Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 20 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 20. Die Wadrhett. förmlich gesucht. % Von den höchsten Nichterstellen bis zu den subalternen Gerichtsbeamten werden die Täuflinge zu nngnnsten der Juden bevorzugt. Bezeichnend ist, daß z. B. in Budapest seit Jahren die hier recht einträglichen Gerichtsvollzieherstellen grundsätzlich nur mit Frischgetauflen besetzt werden. Selbst die christlichen Bewerber werden gegenüber den Täuflingen zurückgesetzt. Es bleibt abzuwarten, ob jetzt eine Besserung der Verhältnisse eintreten wird. * * * Die Krakauer Ortsgruppe des Hilfsvereines für die notleidenden Inden in Galizien versendet folgende Mitteilung: „Eine österreichische Kohlen- und Bergbaugesellschaft hat flch bereit erklärt, vorläufig 18 jüdische Arbeiter im Älter von 16 bis 20 Jahren aufzunehmen, denselben wird ein besonderes Haus eingeräumt, wo für die rituelle Küche gesorgt werden und auch die nötigen Verfügungen für die Sabbathruhe getroffen werden sollen. Es ist bis nun beabsichtigt, die anfzunehmenden jüdischen Arbeiter vorerst obertags bei verschiedenen oberirdischen Arbeiten zn verwenden, sie nach und nach in die weiteren Arbeiten einzuführen, so daß sie später einmal, wenn sie ansgebildet sein werden, auch untertags in den Schächten verwendet werden können. Der Verdienst würde sich auf 100 bis 120 K monatlich bei freier Wdhnnng, Beheizung und Begünstigungen beim Einkäufe von Lebensmitteln stellen. Vorherige Kenntnis von Bergarbeit ist erwünscht, aber nicht erforderlich. Es bietet sich daher Gelegenheit, kräftigen und arbeitswilligen jüdischen Arbeitern Beschäftigung und Verdienst zuznwendzn, und die Zahl der dem Bergbau znzuführenden Juden könnte mit der Zeit eine immer größere werden. Etwaige Eingaben und Anfragen sind zu richten an die Ortsgruppe Krakau des Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien zu Händen des Herrn Dr. Hirsch in Krakau. Zieloua 7." * * * Eine schlagende Widerlegung der wiederholt von antisemitischer Seite, namentlich in Deutschland, ausgestellten Behauptung, daß der Jude für den Beruf unfähig sei, bildeten die Kriegsauszeichnungen für die jüdischen Offiziere Italiens. Die eben bekannt gewordene Ordensliste gewährt einen interessanten Ueberblick über die jüdischen Offiziere und Soldaten der italienischen Armee, die im Verlaufe des Tripolis-Krieges Ordensauszeichnungeu erhalten haben. Für Tapferkeit vor dem Feinde und militärisch besonders verdienstliche Taten wurde der jüdische Hauptmann Pngliese und der jüdische Fregattenkapitän Frank zu Rittern des hohen Militärordens von Savoyen ernannt. Aus gleichen Gründen empfing der Schiffsleutnant Pardo die silberne Medaille; er *war einer der Offiziere, die seinerzeit an dem verwegenen Raid der Torpedoboote in die Dardanellenstraße teilnahm; die gleiche Auszeichnung empfingen fünf weitere Leutnants vom Heere und siebzehn Bronzemedaillen sielen an jüdische Kriegsteilnehmer. Die Reihe der jüdischen Offiziere, die im Tagesbefehl ehrend hervorgehoben wurden, ist zu lang, um wiedergegeben zu werden. * * * Aus Athen wird geschrieben: Der Krieg hat hier weniger Opfer gefordert als in der Türkei und in Bulgarien. Trotzdem sind von den annähernd 600 jüdischen Soldaten, die am Kriege teilnahmen. verhältnismäßig viele gefallen und haben Witwen und Waisen hinterlassen. Die allgemeine Sorge der Behörden um die Hinterbliebenen schließt die Juden in keiner Weise aus, so daß sie für den Augenblick vor direkter Not geschützt sind. So hat die Stadt Korfu, in der besonders viele Inden leben, 2600 Franken monatlich für die jüdischen Familien vorgesehen, deren Ernährer im Felde stehen oder gefallen sind. Die von jüdischer Seite zu dem gleichen Zwecke aufgebrachte Summe erreicht noch'nicht 300 Franken. Saloniki gilt bereits vollständig als griechische Stadt und, die dortige jüdische Gemeinde hat der veränderten Lage der Dinge Rechnung getragen. Im übrigen erkennt die jüdische Bevölkerung im Verein mit der nichtjüdischen die hohe Disziplin au, die die griechischen Behörden und das griechische Militär seit Ueberwindnng der ersten Unruhen gezeigt haben. Sowohl der Chacham Baschi wie der Metropolit und der Mufti der Moslem haben dem öffentlichen Ansdruck gegeben. Der.Tod König Georgs ist von allen griechischen Inden aufs tiefste betrauert worden. Wie sehr der Verstorbene ein Freund der Inden war, zeigt ein Ausspruch, deu er 1870 gegenüber dem damaligen Großrabbiner von Korfu tat: „Eine meiner glücklichsten Stunden war die, in der ich zum erstenmal im griechischen Parlament einen jüdischen Abgeordneten sprechen Hörle." - Vier Vertreter der Gemeinde Salonikis, die den Trauerfeierlichkeiten in Athen beiwohnten, wurden von Venizelos empfangen, der sie seines größten Wohlwollens versicherte. Die griechischen Inden protestierten gegen den Versuch des Großrabbiners von Bulgarien. Griechenland als antisemitisch hinznstellen. Herr Dr. Ehrenpreis könne sich ja sehr leicht davon überzeugen, daß die griechischen Inden die vollste Gleichberechtigung besäßen. >- * * * Bei einem Festessen, das die Anglo-Jewish Association dieser Tage veranstaltete und wobei 8000 Pfund-Sterling' für die Zwecke der Association gesammelt wurden, hielt Lord Miln er, der als langjähriger Vertreter Englands in Aegypten und Südafrika sich als einer der bedeutendsten englischen Staatsmänner der Gegenwart bewährt hat, eine interessante Ansprache. Er führte u. a. aus, daß er die Wichtigkeit der Schulen, die von dem Verein in verschiedenen Gegenden der Welt unterhalten werden, keineswegs unterschätze. Was ihn aber am meisten interessiere, was die Tätigkeit der Anglo-Jewish Association besonders auszeichne, sei ihr Streben, für die Juden in allen zivilisierten Ländern Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und staatsbürgerliche Freiheit zu erlangen. „Ich muß sagen", fuhr Lord Milner .fort, ..daß dies meine tiefste Sympathie hervorruft. Ich fühle, daß ich. wenn ich selbst ein englischer Jude wäre, von meiner Sicherheit, Unabhängigkeit und Würde als britischer Bürger dazu gedrängt wäre, alle meine Kräfte daran zu setzen, um diejenigen Angehörigen meiner Rasse und Religion, die unter Bedrückungen und Herabsetzung leiden, zn befreien. Ich kann nicht umhin, meine große Sympathie für meine britischen Mitbürger, die als Juden für die soziale und politische Besserstellung der Inden in anderen Ländern einstehen, auszudrücken. Ich glaube auch, daß Ihre britischen Mitbürger, die keine Juden sind, in diesem Streben Ihnen beizustehen verpflichtet sind." * * * Vor kurzem sind etwa 250 jüdische Bäckergehilfen im Ostende von London in den Streik getreten. Sie fordern höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit. Die jüdischen Bäcker haben eine eigene Organisation, die sich fast ausschließlich ans Eingewanderten zusammensetzt. Sie waren an dem vor sechs Wochen siegreich abgeschlossenen Kampfe der englischen Bäckergehilfen Londons nicht beteiligt. Diese erzielten damals eine Maximalarbeitswoche von 60 Stunden und einen Minimallohn von 30 Schilling für erwachsene Arbeiter. Die jüdischen Bäcker arbeiten jetzt täglich 12 Stunden und viele erhalten nur 27 Schilling die Woche. Sie fordern jetzt einen Maximalarbeitstag von 9 Stunden und einen Minimallohn von 32 Schilling. Bis vor drei Jahren waren die jüdischen Bäcker furchtbar ansgebentet, sie mußten täglich 18 und mehr Stnndeu arbeiten. Seitdem haben sie aber mehrere erfolgreiche Kämpfe durchgemacht und sich annähernd ähnliche Arbeitsbedingungen erkämpft wie ihre einheimischen Kollegen. Gin moralischer Sieg der Wiener Denlschdemokraten. Das ehemalige Mitglied des „Deutschen Nationalverbandes im österreichischen Abgeordnetenhause", Herr Reichsratsabgeordueter Ganser, sah sich durch das jüngst wieder in Wien in Aktion getretene Wahlkompromiß des genannten 'Nationalverbandes mit den Christlichsozialen veranlaßt, aus dem Deutsch-