Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 19 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit . ,. Nr. 19, nachstehend, einfach als uichtexistierend betrachtet werden — einzig und allein deshalb, weil wir Rabbiner der Tempelvereine Pnd. Dieses letztere Wort ist für den löblichen Vorstand der Kultusgemeinde znm Schiboleth und uns selbst zum Verhängnis geworden. ' Hier drängt sich aber die Frage nach einem zureichenden Erklärnngsgruude dieser Erscheinung aus. Wer sind denn eigentlich die ominösen Tempelvereine? Sind sie wirklich das, was sie vor Jahrzehnten gewesen? Kleine, unbedeutende, von dem Ganzen sich abbröckelnde Gebilde? Sind sie nicht vielmehr ein 'integrierender Bestandteil der Gemeinde, pulsiert in ihnen das jüdische Gemeindeleben nicht ebenso warm und kräftig wie in den äußersten Bezirken, die durch einen bloßen Zufall inkorporiert wurden? Der löbliche Vorstand möge doch statistische Erhebungen über das Verhältnis der in der Gemeinde wirkenden Kräfte anstelleu und er kann sich leicht davon überzeugen, daß die Tempelvereine inbezug aus Zahl und Stenerkraft ihrer Mitglieder geradezu die tragenden Säulen der Wiener Gemeinde sind, was bei den Wahlen in den Kultnsvorstand mib bei allen das Gemeindeleben berührenden Angelegeuheiteit klar uitb deutlich in Erscheinung tritt. Ist es demnach nicht eine Anomalie, daß unsere Glaubeusbrüder bloß, deshalb, weil sie außer der Knltnsstener auch noch namhafte Opfer für ihre Organisation bringen, als Inden zweiter Klasse und die in ihrem Kreise wirkenden Rabbiner als minderwertig angesehen werden! Was uns aber selbst betrifft, sind vielleicht unsere Studien, unsere Diplome, unsere hier seit Jahrzehnten ausgeübte seelsorgerische Tätigkeit geeignet, eine solche Deklassierung zu begründen? Wirken wir nicht seit Jahrzehnten im Dienste der Gemeinde, wurden wir nicht über'ihre Befürwortung von den Behörden als Gemeinderubbiner bestätigt und erst neuerdings als Matrikelführer in aller Form beeidigt? Gibt es in unserer vielgestaltigen beruflichen Tätigkeit auch nur ein Moment, woraus die offizielle Unterscheidung zwischen Gemeinderabbiner und Gemeiuderabbiuer abgeleitet werden könnte? Bedient sich vielmehr ein löblicher Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde unserer Kräfte und Kenntnisse nicht genau in demselben Maße und in derselben Art und Weise wie derjenigen unserer anderen Kollegen, so daß wir zu der Frage gedrängt werden, die einst Rabbi Jochanan dem Rabbi Se'ira zugerufen: p-itfs ab jnon mt£ö „Ihr bedient Euch unseres Wissens, aber sonst wollt Ihr von uns nichts wissen?!" Bloß ein Einziger Punkt ist es, worin wir unseren Kollegen von den äußeren Bezirken nachstehen, dieser ist aber rein formaler Natur, er betrifft die formelle Wahl durch den Vorstand der Kultusgemeinde. Ein Formfehler, an dem wir am allerwenigsten Schuld sind und der ja bei jeder gegebenen Gelegenheit, besonders aber jetzt, wo der Kultusvorstand mit der Besetzung der Rabbinerstelle beschäftigt ist, gutgemacht werden kann. Diese Gutmachung ist es eben, was wir anstreben. Wir bitten' einen löblichen Vorstand der israel. Knltusgemeinde, unsere Wirksamkeit als Gemeinderabbiner, welche wir seit Jahrzehnten de facto ausübeu. durch den von dem Statut der israel. Kultnsgemeinde vorgesehenen Wahlmodus als vollgültig anzuerkennen; präziser ausgedrnckt: uns in den Status der Gemeinde in aller Form rechtens zu übernehmen. Woraus sich in weiterer Folge ergibt, daß bei der jetzt zu erfolgenden Besetzung auch wir, wozu wir nach den vorstehenden Darlegungen berechtigt zu sein glauben, in'Betracht gezogen werden. Der löbliche Vorstand möge schließlich die Versicherung eutgegennehmen, daß nicht die materiellen Vorteile allein die treibenden Motive unserer Wünsche sind, sondern in erster Reihe nufere Ehre und Würde, die im letzten Grunde die des Judentums ist.' Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung verbleiben wir ergebenst v ‘ Dr. A. Abel es. Dr. M. B ölter, Dr. A. L. M a u d eI, Pros. H. L. Reich, Dr. I. Täglich!. Deutschtum uüd Judentum. (Fortsetzung.). (Die Ur sa ch en der Kla gnt über di e „Verjud UN g" des öffentlichen Lebens.. Bei einer objektiven Würdigung der Klagen, die über den ungebührlich großen Einfluß der Inden auf Presse, Literatur. Knust und Theater erhoben werden, wird man gut tun, sich die Personen, die diese Vorwürfe erheben, etwas genauer anzusehen. Gewiß wird manchem dieser Beschwerdeführer die ehrliche Ileberzengnng nicht abznsprechen sein, nicht-selten verbergen sich hinter diesen larmoyanten Deklamationen aber auch recht egoistische Interessen, verletzte Eitelkeit und ähnliche Menschlichkeiten. Wer zählt alle die verkannten Genies, die durch die Ablehnnng eines Manuskriptes oder eines Theaterstückes seitens eines jüdischen Redakteurs oder eines jüdischen Theaterdirektors in ihren heiligsten teutonischen Gefühlen gekränkt worden sind? Es sind verhältnismäßig wenige, wie der bekannte Musikkritiker des „Türmer", Storck, die offen zugeben, daß dieses Motiv bei ihrer Anklage gegen die Uebermacht des Judentums eine-nicht unwesentliche Rolle spielt. In einem Aufsatz des „Türmer", der an den Artikel des Herrn Dr. Moritz Goldstein anknüpfte, sagt er wörtlich — freilich ohne auch nur einen einzigen Beweis anzüführen —: „Seit Jahren verfolge ich mit einem gewißen stillen Ergötzen, wie grundsätzlich für jüdische Künstler in der unter jüdischem Einfluß stehenden Presse ständig- Reklame gemacht wird. Kein Geschehnis am entlegensten Orte ist so gering, daß es nicht von denselben Blättern verzeichnet würde, die auch für ganz bedeutende Leistungen auf deutscher Seite kein Wort der Erwähnung finden. . . ." Zugegeben, daß in dieser Behauptung vielleicht ein Körnchen Wahrheit steckt, wenn auch bei manchem Inden der Ausruf Liszts zntreffen mag: „Glauben Sie mir, der Ruhm ist die Strafe des Talents." Bei der starken Antipathie, die jedem jüdischen Künstler a priori üoii der gesamten nationalistischen Presse — die doch noch immer in der erdrückenden Mehrheit ist — entgegengebracht wird, mag auch ans jüdischer Seite in Erinnerung der Mahnung Ludwig Börnes : „die Juden müssen sich wehren" zuweilen das Weihranchfaß etwas stärker geschwungen werden als nötig und berechtigt ist. Was sollen solche kleinen Uebertreibungen des Solidaritätsgedankens aber besagen gegenüber der großartig organisierten Reklame, die sich gegenseitig die Herolde der antisemitischen Wissenschaft in ihren Preßorganen machen. Manche Herausgeber von literarischen , Revuen haben auch — ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt — die Empfindung. als ob ihre Wochen-oder Monatsschrift von irgendeinem einflußreichen Blatt, das zufällig einen jüdischen Verleger hat, geflissentlich ignoriert wird. Gelegentlich wird ein solcher Boykott vielleicht auch wirklich nachweisbar sein — nämlich immer dann, wenn die betreffende' literarische Zeitschrift ihrerseits'mit dem betreffenden liberalen Blatt einen Streit, vom Zaune gebrochen hat. Wenn dann solche literarische Revuen, die sich als General-, Hüter der deutschen Kunst und der deutschen Kultur anfspielen zwecks Eindämmung des jüdischen Einflusses auf die Presse, z. B. eine Verstaatlichung des Jnseratenwesens vorschlägt, so merkt jeder nur einigenmaßen mit den Verhältnisstn Vertrante die Absicht — und lächelt über den plumpen Bersuch, durch Be-, fürwortung einer lex Moste dem verhaßten Gegner eins ausznwischen. Auch hier zeigt sich übrigens wieder die innige Seelenverwandtschaft der Herren Adolf B a r t e l s und Ferdinand Avenarius. Auch Bartels-plädiert in Bogen 16 seines „Deutschen Schrifttums" dafür, „das Anzeigewesen zu verstaatlichen und damit das Zeitungsgeschäft unlohnend zu machen." Dann wäre es „sicher bald mit der jüdischen Zeitungs- Herrschaft vorbei." So leicht also ist der deutsche Zeitnngsleser von dem „jüdischen Albdruck" zu befreien. Warum haben denn, da die großen, antisemitischen Parteien, Konservative und Zen-