Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-05-02 · Heft 17 (2.5.1913) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 17 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063691--08449-3075616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8.. Die Wahrheit Nr. 17. Ueue und alte Synagogen Mn stk ii. (Fortsetzung.) In keinem Teile jüdischer Altertumskunde herrscht wohl eine so schroffe Verschiedenheit der Ansichten wie ans dem Gebiete altjüdischer Musik; der Forscher sieht sich von jeder beweiskräftigen Spur verlassen, kein Laut vergangener Jahrhunderte klingt zu uns herüber und es blieben nur jene toten Schrift- Zeichen, die von ihrem primären Erklingen so gnt wie nichts berichten; aber auch die Mnsiksorscher früherer Epochen divergieren in . ihren Ansichten über „jüdische Musik"; viele mit großer Emphase geschriebenen Werke, wie die Schrift C. S e m l e r s (Halle 1708) „Vokal- und Jnstrnmentalgottesdienst der Hebräer", ferner M. H. R e i n h a r d s (Wittenberg 1699) erschienene Dissertation über die „Musik der Hebräer" werden etwa 70 Jahre später, durch den bedeutenden orientalischen Forscher der Universität zu Erlangen, A. F. Pfeiffer, in einer sonst sehr wertvollen und.interessanten Schrift vollständig widerlegt und als hypothetisch hingestellt. Mißmutig über all diese Schwierigkeiten, über Mangel an festem Boden zur Begründung solider Forschung, haben viele Kantoren diesen doch so wichtigen Zweig jüdischer Altertumskunde au die Seite gedrückt und wünschen in der Ausgestaltung ihres Gottesdienstes etwas modernere Fassung, wenngleich bei vielen eine gewisse Pietät für den traditionellen Stil offenkundig zutage tritt. Zu den bedeutendsten Vorkämpfern dieser neuen Richtung zählt in Deutschland Oberkantor M. H e n l e - Hamburg, der' seil Jahren glänzende Beweise eines individuellen Stiles von Synagogenmusik gegeben hat; ich erinnere hier vorzugsweise an die „Sechs hebräischen Gesänge" (Lord Byron), an die „Deutsche Kednscha" und verschiedene Casualien; für die musikalisch wertvollste Arbeit Heul es halte ich die Piecen Op. 10. der „Liturgischen Gesäuge", auf die ich an dieser Stelle nachdrücklichst aufmerksam machen will. In diesem Op. 10 finden wir musikalische Filigranarbeiten, frei und unbehindert von den konventionell starren Fesseln der üblichen Schablone, in einer Vollendung und'Gefühlsechtheit, daß sie oft wie Offenbarungen erklingen; ein eigentümlicher Reiz geht von dem kleinen, unscheinbaren, grauen Heftchen aus, das ich zwischen dickbäuchigen Bänden von Duodez- Musik immer wieder herausgreife, um die Vollreife eines Synagogeumusikers zu bewundern, der mit dem Rüstzeuge alter und neuester Kunsttechnnik ausgestattet, seine Phantasie frei walten, doch sicher schälten läßt. Ohne etwa proeminente Stileigentnmlichkeit offenbaren zu wollen, wahrt Heule überall seine persönliche Note, er hält sich von jeder Anlehnung so ferne, wie er nie nach absichtlicher Originalität sucht. Ich nehme nur eine Piece aus diesem Opus 10, dennir»v Nr. 8, heraus; ich balte diese Nummer nicht nur für die Vollendeste des Werkes, sondern für ein in seiner Gefühlstiefe kaum zu überbietendes musikalisches Charakterbild auf-diesen Text. Schon die Struktur des Orgelsolos, das nach den ersten Worten in den ^.8-äur- Satz hiueinführt, ist feinsinnig empfunden. Für den ersten Moment gewaltsam und bei näherem Hinsehen doch so woh berechnet, klingt die Ueberleitnng zu dem. Chorsatz 6l«8-äwr. Die Wogen der Begeisterung legen sichalsbald und münden in die Bitte „v-,p2 rvnn". An dieser Stelle geht nun Heule und das ist das verblüffend schönste dieser Piece, wie in einer, den Wunsch voransnehmenden Vision, zurück in die erste Tonart „2-IP2", um das Ganze in fein ziseliertem, vierstimmigem Satze zu endigen. Die Wahrheit der Stimmungen im Charakter dieses Gebetstückes ist hier mit einer solchen Vollendung durchgeführt, daß es nicht leicht zu entscheiden wäre, ob -man hier die Einheit in der Auffassung des Ganzen oder die festgezeichnete Charakteristik der einzelnen Details mehr bewundern soll. Wenn moderne Behelfe für den Gottesdienst zu Gebote stehen, der greife nach diesem Werke Henles, dessen Inhalt dem eines köstlichen Juwelenschreines vergleichbar ist. Unter den Synagogenmnsikern der Gegenwart hat Oberkantor Z i v i - Elberfeld neuerdings immer mehr die Aufmerksamkeit aller jener Kreise auf sich zu.lenken verstanden, die sich für jegliche Art der Entwicklung spezifisch jüdischer Musik intern essieren. Zivi hat schon oft-als eine durchaus individuelle^ ' schöpferisch so potente Nalnr vor die Oeffentlichkeit, daß jenes allgemeine Interesse wohl gerechtfertigt erscheint, wenngleich mir die Verbreitung wie besonders seiner jüdischen orchestralenMusik im Vergleiche zu dem. außerordentlichen Werte dieser Arbeiten eine viel zu geringe ist, Zivis Eigenart als Synagogenkomponist liegt zunächst in jenen Werken, die neben dem Sologesang des Kantors dem einstimmigen Gemeindegesange mit Orgel eine' wichtige Bedeutung einräumen. Wie sehr derartige Kompositionen oft notwendig erscheinen, weiß freilich nur der zu beurteilen, der die immensen Schwierigkeiten kennt, die der Bildung eines- Syuagogenchores in kleineren Gemeinden sich entgegenstelleu. Dort überall wird dem Gemeindegesang, der ja sicher der primären Art jüdischen Goteesdienstes entsprang, besondere Psiege gewidmet. Aus naheliegenden Gründen arbeitet Zivi iw solchen Gemeinderesponsorien mit sehr einfachen, oft dürftigen., Motiven. Wenn nun ein Motiv hier wiederholt oder variier! wird, so hat der Autor nicht etwa einem Mangel an Ideen abhelfen wollen; unerschöpflicher Gedankenreichtum und Gewissen-' Hastigkeit in manch anderem Werke schützen ihn gegen solche Voraussetzung, Es scheint vielmehr, daß Zivi hier nur leichtfaßliches Gemeingut für alle Mitbeter und Mitsänger schaffen wollte nnd durch die Wiederkehr derselben Motive, ohne Zweifeleine immer festere und eindringlichere Wirkung erzielte. Für die' künstlerische Ausgestaltung des Gottesdienstes in all jenen Synagogen, die Gemeindegesang mit Orgel pflegen, bedeuten Zivis-.. Werke eine außerordentlich wertvolle Bereicherung. Die bedeutendste Arbeit Zivis, die ihm allezeit, einen' Ehrenplatz unter den jüdischen Musikern sichert, ist seine „Babylon-Sinfonie". Zivi hat hier überhaupt zum erstenmale' unsere „traditionellen Melodien" mit einer orchestralen Fassung umgeben, indem er religionsgeschichtliche Vorwürfe seiner Arbeit als Programm unterlegt. Es liegt eine wunderbare Anmut, eine, tief wirkende Kraft und dramatisches Leben, in dieser Schönheit von Modulationen und Akkordfolgeu, in diesem fein gewebten,, orchestralen Kolorit, das nus in Klarheit die Melodien vergangener, Zeiten, in all den heterogenen Stimmungen desjüdischen Volkes, von 'Tö npts yvae voizaubert. Diegroße Technik Zivis ist hier keineswegs Selbstzweck, sondern steht vollends im Dienste der musikalischen Idee. Diese Tatsache dürfte seinen Opus, das eine Vereinigung von großen kontrapnnktischem Können, genialer, thematischer Arbeit nnd bedeutenden Jnstrumeutationskunst zeigt, bald jenen Ehrenplatz erobern, den. es ehrlich verdient. Oberkantor Singe r, Kattowitzr (Fortsetzung folgt.) Zn Friedrich Hebbels hundertste» Geburtstage. Friedrich Hebbel, dessen hundertjähriger Geburtstag im vorigen Monat pietätvoll gefeiert worden ist, wurde in einem Gedenkartikel der „Dtsch. Tagesztg." von Adolf Bartels, der sich bekanntlich das Verdienst znschreibt, den Dichter für die: jetzige Generation erst wieder neu entdeckt zu. haben, als ein „reiner Germane" gerühmt, dessen Werke „bis zuletzt fest im deutschen Volkstum stehen"; er sei alles in allem „ein echter deutscher Mann nnd Dichter". Da ja das Urteil eines solchen für das Deutschtum vorbildlichen Mannes von unseren „völkischen" Kreisen gewiß nicht gering geachtet werden wird, so wird esdie Antisemiten sicherlich interessieren, wie Hebbel zum Judentum gestanden hat. Schon im Jahre 1839 erschien seiir bekanntes Gedicht: Der Jude an den Christen. Ich sank zu deinen Füßen, bleich nnd blutend, Ich zeigte stumm auf die Vergangenheit; Ich rief, im Sterben selbst mich noch ermutend: Sei du mein Heiland, jüngste, stolze Zeit!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.