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Die Wahrheit · 1913-05-09 · Heft 18 (9.5.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 18 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion nnd Administration: Wien, 11/, Novaragasse 27 Televhon: Redaktion 5509/1V. Anakhänqiae Seitschnft für Mische tMuujliiÖiiii.K 14.— Halbinhiia.K 7 — Administration 1988II. ft. I. üfterr. Mostsvarkasta- Echrck-Konro Nr. 100.918. Interessen. Für Jt'nUurbeumte: 'Muiniiibnu.K io — In Ir rate: Die viermal gesvaltene Ronpäreille-Zeii« 25 Heller. , Erscheint jeden I r e i 1 a A. Für VIUrlaub:. Abonnementsnnd JniertionS- >av>in.8 M»rk betrüge nnd in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ ti Riivel oder IN jfrc». |lr. 18 Wien, 9. Mai Inhalt: Das moralische Debatte der Europäischen Großmächte. — Ans der Woche. — Deutschtum und Judentum. — Die Sendung Moses. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Marga".— Oesterr.-nngar. Kautoren-Verein. — Zur Aktion der Prager Kantoren. — Literatur Das moralische Delrakle der Europäischen Großmächte. Der Zwergkönig von Montenegro trotzte der vereinigten Flottendemonstration der europäischen Großmächte, er erstürmte ungeachtet ihres energischen Einspruches die türkische Festung Skütari und brachte dadurch dem Ansehen der europäischen Großmächte eine empfindliche Schlappe bei, die selbst durch sein endliches Nachgeben nicht beschönigt werden kann. Wer die Geschichte der letzten Jahre näher beachtet, kann von diesem katastrophalen Ergebnisse der „Europäischen Politik" keineswegs überrascht sein. Die europäischen Großmächte führen ihre angeblichen Bestrebungen kür Gesittung, Gerechtigkeit und Frieden nur immer im Munde, aber nur nackte Machtfragen und Rücksichten auf materielle Vorteile bestimmen ihre Taten. Als das Königreich Rumänien entstand, mimten die europäischen Großmächte ihre Stellung als Hort und Schützer der verschiedenen nationalen und konfessionellen Volksstämme im neuen Königreiche. Im Artikel 44 des „Berliner Vertrages" mußte sich bekanntlich das neue Königreich unter anderem auch verpflichten, keinem Rumänen den Genuß der bürgerlichen und politischer! Rechte wegen seines Religionsbekenntnisses zu verkümmern. Die rumänische Regierung führte nun diese vertragsmäßig eingegangene Verpflichtung durch Jahrzehnte, ja bis heute nicht aus und die einheimischen Juden Rumäniens werden wohl zu Kriegs- und Steuerpflichten herangezogen, aber sonst höchst feindselig, ja noch ärger als Fremde, behandelt und zu öffentlichen Aemtern, Funktionen und Ehrenstellen nicht zngelassen. Die europäischen Großmächte regten sich aber wegen dieser eklatanten Mißachtung der diesbezüglich eingegangenen Verpflichtungen nicht im Geringsten auf und dieselben finden heute noch die Drangsalierung der rumänischen Inden mit dem von ihnen und der rumänischen Regierung Unterzeichneten „Berliner Vertrage" und mit „Europäischer Gesittung" vereinbar. Als in der Hauptstadt Serbiens eines Tages die Königsfamilie ermordet wurde und der Nutznießer dieses Königsmordes den serbischen Thron besetzte, rührten die. europäischen Großmächte keinen Finger und erklärten die vorgekommenen entsetzlichen Scheußlichkeiten als solche Vorfälle, die innerhalb der Kompetenz des serbischen Staates stehen. Dieselben Großmächte verdrängten aber sofort den ersten Fürsten von Bulgarien, Alexander von Battenberg, vom Throne, als er versuchte, sich von der europäischen Bevormundung einigermaßen zu befreien und eine selbständige Handlung zu setzen. Als Oesterreich im Jahre 1908 Bosnien und die Herzegowina angesichts der drohenden türkischen Wirren annektierte, welche Länder bekanntlich diesem Reiche schon vor Jahrzehnten vom Konzerte der europäischen Großmächte zur Verwaltung zugewiesen wurden, wurde Oesterreich der Nichtbeachtung der eingegangenen Verpflichtung und eigenmächtigen Vorgehens geziehen, trotzdem es die annektierten Länder mit Aufwand großer Mittel wirtschaftlich und kulturell gehoben und sich mit der Türkei selbst friedlich ansgeglichen hatte. Als aber kurze Zeit darauf Italien der Türkei plötzlich Tripolis entriß, spürte man wieder sehr wenig Aufregung unter den Diplomaten der europäischen Großmächte, obgleich Italien sein kriegerisches Vorgehen ausschließlich auf das Recht des Stärkeren stützen konnte. Auf Grund einer solchen Erziehung von Seite der europäischen Großmächte mußte der „Balkanbnnd" die europäische Türkei wohl schon als herrenloses Gut anseheu und die früher schon beobachtete saloppe Durchführung ihrer Verträge seitens dieser europäischen Großmächte gab diesem neuen Staalenbunde wohl den Mut, am Balkan die Karte von Europa ohne europäische Leitung zu ändern. Auch die Erhaltung des Status quo, das ihnen die europäischen Großmächte anfangs entgegen» hielten, schreckte bekanntlich die Balkanstaaten nicht mehr von ihren militärischen Maßnahmen ab. Als die Waffen des Balkanbnndes dann ungeahnte Erfolge errangen, gaben es übrigens die europäischen Großmächte bald billiger. Die widerspruchsvolle, jeder moralischen Richtlinie entbehrende Haltung der europäischen Großmächte hat in Wahrheit den jüngsten schrecklichen Balkankrieg verschuldet. Im Verlaufe dieses Krieges wurde aber auch die skandalöse, moralische Schwäche dieser europäischen Großmächte vor den Augen aller europäischen Völker in sehr unliebsamer Weise aufgedeckt und ihnen die fernere Leitung der europäischen Geschicke streitig gemacht. Der Zwergkönig von Montenegro drückte das Ansehen der europäischen Großmächte so tief herab, daß es wohl schwer.werden dürste, es wieder auf die einstige Höhe zu bringen. Hätten die europäischen Großmächte „Gesittung, Gerechtigkeit und Weltfrieden" allezeit nicht nur mit dem Munde befürwortet, sondern energisch mit der Tat verteidigt und durchgeführt, dann wäre es nicht so leicht geworden, ihnen die Leitung der Geschichte in Europa derart katastrophal zu entwinden. Es ist eben eine alte Erfahrung, die sich durch die ganze Weltgeschichte wie ein roter Faden hinzieht, daß jeder Staat, und wäre er der größte und mächtigste, auf tönernen Füßen steht und dem Niedergange verfällt, sobald nur äugen--

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