Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 17. Deutschtum nud Judentum. (Die Juden in der Kunst.) (Fortsetzung.) ' Ob es gerade zweckmäßig war, mit der bisherigen Gepflogenheit zu brechen und an Stelle eines selbständig schassenden, seiner künstlerischen Eigenart bewußten Künstlers einen Vertreter des Knnsthandels an die Spitze der Sezession zu berufen, ist eine Frage, die gewiß strittig ist. Merkwürdig ist es aber doch, daß dem Salon Cassierer gerade in der nationalistischen antisemitischen Presse so oft bis in die letzte Zeit hinein die höchste Anerkennung gespendet worden ist. Der Kunstkritiker der „Deutschen Ztg.", Haus Kaiser, schrieb z. B. über die letzte große Gallerie-Ansstellung bei Paul Cassierer. „. . . Mit Genugtuung mag Herr Paul Cassierer bemerken, wie sein konservatives Festhalten an dem richtig : Erkannten znm Ziele führte und wie sein Salon ans ganz Deutschland erheblichen Einfluß ausgeübt hat. Er hat durch sein männliches Eintreten für die höchste Kunst, gleichgültig, woher sie kam, der deutschen Malerei den größten Dienst erwiesen; durch seine Vorbilder hat er der so nötigen Reformation der handwerklichen Ueberlieferung in Deutschland Rückhalt gegeben und unserer Malerei ein verloren gegangenes Niveau gewinnen helfen." Ja selbst die „Staatsb.-Ztg." konnte der dritten (Januar)- Ausstellnng bei Cassierer die Anerkennung nicht versagen, „daß die vorliegende Absicht: Aus der Zeit —■- für die Zeit geboren, dem ethischen Empfinden der Gegenwart entspricht, und sie darf daher mit Befriedigung begrüßt werden." Wenn die „Deutsche Tagesztg." dem jetzigen Präsidenten der Sezession znm Vorwurf gemacht hat, „daß gerade der Besitzer des Kunstsalons in der Viktoriastraße der Vorkämpfer für die ausländische, insbesondere die französische Malerei gewesen ist und noch heute sich in dieser Rolle lebhaft betätigt", so hat sich das antisemitische Blatt in einer späteren Besprechung der jüngsten Ausstellung dieses Argument selbst aus den Händen geschlagen, da es nämlich anerkennen muß. daß sich darunter auch eine „Sammlung junger und jüngster Franzosen befindet, die fast durchweg etwas für sich haben, nämlich die Farbe". Wenn das Judentum wirklich einen so nnbeilvoüen Einfluß auf die moderne Malerei ausgeübt haben sollte, so würde sich Herr Ferd. Avenarins sicherlich nicht die Gelegenheit haben entgehen lassen, auch auf diesem Gebiete „die Verfälschung des Deutschtums" durch den jüdischen Geist „nachzuweisen". Im zweiten Januar-Heft des „Knnstwart" führt nun Avenarins eine fesir scharfe Klinge gegen die Expressionisten, die Kubisten, die Futuristen, — er nennt sie znsammenfassend nicht übel die „Meschuggisten" — er läßt die Aera Böcklin, Thoma, Klinger, Maröes, van Gogh, die „Hodler-Epidemir", den bei Greco- Kultus Revue passieren — von spezifisch jüdischen Einflüssen weiß er aber kein Wort zu sagen, und Herr Avenarins hätte sich, wie wir ihn kennen, sicher nicht geniert. Er macht sich nur mit Recht lustig über alle die Hanswurstereien der hohen Minister ihrer Majestät, der Moderne: „Wie die gegenwärtigen Geschäfte Snob L Co. führen, so führten die der gestrigen Majestät die Herren Platt und Kitsch, und diese warten auch heute nur darauf, wieder, an die Reihe zu kommen." Avenarins, der bei aller Pflege der heimischen Kunst „die Proteste gegen die Ueberpflege ausländischer Kunst nicht am Platze" findet, ist gleichwohl nichts weniger als ein Feind der Moderne: „Wir brauchen Neues, denn ohne Neues kein Nähren. Neues zu beißen, ist aber schwerer, als Kinderbrei zu schlucken, also Platz für das Herbe, Achtung vor Schwierigem; vor allem Duldsamkeit für das Nene. Das mußte die Losung der Kunstkritik werden, als sie gegen das Verphilistern wirken wollte, und wenn wir ihr heute diese Losung abgewöhnten, so bekämen wir sicher die Zustände von damals wieder, wo Publicns sich die heute Vergessenen kaufte und um die Feuerbach, Böcklin, Leibl sich nicht kümmerte. Das wache Ausmerken auf das Neue darf eher zu freundlich als zu feindkich sein, das Bemühen, alL seinen Weisungen bereitwillig, nachzngehen, soweit inan das linr kann, das alles waren also Gebote der Kulturarbeit." Diese Gebote der Kulturarbeit sind aber gerade in völ-- kischen Kreisen sehr wenig beachtet worden, -wie ein über jeden Verdacht der „Liebedienerei" gegen das Jndentn'm erhabener klassischer Zeuge, Paul Friedrich in Nr. 4 der,,DentschvölkischeM Hochschulbl." schmerzlich konstatiert hat. Die Rückständigkeit des Durchschnittsdentschen gegenüber den Wandlungen des künstlerischen Stils bringe ihn „nicht allein in eine einseitig reaktionäre' Stellung zur Kunst; sie bewirke aitch durch diese Verachtung, der Kunst als einer weltfremden,, weibischen Spielerei, daß der- Denlsche dem Inden, das weite, Feld ohne Schwertstreich überlasse". Diese zornige Epistel an die delltschen Knnstbanausenschließt mit den Worten: „Die Deutschen kümmern sich um Kunst nicht und lassen auch heute noch ihre Dichter verhungern — oder von Inden entdeckt werden. Möge endlich den Deutschen klar werden, daß: auch die Kunst eine Realität ist und vielleicht eine weit folgenschwerere als Aviatik und Autorennen!" Die „Tägl. Rundschau" eröffnete ihre Aussprache über die Jndenfrage im Anschluß an den „Kunstwart"-Ärtikel mitder Zuschrift „Eines im Leben Stehenden", der die geistige Schwerfälligkeit seiner Staminesgenossen bitter beklagte und vor' den härtesten Vorwürfen nicht znrnckschreckte: „Wer tut denn etwas für die Wissenschaften und Künste,, wenn auch natürlich zunächst für die Künste nach seinem Geschmack? Wer trägt unsere Wohltätigkeitsbestrebnngen —- ganz, gleich, ob's unter Schielen nach dem Knopfloch geschieht oder nicht? Wer lut's denn sonst? Unser Adel? Wo ist er in unserer geistigen Bewegung? Wo sind unsere gutsituierten Bürger, — wie die drüben im verrufenen Dollarlande? In unseren Arbeiternsteckt hundertmal mehr Idealismus als in unserer Bourgeoisie." (Fortsetzung folgt.) Uerlchiedene Nachrichten. Dien. (Ga stpredig t.) Herr Rabbiner Dr. Alois Schweig e r' aus Erlau (Eger) wird am Samstag, den 3. Mai d. I., beim Morgengottesdienste im Leopoldstädter Tempel eine Gastpredigt halten. Wien. (Em i g r a n t en fü rs o r g e der Israelitischen Allianz zu Wien.) Während der Monate März und April 1913wnrden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 233 Emigranten, davon 198 russische und 35 rumänische, weiterbefördert, u. zw.: 109 nach den Vereinigten Staaten, 42 nach Argentinien, 36 nach Kanada, 2 nach England, 42 nach Frankreich und 2 nach verschiedenenanderen Ländern. In die Heimat zurückbesördert wurden 24 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden in den Monaten- März nud April für 42 Personen zusammen 195 Tage Logis undvolle Verpflegung gezahlt und au 188 Personeninsgesamt 715 Speise-- marken für die israelitische Volksküche ausgegeben. ' Ulken. Der Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, Regiernngsrat' Dr. Meder, besuchte mit dem Assistenten Dr. Kn ödl die Volksäspeisehalle des Vereines „Einheit", Malzgasse 12. Begrüßt bom Vorstands-- nntglied Hofrat Schlag und geführt vom Vereinsobmann Bernhard-' H o f b a n e r und dem Oekonomen des Vereines Adolf Fisch e r besichtigte Dr. Meder die Speisesäle und die übrigen Einrichtungen der' Anstalt und erklärte, daß sich das Institut, das der weitgehendsten Förderung empfohlen werden kann, würdig unseren besten Anstalten dieser' Art anreihe. Wien. Die Generalversammlung des Hietzinger Frauen-Wohltätigkeitsvereines findet am 5. Mai im kleinen Saale des Hotels „Hietzinaerhos", XHL, Hietzinger Hauptstraße 22, statt. Vortrag des Hof- und Gerichtsadvokaten, Dr. Gustav Scheu: „Die Rechtsstellung des unehe-. licheu Kindes." Beginn 1/28 Uhr abends.; Wien. Am 24. April wurde der Kanzlei- und Bethansdiener derr Israel. Kulrusgemeinde, Leopold S ch ö n. der nahezu 40 Jahre treuseine Dienste versehen hat, zu Grabe getragen. Herr Oberrabbiner Dr. G ü d ent a 11 11 ehrre den Verblichenen durch einen Nachruf. Die Präsidenten der Kultnsgemeinde, Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Ko hu, die Bethansvorsteher, der I. Sekretär, kaiserl. Rat, Dr. L i e b e u und zahl-' reiche Beamten erwiesen dem Verstorbenen : durch ihre Anwesenheit beim Leichenbegängnisse die letzte Ehre. Wien-Florrdsdorf. Die am 19. v. Mts. stattgehabte Barmizwahfeier des ältesten Sohnes unseres Herrn Rabbiners Dr. M. R 0 s e nmann, Jak ö"b, ging besonders eindrucksvoll vor sich. Im Tempel fanden sich Delegierte verschiedener Korporationen ein, besonders stark war' der Vorstand der Bezirkskommiffion und des Franenvereine.s vertreten^ Der Konfirmand las seine Parascha ans der heiligen. Schrift mit tradito-