Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 18 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Die Wahrheit Seite 5. wurde, ist es vorläufig noch unbekannt, in welchem Sinne die Duma zu dieser Frage Stellung nahm. Vom Verlaufe der geheimen Dnmasitzung ist nur soviel durchgesickert, daß die Verhandlungen über den Antrag betreffs Nichteinstellung der jüdischen Rekruten äußerst stürmisch und erregt waren. * * •t* In Norwegen gibt es znsolge der neuesten offiziellen Angaben 1045 jüdische Seelen, von denen die meisten in Christiauia wohnen. Dort hat auch der Rabbiner seinen Sitz. Im Jahre 1865 bewohnten nur 25 Inden das Land. Zahlreicher sind die Inden in Dänemark, wo man bei der letzten Volkszählung 5146 jüdische Seelen konstatiert hat. * * * Der ueugewählte griechische Patriarch Germanos Y. hat kürzlich dem Chacham Baschi der Türkei einen Besuch abgestattet. Der Patriarch kam in Begleitung einer großen Anzahl von Prälaten, die Mitglieder des heiligen Synods sind. Der Kirchenfürst war über den freundlichen Empfang, der ihm im Großrabbinate, wo sämtliche Rrbbiner von Konstantinopel versammelt waren, bereitet wurde, sehr angenehm berührt. Der Patriarch und der Chacham Baschi zogen sich dann zu einerlängeren Unterredung zurück, in welcher, wie sowohl von griechischer wie von jüdisch-offizieller Seite hervorgehoben wird, die Mittel besprochen wurden, durch welche die frenudfchaftlichen Beziehungen, welche zwischen den beiden Konfessionen derzeit bestehen, noch mehr gefestigt werden könnten. Besonders angenehm berührte es, daß der Patriarch die Gelegenheit wahrnahm, dem Großrabbiner den Metropolit von Tschesme vorzustellen, der beauftragt war, in Gegenwart des Patriarchen und der Mitglieder des heiligen Synods das Bedauern darüber auszusprechen, daß in Tschesme vor kurzem die dortigen Inden wegen eines falschen Ritualmordgerüchtes in Unruhe versetzt wurden. Mit Zustimmung des Patriarchen gab der Metropolit die Erklärung ab, in Zukunft solche lügenhafte Ausstreuungen, an die kein vernünftiger Mensch glauben könne, im Keime zu ersticken. Die gesamte Presse von Konstantinopel gibt ihrer Genngtllung über diese Entrevne Ausdruck. Dentschtnm nnd Judentum. (Die „Berjud un g" ltub Korruption der Press e.) (Fortsetzung.) Wenn die Antisemiten von der „Verjudung" der Presse reden, wollen sie damit gleichzeitig mehr oder minder schüchtern andeuten, daß hier auch die Quelle gewisser Korrnptionserscheinnngen in der Presse zu suchen ist. Nun sind die Klagen über die Korruption der Presse uralt, ebenso wie die larmoyanten Deklamationen über die Verrohung der Presse. Sie sind genau so alt wie die Bnchdruckerknnst. Zu allen Zeiten hat man die Presse für den Niedergang der Sitten verantwortlich gemacht. Diesen Lästerern der Zeit und der Presse hat schon Anastasius Grün in seinen „Spaziergängen eines Wiener Poeten" eine hübsche Abfertigung zuteil werden lassen: „Lästert nicht die Zeit, die reine, Schmäht ihr sie, so schmäht ihr euch, Denn es ist die Zeit dem weißen Unbeschriebenen Blatte gleich. Das Papier ist ohne Makel, Doch die Schrift darauf seid ihr; Ist die Schrift, nun nicht erbaulich, Ei, was kann das Blatt dafür?“ Zu diesen wenig erbaulichen Erscheinungen in der Publizistik gehört auch die Beeinflussung oder Bestechung der Presse durch die Inaussichtstellung mehr oder minder materieller Vorteile seitens einzelner Personen oder Jnteressentengrnppen. Es kann sich aber hier immer nur um einen verschwindend, kleinen 'Bruchteil der politischen Presse handeln. Die großen führenden Zeitungen aller Richtungen hahen sich, wie dies auch die Verhandlungen der Börsen-Euquete-Kommissiou und gewisse neuere Sensationsprozesse gegen antisemitische Blätter gezeigt haben, solchen Bestechungsversuchen gegenüber stets als unzugänglich erwiesen. Dagegen findet man nicht selten in reaktionären, ausgesprochen antisemitischen Winkelblättchen, die nahezu unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinen, höchst verdächtige Inserate, die kaum einen Zweifel darüber, aufkommeu lassen, aus welchen Gründen dieses oder jenes große Finanzinstitut in diesem Blatte inseriert. Man darf wohl in diesem Zusammenhänge auch erinnern an die eigenartige Rolle, die gewisse einflußreiche konservative Kreise in der Gründungsära gespielt haben. Die Entlarvung des skrupellosen Geschästspolitikers Geheimen Rat Hermann W a g e n e r, des Begründers der „Kreuzzeitung" und damals einflußreichsten Mannes der konservativen Partei, war das Werk des Juden Eduard Las ke r,*) von dem die agrarische „Deutsche Tageszeitung" anläßlich seines 25jährigen Todestages schrieb, daß er sich durch seine großen Reden gegen den Gründungsschwindel „ein rühmliches Verdienst" erworben habe, den das Hauptorgan des Zentrums, die „Germania", als einen peinlich reinlichen nnd ehrlichen Mann" rühmte und von dem der frühere Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, in seinen Memoiren unterm 10. Mar 1872 schreibt: ..Lasker ist dadurch so bedeutend, daß er vollkommen bedürfnislos ist. Er braucht kein Geld, sucht keine Stelle, ist unzugänglich nach allen Seiten. Niemand kann ihm ankommen, und er verwendet sein Talent nur zur Befriedigung seines Ehrgeizes." Zu den Teilhabern an den fragwürdigen Gründungen des Herrn Geh. Rat Wagener gehörten der Fürst Putbus. die Prinzen Birou nnd Handjery und viele andere spekulierende Standesherren. Die Beteiligung konservativer Elemente au diesem Grüdungsschwindel war so stark, daß der Antisemit Qttomar Beta schreiben konnte (Deutschlands Verjüngung): „Die Aktienhypothek ist ja nun einmal die Baus, auf der unser Konservativismus aufgebaut ist." Alles, was damals nnd heule noch im reaktionären Lager stand, war von einem förmlichen Gründungstaumel erfaßt. Beta erzählt, daß in die schwindelhafte Westeuder Villengrüildnug des konservativen Politikers Quistorp, die nach wenigen Jahren unter Ueberfinanziernng erträumter Terrainwerte zusammenbrach, sein Vater mit hinein gezogen wurde. In seiner Gegenwart beklagte sich ein antisemitischer Leiter einer nettgegründeten Berliner Terrain- und Baubank über Beta: „Er verdirbt uns ja unser Geschäft." Wie korrumpiert die konservative Presse damals war, zeigt ein Vergleich. den Beta zwischen dem erst wenige Jahre vorher gegründeten „Berliner Tageblatt" und der konservativen Presse zog: „Es (das „B. T.") war eine Institution, eine öffentliche Einrichtung und hinsichtlich der Aktienhypothekenbanken vielleicht unabhängiger als manche konservativen Zeitungen, bei denen die Inserate dieser Institute eine weit wesentlichere Quote ihres Budgets ausmachen, als bei den aunonzenreicheren populären Blättern." Die Presse und ihre Vertreter haben die Konsevativen stets als Mittel für ihre egoistischen Zwecke benützt. Beta, dem man gewiß eine intime Sachkenntnis nicht absprechen wird, bemerkt mit Recht: „Daß diese Junker ihre Schriftsteller nicht besser behandelten als ihre Reitknechte und ehedem ihre Pastoren, und sie noch immer nicht besser besoldeten, ist selbstverständlich." Um so grotesker wirken dann freilich die Ansprüche deren, denen — mit Heinrich von Treitschke zu sprechen — die Stallkarriere anständiger erscheint als ein wissenschaftlicher Beruf." Nun gibt es ja wohl auch ehrliche Gegner des Judentums, die nicht nur in der jüdischen Presse, sondern in der *) Welche« beredten Anwalt und nnermüdlichen Borkämpfer hat das heiße Sehnen aller Patrioten nach einem einigen Deutschen Reiche in Lasker gefunden? Die „Deutsche Revue" veröffentlichte vor einigen Jahren ans Eduard Lasker» Nachlaß Briefe, die sich auf die Einheiisbestrebungen in der Kriegszeir 1870/71 bezogen. Lasker war damals unermüdlich tätig, dem Reichsgedanken auch in Süddeutfchland vorzuarbeiten: feine ganze Seele war bei diesem Werke. „Das deutsche Einigungswerk ist in Fluß, mir erbebt jede Fiber in dem Gefühl, daß wir diesem höchsten Ziel uns nähern" — schreibt er an Eduard Simson.