehmigt. Bei den hierauf folgenden Borstandswahlen werden 117 Stimmzettel abgegeben und die bisherigen Vorstandsmitglieder Moriz Breituer, Jakob K a n n, Ignaz Klei n, Leopold Otto nnd Samuel Steiner wiedergewählt. Zn Revisoren werden die Herren David Horowitz und Heinrich Neurath wieder gewählt. Mit Dankesworten an die Erschienenen schließt hierauf der Vorsitzende Präsident Salo Cohn die Versammlung. Denlschlnm nnd Indenin«». (Die Ur sa ch en der Klagen über d i e „V e r j n d n n g" des öffentlichen Lebens. (Schluß.) Was soll man dazu sagen, wenn ein Mann wie Adolf Bartels dickleibige Bücher über die unheilvolle Wirkung des jüdischen Geistes ans allen Gebieten des öffentlichen Lebens schreibt, um dann plötzlich das mühsam anfgerichtete Auklagegebäude selbst mit einem Schlage zn zertrümmern, indem er erklärt (Heft 16 seines „deutschen Schrifttums"): „Das Monopol der jüdischen Kritik, ferner das einen Alfred Kerr in die erste Reihe bringt, ist eine, vom Knlturftandpnnkt aus gesehen, sehr unwesentliche, ja lächerliche Sache; es gibt übrigens an ernsten Zeitschriften noch immer eine Anzahl tüchtiger Kritiker deutschen Ursprungs. Ebenso will die Herrschaft des Judentums über die heutigen Theater vom Knltnrftandpnnkt aus nicht allzuviel besagen, da das Theater unter der Judenherrschaft im allgemeinen anfgehört hat, ein Kultnrinstitut zu sein, fast vollständig der äußerlichsten Sensation dient. Unter den Schauspielern sind aber noch recht viele Deutsche, und sie sind auch noch unentbehrlich, da ein jüdisches höheres Repertoire nicht existiert und es nicht zn ersehen ist, wie z. B. Goethes Götz und Hebbels Siegfried, Schillers Luise Millerm und Kleists Kättzchen wirklich echt von Juden und Jüdinnen gespielt werden sollten. Daß das jüdische Publikum gern ins Theater nnd ins Konzert läuft, ist bekanut, aber es sitzt doch wesentlich nur in bestimmten Großstädten, und es wäre durchaus kein Unglück, wenn durch sein Fernbleiben eine Anzahl „Kunst"-Jnstitute zugrunde ginge, für die Deutschen blieben, das beweist die frühere Entwicklung bis etwa 1870, noch immer genug übrig, und das Knnstleben würde gesünder sein. Auch der heutige Literaturwissenschaftsbetrieb mit Erich Schmidt und Genossen an der Spitze dürfte kulturell nicht allzu hoch eiuznschätzen sein, so bedauerlich es immerhin ist, daß sich Inden als Vertreter germanistischer deutscher Volkstnmwiffenschaft aufspielen können. Den Prozentsatz der jüdisch-deutschen Dichter im Verhältnis zn denen arischer Herkunft habe ich einmal als 1:6 festgestellt — selbstverständlich ist das, da das BevölkerungsVerhältnis 1 : 100 beträgt, viel zn viel nnd, da für die Inden durch ihre Presse sehr viel mehr Reklame gemacht wird als für die Deutschen, für „deutsche" Dichtung auch nicht ungefährlich; immerhin aber haben sich die Deutschen Liliencron. Hauptmann nsw.. noch an der Spitze behaupten, ja selbst die tüchtigsten deutschen Durchschnittstalente noch die notwendige Geltung erringen können, wenn auch in den letzten Jahren immer schwieriger. Jedenfalls ist die Kapitulation der deutschen Kultur vor der deutsch-jüdischen noch nicht erfolgt." . Weshalb also die großmoralische Entrüstung über die geistige „jüdische Zwingherrschaft", wenn doch alles noch gar nicht so schlimm ist? Auch die „Deutsche Tageszeitung" ist schon einem Artikel über Friedrich Nietzsche den Kassandrarufen der nationalistischen Klageweiber sehr energisch eutgegeu- ' getreten :

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