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Die Wahrheit · 1913-05-09 · Heft 18 (9.5.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 18 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. blicklich winkende materielle Vorteile seine Maßnahmen bestimmen und nicht mehr die ethische Hu lässt gleit und die ewig wirkenden Grundsätze der Gerechtigkeit. 2 R. L. Aus der Woche. Ueber das Scheitern der galizischen Wahlreform und die Demission des Statthalters Dr. Bobrzynski wird aus Lemberg folgendes geschrieben: Die Juden Galiziens haben am allerwenigsten Grund, wegen des Scheiterns dieses Wahlreformprojektes und des Rücktritts dieses Statthalters traurig zu sein. Zu dem mehrfach an dieser Stelle geschilderten Wahlrechtsraub an den Inden hatte sich in letzter Stunde noch ein neues Unrecht gesellt. Um die Bischöfe darüber zu „beruhigen", daß keine „Demokratisierung" des Laichtages erfolgen werde, hatte man — auf Antrag eines Parteigängers des Dr. v. Löwenftein — beschlossen, den Juden weitere 3 Mandate zu uehmeu, indem man Tarnopol und Drohobycz, wo zwei Abgeordnete gewählt werden sollten, zn einmandatigeu Wahlkreisen machte und im Wahlbezirke Zloczow-Brzezany durch die Zuteilung des Städtchens Kozowa die Inden fast in die Minorität drückte. Auf diese' Weise hätten die Juden anstatt der auf Grund ihrer Zahl mit Recht beanspruchten 25 Mandate, höchstens auf 10 Vertreter im neuen Landtage rechnen können. Wenn diese „Reform" scheitert und der Statthalter zurückkritt, so können die Juden damit nur zusrieden sein. Die Amtsführung des Statthalters Dr. Michael Bobrzynski erstrebte zweierlei: den poluischrnthenischen Ausgleich und die Unterdrückung der Juden. Der Ausgleichsweg der Polen und R u t h e n e n sollte n ber den politischen u n d w irisch a f t l ich e 11 R n i n des galizisch e n Judent u m s fuhren. Die fünfjährige Amtstätigkeit Bobrzynskis bildet einen der traurigsten Abschnitte in der Geschichte der galizischen Juden. Die einzelnen Kapitel - dieses Abschnittes lauten: Die grausame Handhabung des Schänkergesetzes im Jahre 1910, wodurch 10.000 jüdische Familien ihren Unterhalt verloren; die Volkszählung des Jahres 1910, bei der diejenigen, die die jüdische Muttersprache angaben, bestraft wurden; die Reichsratswahlen im Jahre 1911, während deren der Statthalter vor keinem Mittel zurückschreckte, um die Juden ihrer eigenen Repräsentanz zn berauben. Den Höhepunkt dieser Ereignisse bildete das Blutbad von Drohobycz; die wirtschaftliche Krise des Jahres 1912, die den jüdischen Mittelstand zugrunde richtete, ohne daß der Statthalter das geringste Verständnis für die Rettung jüdischer Steuerzahler mit Hilfe der Großbanken zeigte". In Ungarn macht sich der zersetzende Einfluß der Mischehen auf das Judentum immer mehr geltend. Man schreibt dies den Umständen zu, daß die jüdischen Frauen der höheren Stände in jüdisch-religiösen Dingen völlig unwissend sind und ihre Kinder darum auch nicht für das Judentum erziehen können. Die Budapester jüdische Gemeinde hat daher beschlossen, an den Sabbatnachmittagen religiöse Vorträge für die Damenwelt veranstalten zu lassen, in welchen religiöse und geschichtliche Themata in moderner Form behandelt werden sollet!. Ob mit dieser Maßnahme, die gewiß den besten Willen verrät, die drohende Flut einzudämmen, etwas erreicht werden wird, ist allerdings stark zu bezweifeln. Das ganze Familienleben müßte mehr von jüdischem Geiste erfüllt werden, dann würde'auch die Heranwachsende Generation, trotz äußerer Einflüsse, dem Judentum erhalten bleiben. * * * In einem Berichte aus Meran gibt die „Frankfurter Zeitung" folgende überaus interessante Schilderung der östlichen Juden: Ein internationales Publikum horcht den Klängen der Knrkapelle, Laute von überall. Elegante Damen und Herren und zwischendurch sieht man kleine armselige Juden im langen Rock, manchmal ist er sogar .modisch gestutzt, aber ihr un- Nr. 18. verfälschter Jargon, verrät sie. Aus Galizien kommen sie ode Rußland. Ja, diese Inden aus dem Osten! Sie sorgen um ihre Gesundheit .und sie achten auf das Kiiidi das es mal besser haben soll. Als ich eine Zeitläng in Galizien lebte, kam ein alter Jude zu uns, der mit alten Kleidern handelte. Er hatte 10 Kinder. Sein Kaftan war abgeschabt und speckig, auf der Hose hatte er hundert Flicken, die Kinder liefen barfuß in der sonderbarsten Kleidung umher, aber so viel errackerte er immer, daß seine Frau, deren Gesundheit ihm heilig war, nach Franzensbad gehen konnte, denn das Kind, das sie ihm alljährlich auf den Tisch legte, mußte gesund sein. Das ist ein Fall für Tausend. In allen Bädern, in allen Kurorten begegnet man ihnen immer wieder in überraschend großer Zahl. Und in Krakau sollen heuer 560 Mädchen maturiert haben. Darunter über 500 Jndenmädchen, nicht Kinder Gebildeter, sondern Töchter armer und ärmster Juden. Das Wort Nietzsches: „Nicht fort sollt ihr Euch pflanzen,' sondern hinauf" hat unbewußt ewig in diesem Volke gelebt. Für einen jüdischen Vater hat alle Misere, alle Plage, alles Leid, aller Jammer und alle Verzweiflung des Lebens nur den einen Sinn — das Kind soll es besser haben. Das Kind soll sich einen besseren Platz erobern am Wirtshanstisch des Lebens. Dieser Gedanke, den man jetzt wissenschaftlich erarbeitet,. dem man langsam Eingang schaffen will, dem man nachhorcht in allen seinen Windungen und Konsequenzen, den man langsam säen will in der Menschen Herzen, nach dem haben die Inden immer gelebt. * # * Klerikalismns und Antisemitismus sind überall, so, auch in Frankreich die engsten Bundesgenossen. Für diese Erfahrung bietet folgender Vorfall eine neue Illustration: In Orleans soll am 8. Mai das Fest der Jungfrau von Orleans gefeiert werden. Ans diesem Anlasse ist es zwischen der geistlichen und weltlichen Behörde zu Differenzen gekommen. Man wandte sich au den Miuister des Innern, L Klotz, der nunmehr zugunsten der weltlichen Behörde entschieden hat. Darüber ist die royalistische und antisemitische „Action francaise" wütend. Sie schreibt n. a.: „So gibt der elende Jude seine Zustimmung zur Vernichtung der Festlichkeiten der Jungfrau von Orleans durch den Maire Radier. Dieser ungläubige Fremdling wagt, die Katholiken von Orleans zn verspotten und unterstützt die Beschimpfung der Heiligen des Vaterlandes. Diese Dinge werden sicher an dem nahen Tage furchtbar bestraft werden, wo die Republik gestürzt werden wird. Schon jetzt müssen alle Patrioten die Sache ihrem Gedächtnis einprägen. * - Wenn es noch einer Bestätigung bedurft hätte, dann hat die Aussage des früheren Redakteurs der „Eye-Witnes", der publizistischen Hauptanstifterin der englischen Marconi-Affäre, klargemacht, daß die ganze Kampagne ans rein antisemitischen Motiven ins Werk gesetzt worden ist. Nach diesem Zeugen sollte in England eine anti-jüdische Bewegung geschaffen werden, die, ähnlich wie bei der Dreyfnß-Affaire in Frankreich, den „jüdischen Einfluß" vernichten sollte. Mr. Hilaire Belloc, der spiritus rector dieser antisemitischen Gerüchte, der inzwischen ebenfalls von der parlamentarischen Untersuchnttgskommission verhört worden ist, erklärte wiederum, daß er gegen die unterdrückten und armen jüdischen Massen nichts einznwenden habe und nur die internationale jüdische Finanz bekämpfe. * * * Die Installation des neuen Oberrabbiners von England, Dr. Hertz, fand in der Great Synagoge statt. Da der neue Chief-Rabbi vor kurzem seinen Vater verloreu hat, vollzog sich die Zeremonie der Amtseinführung in den einfachsten Formen. Zahlreiche nichtjüdische Würdenträger, darunter der Lord-Mayor von London und die Sheriffs, die in Amtstracht erschienen, wohnten dem feierlichen Akte bei. * -i- * ' . Die russische Duma hat in einer geheimen Sitzung das Rekrutenkontingent für das Jahr 1913 verabschiedet. Von den Parteien der Rechten war dabei wieder einmal die Frage der Ausschließung der Juden aus dem Heere aufs Tapet gebracht worden. Da die Berichterstattung über die Sitzung untersagt

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