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Die Wahrheit · 1913-05-23 · Heft 20 (23.5.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 20 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 Nr. 20. Die Wahrheit nationalen Verbände auszutreten, was dem Manne Grobheiten von, Seite der Verbandsvertretung eintrug. . j Diese Grobheiten verfehlten jedoch ihren Zweck und Herr Ganser beantwortete dieselben mit dem Eintritte in den Klub der Wiener Deutschdemokraten, in dein nun außer den vom Nationalverbande ausgeschlossenen Herren Abgeordneten Freiherrn v. Hock, Dr. Ofner und Zenker nun auch ein freiwillig vom Nationalverbande ausgetretenes Mitglied sitzt. . - Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, daß Exminister Dr. Schreiner wegen seiner bekannten Befürwortung des famosen Wahlkompromisses im Deutschen Nationalverbande selbst von dentschnalionalen Abgeordneten, wie Herren Denk und Erb ziemlich scharf zur Rechenschaft gezogen wurde, so daß sich Herr Dr. Schreiner gedrängt sah, das Gewicht seiner Verbrüderungsrede dadurch abznschwächen, indem er die Verantwortlichkeit des Verbandes hiefür in Abrede stellte. Während Herr Seidel als getreuer Knappe das Vorgehen Herrn. Dr. Schreiners verteidigte, versuchte Herr Pacher den noch vorhandenen Freisinn des genannten Verbandes festzustellen, während sich aus der Rede des Vorstandsmitgliedes Dr. Waber gar keine Tendenz erkennen läßt. Für demokratische und freiheitlich gesinnte Staatsbürger bedeuten die geschilderten Vorkommnisse erfreuliche Symptome. Den Nationalverbändlern graut bereits vor einem möglichen Debakle anläßlich kommender Landtags- oder Reichsratswahlen in Wien. Jüdischen Wählern, die ihr Judentum nicht verbergen, erscheint ihr politisches Verhalten in Zukunft wohl klar vorgezeichuet. Die Judenfemdschaft bildet eingestandenermaßen das einigende Baud zwischen den.Christlichsozialen und den ehemaligen Los-vom-Rom-Mäuneru. Die Christlichsozialeu schädigten die Rechte der jüdischen Staatsbürger gegen den Geist und Wortlaut einschlägiger Gesetze; die Dentschnationalen planen aber,- den Judenboykott auf gesetzlicher Grundlage zu stellen. Aufrechte Judeü haben alle Ursache, die genannten vier Männer des deutschdemokratischen Klubs und die demokratische Richtung überhaupt mit aller Energie zu unterstützen. Gegenwärtig ist kein Raum mehr für sogenannte politische Klugheit, Taktik, Opportunitätspolitik und wie sonst die unaufrichtigen politischen Winkelzüge heißen mögen, hinter denen sich Politische Streber verkriechen und verschanzen. Die Gegensätze schärfen sich naturgemäß immer entschiedener und für unmögliche Kompromisse ist keine Gelegenheit mehr vorhanden. Die bisnun verlachte demokratische Richtung wächst trotz des wütenden Kesseltreibens der reaktionären Parteien gegen dieselbe und die Kompromißler sehen bereits mit Zagen die Schattenbilder der Zukunft vorans. Es gibt noch viele bürgerliche Schichten, die trotz ihrer wirtschaftlichen Tiefe noch nicht im sozialdemokratischen Lager sind, und seit der letzten Beamten- und Lehrerfopperei sind diese Schichten riesig angewachsen. Sie werden das Lager der Deutschdemokraten. welche Gesetzlichkeit und Frieden anstreben, voraussichtlich bedeutend verstärken. Gesetzlichkeit und Frieden werden aber vorzugsweise durch konfessionellen Fanatismus und nationalen Chauvinismus bedroht und in Frage gestellt. Die Juden, welche durch letztgenannte Volksleidenschaften in erster Linie bedrängt werden, müssen daher den bürgerlichen Demokratismus in ihrem eigenen Interesse nnterstützen. Die Deutschdemokraten bilden gegenwärtig die einzige bürgerliche Partei, welche den Inden weder das Deutschtum noch ihre Heimatsrechte absprechen. Für die Juden sind endlich Christlichsoziale und Dentschnationale entschieden größere und gefährlichere Feinde als die Sozialdemokraten. Damit ist auch für allfällige Stichwahlen in Zukunft die Parole klar vorgezeichnet. Es ist zu hoffen, daß dem moralischen Siege der Dentschdemokraten gelegentlich der nächsten Niederösterreichischen Landtagswahlen in Wien auch der Wahlsieg folgen werde! R. L. Der Kiesenbrand in Dreßburg. Eine entsetzliche Brandkalastrophe hat Samstag, den 17. d. M. das Jndenviertel in Preßbnrg zerstört. Entsetzlich sind die Berichte, die über das Wüten des. Elements hieher gelangen, unsäglich der Jammer, die Not und das Elend, das über Hunderte durch das Feuer zerstörte Existenzen hereingebrochen ist. Hier ist Gelegenheit geboten, Menschen- und Bruderliebe in schönster und edelster Form zu betätigen, und sicherlich wird auch das gute, jüdische Herz den vielen Unglücklichen rettende Hilfe bringen. Ueber den Brand selbst werden ans Preßbtirg nachstehende Details berichtet: Der orkanartige Sturm hatte die Funken eines kleinen, brennenden.Hänschens im Jndenviertel auf andere Häuser übertragen, deren trockene Schindeldächer rasch Feiler singen. Ehe die Feuerwehr an ein Eingreifen denken konnte, schlugen aus einem halben Dutzend Gassen die Flammen gegen den Himmel, die immer größere und größere Nahrung fanden. Bis zum Abend hatte das furchtbar entfesselte Element etwa sechstausend Menschen des schützenden Daches beraubt und sie in wenigen Stunden zu obdachlosen Bettlern gemacht. Der Jammer, der die Straßen des Armenviertels erfüllt, ist furchtbar. Regierung und städtische Verwaltung haben sofort die Initiative ergriffen, die Verzweiflung der vielen Tausende zu lindern und durch Einleitung einer großen Geldfammlnng sie vor dem Hunger wenigstens zu schützen. Ein großes Verdienst an der Bekämpfung des Brandes und der Pflege der Verletzten gebührt zwei Wiener Elitekorps, der Feuerwehr und der Rettnngsgeseüschaft, die dem dringenden telegraphischen Appell sofort Folge leisteten und sich in einem Sepäratzug an die Unglückftelle begaben. Sie haben sich für ihre Hilfsbereitschaft gewiß nicht nur den Dank der unmittelbar Betroffenen, sondern auch die Sympathien aller hilfsbereiten Menschen erworben. Die Katastrophe hat die Aermsteu von Preßbnrg betroffen. Das Jndenviertel, zumeist von jüdischen und christlichen Haudwerkern und kleinen Handelsleuten bewohnt, war bereits einmal das Opfer einer ähnlichen Katastrophe. Man hat aber, so scheiilt es. aus dem Schaden nichts gelernt liub neuerlich baufällige, holzgedeckte Baracken hingestellt und sie gewissermaßen dem Element als Beute serviert. Vielleicht ist dieses Unglück der Anlaß für eine gründliche Aendernng dieser gefährlichen Verhältnisse. * -i- * Um 2 Uhr nachmittags entstand in einem der am dichtesten bevölkerten Teile der Stadt, auf dem sogenannten Schloßgrnnd, ein Feuer. Ein kleines Arbeiterhaus in der Petöfigasse brannte. Der seit Mittag wütende Südwind trieb die Funken und die Flammen auf die engangebauten, altertümlichen Nachbarhäuser hinüber. Als die städtische Feuerwehr an Ort und Stelle war, standen schon über 20 Häuser in Brand. Da der orkanartige Wind die Funken an entlegene Stellen trug, brach das Feuer gleichzeitig an etwa 20 Stellen ans. Dazu kam, daß die meisten der alten Häuser mit Schindeln dedeckt sind und der Brand sich mit unheimlicher Schnelligkeit ansbreirete. Gegen 3 Uhr standen schon vier Gassen in hellen Flammen. Weder die städtische Feuerwehr, noch die Löschtrains der Preßburger großen Fabriken waren imstande, etwas auszurichten. Dichte Rauchwolken entströmten den Häusern und erschwerten das Vordringen der Löschmannschaften. Als man der Größe der Gefahr gewahr wurde, rückte die ganze Garnison aus und sperrte das gefährdete Stadtviertel ab. Ein Teil der Garnison beteiligte sich an der Löschaktiou; insbesondere waren es die Pioniere, die Hervorragendes leisteten. Trotz aller heroischen Anstrengungen der Löschmannschaften und des Militärs trug jedoch der orkanartige Sturm die Flammen immer weiter, und gegen 6 Uhr nachmittags standen bereits nicht weniger als sechs Straßenzüge in Flammen. Das Flammenmeer bot einen schaurigen Anblick. Das brennende Viertel ist das ehemalige Ghetto von Preßbnrg, bestehend ans kleinen, zwei- bis dreistöckigen Häusern mit sehr schmälen Fronten. Da die Berglehne ziemlich hoch ansteigt, konnte die Feuerwehr mit den Schlauchlinien nicht hin-

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