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Die Wahrheit · 1913-05-02 · Heft 17 (2.5.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 17 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seite st Nr. 17 Du staubest still vor mir, mich ernst betrachtend, Pein Blick, nmwölkt zwar, schien doch mitleidvoll, So daß mein Herz, bisher verzweifelnd schmachtend, Zum ersten Mal von sanfter- Hoffnung schwoll. Doch ach! Du zähltest schweigend nur die Wunden, Die langsam mich, bis auf den Kern, zerstört. Du fandest schaudernd alle unverbunden. Und wandtest dich, im Innersten empört! ' Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweisen. Daß mich kein Mensch mehr Bruder, nennen kann, 'Dein Griffel, Zug um Zug, in Stein und Eisen; Dann wiederholst du streng den alten Bann. O, zerr' es nur ans dunklem Tabernakel Hervor, mein Bild, zerrissen und entstellt; . 0, stell' es nur mit jedem seiner Makel Im Glanz der Svline auf, vor aller Welt; Was war in eurer Mürr'rer Leib zu lesen, Wenn man zerfetzt hervor sie stieß ans Licht? Doch nur, wie hart die Folterbank gewesen — Für Sünden hielt man ihre Wunden nicht! In seiner „Genoveva" geißelt der Dichter die rohen --Gewalttaten des Pöbels gegen die Inden des Mittelalters; Dingelstedt hätte die Schlußszene vom „altenJnden" am liebsten gestrichen, weil sie mit seinen antisemitischen Anschauungen kollidierte, und von einem klerikalen Hetzblatte, dem bayerischen „Laudboten", wurde Hebbel daraufhin kurzweg znm getauften 'Inden gestempelt. In einem Bericht für die damals wohl . angesehenste Zeitung in Deutschland, die „Augsburger Allgemeine", aus dem Jahre 1848 schreibt Hebbel zu dent gleichen Thema: „Juden wie Christen sündigen au Vernnnft und Geschichte, nicht deshalb, weil sie Inden oder Christen sind, sondern weil -sie und soweit, sie Menschen ohne Bildung und ohne Kenntnisse sind . . . Man hüte sich daher, eine ganze Nation für die Exzesse einzelner Individuen, die zu ihr gehören, verantwortlich zu machen und Blatternarben mit Gesichtszügen zu verwechseln, wenn man nicht in der dumpfen, vorurteilsvollen Masse, welche, wenigstens in den Provinzen, die politischen Pamphlete jetzt ebenso andächtig auswendig lernt wie ehemals die religiösen Traktätchen und die. vom Himmel gefallenen Briefe, Brutalitäten der maßlosesten Art Hervorrufen will". Bei einer solchen humanen, abgeklärten Denkweise des Dichters war es nicht weiter verwunderlich, daß Inden zu seinen engsten Freunden und aufrichtigsten Bewunderern gehörten, so: Hieronymus Lorm (Heinrich Landesmaun. der Schwager Berthold Auerbachs),. Leopold Kompert, Eduard Knlke, der Humorist M. G. Saphir. Ludwig August Frankl und der nachmalige österreichische Justizminister Julius Glaser. Wir erinnern ferner an die literarische Förderung Hebbels durch Bamberg zitiib Sigmund Engländer*) und an das auch heute noch immer ^bedeutungsvolle Werk über die Lebensarbeit des Dichters ans .der Feder von Emil Kuh, dem sogar Adolf Bartels feine Anerkennung nicht versagt hat. Wie vorurteilsfrei der Dichter über die Taufe dachte, .zeigt auch ein Brief (18. 12. 1856), in welchem er Emil Kuh, der sich mit Austrittsabsichteu aus dem Judentum trug, von diesem Vorhaben abzubringen suchte: *) lieber sein Verhältnis zn Engländer, den Herausgeber des angesehenen Wiener Literaturblattes, „Der Salon" schreibt Hebbel in eineul . Briefe an Felix Bamberg: - ' „Engländer antwortet ihnen im Beischlnß. Ihr Urteil über ihn ist durchaus richtig. Er ist hier mein einziger Umgang im buchstäblichsten ' -Sinne. Uedrigens ist er Jnde wie Sie es sind und wie ich es bin". Und über Bamberg urteilt der Dichter ein andermal: „Dr. Bamberg war mir hierbei wie bei allem, was"ich hier noch getan und unternommen habe, behilflich. Es ziemt sich wohl, es zu bemerken, denn ich würde ohne ihn in Paris bei meiner Unkenntnis der französischen Sprache wie verraten und verkauft gewesen sein. Er ist ein .Jude, aber es ist ein Glück für seine Nation, daß ^ch mit ihm in Berührung -gekommen bin, denn meine liberalen Ansichten haben sich im Llllgemeinen verändert und bedurften der Unterstützung durch die Bekanntschaft mit respektablen jüdischen Persönlichkeiten gar sehr". „Zn der Herausgabe Ihrer Gedichte gratuliere ich. dagegen verlangen Sie wohl nicht von mir, daß ich Ihre Ansichten über die Inden unterschreibe, da Sie wissen, daß ich mich vor vielen Jahren mit einem christlichen Freunde ans lange entzweite, als er ähnliches aussprach, und da Ihnen früher obendrein mein Wort: Der Jude ist gerade so schlecht wie der Mensch! recht wohl gefiel. Und dann denke ich zn groß von dem Menschen, obgleich ich ihn wahrlich nicht überschätze, um nicht daran festzuhalten, daß er die kleüteu Hindernisse, welche die Rasse ihm allenfalls in den Weg legen mag, durch die kleinste sittliche Anstrengung überwinden kann.. Erwägen Sie diese Gedunkelt in ihrer ganzen Tiefe und söhnen Sie sich mit ihrer Nation wieder aus; es tut nicht gut, sich von dem Boden losznreißeu. dem mail angehört, und ich sehe Sie nicht gern ans diesem Wege". Aus dieser Gesinnung heraus läßt der Dichter auch seine Marianne zn ihren sogenannten Richtern sprechen: „Mein Auge sieht euch kaum-! Denn hinter euch steh'n Geister, die mich stumm unb ernst betrachten; es sind die großen Ahnen meines Stamms". Man ersieht hieraus, mit welchem Recht ein Artikel im Märzheft der „Pol.-Anthr. Revue" das „Rassenbewnßsein" des Dichters für die Tendenzen unserer „völkischen" Männer in Anspruch nimmt. Hebbel war ein glühender Bewunderer Heinrich Heines, den er in einem Aufsatz über „Das Buch der Lieder" einen „echten deutschen Dichter" nennt. Mit den damaligen fchmähsichtigen Gegnern des Dichters setzt er sich in ernster und würdiger Weise auseinander: „Man hat der Heineschen Poesie vielfältig die inner- Wahrheit abgesprochen. Wohl nur, weil man ihr Individueller llicht immer auszusassen verstand . . . Auch der Darstellungs- Prozeß, worin die Form gewonnen wird, soll wahr fein, er soll ans dem Drange des Ueberflnsses hervorgehen und Götter in die Welt setzen, nicht Lemuren. Dieses ist der wichtigste Punkt, . . . denn von der Gestalt, worin eine Idee zur Erscheinung gelangt, hängt es ab, ob sie wie ein Jupiter verehrt, oder wie eilt Vitzliputzli verspottet werden soll, doch eben nm diesen Punkt wird der plumpe Aesthetiker sich nie bekümmern. Er rechnet dafür die Gedanken und Bilder zusammen und vergißt, daß man dies alles bei jedem der Berücksichtigung irgend würdigen Gegenstand voraussetzen muß . . . Viele, die Heine und alles Neuere tadeln, haben es jedoch gar nicht mit Stoff und Form seiner Poesie, sondern nur mit dem Materiellen und Elementaren derselben, worin sie freilich schon den Stoff sehen, zu tun . . . Jede Lebensänßerung, die von der ihrigen abweicht, nennen sie eine Krankheit ..." „Bei dieseil allgemeinen Bemerkungen möchte ich es bewenden lassen. Wer es nicht fühlt, daß Lieder, wie das Fischermädchen, die Wallfahrt zn Kevlaar, die Moorlilie und andere ganze Bände Lehrgedichte und ähnliches in die Lüste schnellen, dem wird es keiner begreiflich machen ... Ich wollte vom freien und unparteiischen Standpunkte über Heine ein gründliches, ruhiges Wort sagen. Ich glaubte, ihn nicht besser ehren zu können, als wenn ich, statt mich bei dem einzelnen anfzuhalten, meinen Gegenstand, wie er es verdient, mit den höchsten Prinzipien der Kunst in Beziehung brachte und Wert und Wahrheit dieser Gedichte durcb Veranschaulichuttg des individuellen Lebensprozesses, woraus sie hervorgingen, darzntnn suchte". Das sind wahre Keulenfchläge für Herrn Adolf Bartels, der ja selbst ein Heine-Pamphlet verbrochen hat und erst in diesen Tagen wieder im Wiener Lese- und Redeverein deutscher Hochschüler „Germania" sich über den „zynischen Witz'* und die „niedrige Denkungsart" des Dichters entrüstet und die Deutschen aufgesordert hat, dafür Sorge zit tragen, daß. sie den guten Ruf Heines nicht länger bestehen lassen. Man erinnert sich da unwillkürlich des treffenden Wortes Hebbels (in seiner Heine-Apologie): „Wegen des Besten, was man gegeben hat, von beschränkten Geistern angeknurrt zu werden, was will es.heißen?" _____

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