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Die Wahrheit · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 6. Nr. 20. gelangen; andererseits vermochten die Dampfspritzen die Wasserstrahlen nicht. so hoch hinaufzutreiben. Gegen 4 Uhr standen folgende Gassen in Flammen : Schloßgasse, Klarissengasse, Konventgasse, Klsfaludygaffe, Miklosgasse und die Bel-Mathyasgasse. Mehr als 90 Hauser waren um halb 4 Uhr bereits ein Raub der Flammen geworden. Die betroffene Bevölkerung besteht durchwegs aus Arbeitern und kleinen Handelsleuten. Als die Wiener Feuerwehr und Sanität in Preßburg eiutrasen, hatte die Katastrophe ihren Höhepunkt erreicht. Das brennende Stadtviertel, das an den Schloßberg sich anlehnt und vielfach terrassenförmig ansteigt, war ein großes, wogendes Flammenmeer. In panikartiger Angst waren die Einwohner geflüchtet und suchten, vielfach beladen mit ihrem bescheidenen Hab und Gut, den Weg aus dem Flammenmeer in die Stadt. In vielen Häusern lagen alte und kranke Leute hilstos. Militär und Feuerwehrleute drangen mit Todesverachtung in die brennenden Objekte ein und trugen auf Tragbahren die Hilflosen hinab in die Stadt. Ein großer Teil der Geretteten wurde im Garnisonsspital untergebracht und gelabt. Korpskommandant Feldzeugmeister Puhallo erschien ebenfalls am Brandplatz und leitete die militärische Aktion. Zur Absperrung wurde Kavallerie herangezogen; die Infanterie wurde zur Rettungsaktion verwendet, während Artilleristen und Pioniere die Arbeit der Feuerwehr nuterstntzleu. Die Zahl der ausgerückteu Fabriksfeuerwehren war überaus groß; auch von den umliegenden Ortschaften Szemycz, Köpcseny. Szomolany, Preßbnrg-St. Georg usw. waren Löschmannschaften herbeigeeilt. Erzherzog Friedrich erschien in Begleitung seines Sohnes am Brandplatze und beteiligte sich ebenfalls an der. Rettungsaktion. Ans seinen Befehl wurde ein großer Teil der obdachlos Gewordenen in eitlem unbewohnten Trakte des erzherzoglichen Palais untergebracht. * Der orkanartige Wind, der nachmittags über herrschte und der an der ungeheuren Ausbreitung des Brandes die Schuld hatte, legte sich nach 7 Uhr, woraus der Brand allmählich eingedämmt wurde. Um viertel 8 Uhr abends wurde dem Erzherzog Friedrich die Meldung erstattet, daß der Brand als lokalisiert betrachtet werden kann. Erst jetzt konnte der Umfang der Katastrohe einigermaßen überblickt werden. Der Anblick der abgebrannten Gassen war ein trauriger. Ueberall sah man Schutt und Trümmer. Vielfach lag verkohltes Gebälk herum und macht jedes Eindringen in die Gäßchen unmöglich. Was nicht das Feuer verwüstete, hatte das Wasser ruiniert. Vollständig sind folgende Gassen niedergebrannt: Lyzeumgasse, Bel-Matsyasgasse, Konventgasse und Klarissengasse. Inmitten des brennenden Viertels stand der alte Tempel, eines der interessantesten Gebäude Preßburgs. Die heiligen Geräte, die Thorarollen wurden in die Oberrealschnle gebracht. Der Tempel wurde bei dem Brande erheblich beschädigt. Die Nikolauskirche, ein mehrhundertjähriges Bauwerk und eines der bekanntesten Denkmäler Preßburgs, fiel den Flammen zum Opfer; das Kapuzinerkloster wurde znm Teile beschädigt. Das Gerichtsgebäude wurde gleichfalls von dem Brande ergriffen, so daß der Gerichtspräsident die Wegschaffnng der Akten veranlaßte. Der Lehrsaal der berühmten Preßbnrger Zeschiwa ist niedergebrannt, die Bibliothek konnte geretret werden. Insgesamt sind 97 Häuser verbrannt, 100 Personen leicht, 36 Personen schwer verletzt, 5200 Personen obdachlos. Abends ordneten Obergespan Bartal und Bürgermeister Brolly die vollständige Delogierung des ganzen Stadtviertels an, da unter den Trümmern der Brand vielfach noch, weiter glimmt. Für 8000 bis 10.000 Menschen mußte in aller Eile Obdach geschaffen werden. Mit Bettdecken beladen zogen die Obdachlosen' in langem traurigem Zuge, vielfach auch in verzweifelten Gruppen, unter Führung von städtischen Beamten in die als Asyle bezeichneteu Gebäude, so in die Palffy-Kaserne, Realschule, Palais der kömglichen Tafel, Stadthaus, städtisches. Spital und in einen Trakl des Palais des.Erzherzogs Friedrich. Geistliche . und Seelsorger aller Konfessionen trösteten die verzweifelten Abbrändler, die ihre ganze Habe verloren haben. Militär wurde dazu kommandiert, um die vom Feuer verschonten Mobilien aus den Trümmern wegzuschaffeu und zu bewachen. *' Abends wurde die kommunale Ausspeisung der obdachlosen, armen Bevölkerung angeordnet. Unter dem furchtbaren Eindrücke der Katastrophe wurde spontan eine Hilfsaktion eingeleitet. Graf Johann Zichy, Erbgraf von Preßburg/ spendete als Erster 1000 Kronen. Der Kaiser hat im Wege der Kabinettskanzlei über die Fenersbrnnst Erkundigungen eingezogen und dem Korpskommandanten die Weisung erteilt, fortlaufend Berichte abzngeben. Gleichzeitig -wurde durch die Kabinettskanzlei eine größere Summe zur Unterstützung der Abbrändler in Aussicht gestellt. * :* ' * 1 Das niedergebrannte Ghetto ist bereits einmal das Opfer einer verheerenden Fenersbrnnst' gewesen. Im Jahre 1811 geriet das Königsschloß in Flammen; die Fenersbrnnst breitete sich aus und äscherte einen großen Teil des Judenviertels ein. Das Preßbnrger Ghetto konkurriert an historischen Reizen, an Werten geschichtlicher Ueberlieferung und kultureller Bedeutung gewiß nicht ohne Erfolg mit den Judenviertels von Präg und Frankfurt. Das Preßbnrger Judenviertel ist ein schmutziger, halb verfallener Stadtteil, der durch Kasernen und Mauern von den anderen Rayons abgeschlossen ist. Die Häuser, zumeist unter Maria Theresia erbaut, besitzen ohne Unterschied hölzerne, halbverfanlte Stiegen, die dem Feuer reiche Nahrung boten. Als im Jahre 1811 das.Königsschloß niederbrannte, welches an architektonischer Schönheit und an Reiz seiner Lage seinesgleichen sucht, beklagte man 60 Todesopfer» Im Jahre 1840 wütete neuerlich ein Brand in einem dieser Gäßchen. in . dem Petöfi gewohnt hatte und das heute seinen Namen trägt. Am äußersten Ende des Judenviertels steht der Eselsberg mit der Richtstätte, auf der Paul Razga linb andere Märtyrer des ungarischen Freiheitskampses den Tod fanden. Schreckliche Tage erlebte Preßburg. bei der Krönung Karls VI. im Jahre 1712. Damals wurde das Iudenviertel angezündet und unter den Reihen der verzweifelten Obdachlosen ein Pogrom angerichtet. Der Kaiser ließ zwar eine. Untersuchung einleiten, die Schuldigen wurden aber nicht eruiert. Karl IH. veranlaßte die Zusammeuziehuug der Juden in einem eigenen Viertel von Preßburg. In den letzten Jahren hat das Ghetto viel von seinem ursprünglichen,Charakter verloren. Trotzdem wird es heute noch fast nur von Juden bewohnt. Auf vielen Läden sieht man jüdische Aufschriften. Im Jahre 1909 weilte unser Kaiser zu letzenmale in Preßburg. Bei dieser Gelegenheit passierte der Kaiser die Hauptstraße, wo er vom Ober- ■ rabbiner Dr. Schreiber gesegnet wurde. Getteral-Uersammtilttg der Wiener Eyewra Kubisch«. Sonntag, den 18. Mai, 10 Uhr vormittagsfand im großen Saale des „Hotel Central" die Generalversammlung der Chewra-Kadischa statt, die trotz der'zu gleicher Zeit in vielen Bezirken stattfindenden Mädchenkonfirmation, die viele Mitglieder zum Besuche der Gotteshäuser veranlaßte, sich einerzahlreichen Teilnahme erfreute. Eine besonders herzliche Ovation wurde dem allverehrten Präsidenten Salo Ko hu bereitet, der wie bekannt, seinen vor kurzem begangenen 7d Geburtstag zum Anlaß einer hochherzigen Zuwendung für die Chewra-Kadischa nahm.. Im Nachstehenden der Bericht: Der Präsident der Chewra-Kadischa, Herr Salo Kohn. eröffnet die Versammlung und begrüßt in herzlichen Worten den vom Kultus Vorstände entsendeten Delegierten, Obmann, der Friedhof-Kommission, Herrn Vertreter kais. Rat Siegmund Kand ers und stellt der. Versammlung die in dem Vorstand der Chewra-Kadischa' kooptierten Herren - Samuel G o l d - - m a nn, Kar! Le mb erg e r, Jaques K a r p e les und Philipp; ' Kohir vor. Der Vorsitzende gedenkt sodann;in warmem : Worten der dahiugeschiedenen Vorstandsmitglieder der Chewrü-

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