Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Unter geradezu iinpo sanier Beteiligung hervorragender ' Lff^ntlicherinnd gesellschaftlicher Persönlichkelten fand Mittwoch, den 30. April, halb 10 Uhr vormittags, das Leichenbegängnis -statt. Unter Teilnahme des Präsidiums der Knltusgemeinde^ -des gestimmten Knltnsvvrstandes, des Vorstandes des Tempelöau-Vereines im YHI. Bezirk und zahlreicher Vertreter verschiedener Korporationen und Vereine wurde der Sarg vom Dranerhanse, YHL Langegasse 1, in die Vorhalle des Tempels in der Nendeggergasse getragen, woselbst sich die Gattin des -Verblichenen mit den Familienangehörigen, sowie viele Trauergäste eingefnnden hatten. Nach einigen Abschiedsworten des ^Rabbiners Dr. Bauer und des Vorstandsmitgliedes kais. Rat Alb. Frankl, stimmte Kantor Grob die liturgischen Trauergesänge an und hierauf wurde die Leiche, gefolgt von einer -säst endlosen Wagenreihe auf den Zentralfriedhof überführt mnd zur ewigen Ruhe bestattet. Wiener Kivelschulen. Von Josef Pick, Religionslehrer, Wien. Das Wort Bibelschnle hat heute keinen solch schlechten Mang mehr, wie in früheren Jahren. Die Bibelschnle hat sich bereits einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung erobert. Ja, selbst in anderen Großstädten der österreichischen Monarchie hat Pe an Terrain gewonnen. In früheren Jahren war eine solche Schule in den Allgen Vieler eilt Schreckgespenst. Man identiffizierte sie mit Chederschnlen — und von einer Chederschnle will man nichts wissen. Die Bibelschnlen sind aber in unserer Leit eine Notwendigkeit und sie haben sich durch ihr segensreiches Wirken viele Freunde erworben. Es gibt aber noch immer -sehr viele, die gegen diese Schulen eine große Aversion haben. Die Ursache davon ist, weil sie ihr Wesen nicht kennen, weil sie keine 'Ahnung haben, was heute eine Bibelschule leistet unddaß sie nichts won den Schattenseiten eines Cheders an sich hat. Denn nnsere Vibelschnlen sind keine Körper und Geist verkrüppelnde Chedarim. Die Bibelschnle soll zunächst den Religionsunterricht der .-öffentlichen Schule ergänzen. Da in der Regel das Lesen in der öffentlichen Schule, weil ja nur zwei wöchentliche Unterrichtsstunden gestattet sind, kein vollkommen flottes Tempo erreicht, Hat hier die Bibelschnle in-einer Unterstufe einznfetzen, um ein lückelilvses und flottes Lesen zu erzielen. Wenn dies in der Unterstufe erreicht ist, so ist die Basis zu weiterem Schaffen gegeben. Denn die Bibelschule hat höhere Aufgaben. Sie soll den Schüler nicht 'nur zu einem praktischen, zum Tempelbesuch befähigten Mitbeter erziehen, sondern ihm den Kern des Jnden- Inms, die Ehik beibringen, damit er kein bloßer Lippenandächtiger 'werde, von dem es hieße: püep *6 nw .Tnaw p“i, sondern -die hohe Bedeutung und den hohen Wert unserer erhabenen "Gebete auch erfasse. Die Bibelschnle ist die richtige Stätte, an welcher man nnsere Kinder jene Lebensquelle erschließt, ans welcher Erfrischung nnd Labung für ihren Geist reichlich fließt. Das ist die Stätte, -nn welcher man die Kinder mit unserer Lebensaufgabe innig wertrant macht, die Stätte, au welcher ihr Gemüt sittlich und religiös gehoben wird. Gerson Wolf sagt in feiner „Geschichte der israelitischen Mütusgemeinde in Wien": „In der Religionsschnle muß hebräisch gelehrt werden, und zwar in solchem Maße, welcher -die Möglichkeit bietet, daß die Schüler imstande sind, das .Hebräische zu verstehen. Wir haben nach Junen kein anderes -Band, als die hebräische Spräche, durch sie erkennen sich die Inden von allen Enden der Welt als Brüder; ferner aber, inffolange der Gottesdienst hebräisch ist. und der integrierende Tei des Gottesdienstes soll doch hebräisch bleiben, muß das Hebräische der Jugend .gelehrt werden, um das Verständnis des Gottesdienstes zu ermöglichen." Die Hauptdisziplin der Bibelschule muß aber die Bibel im Urtexte sein. Da hat der Lehrer einen unermeßlichen Schatz wor sich. G. Wolf sah die höchste Aufgabe der damaligen Seite I. Religionsschule darilst der Jugend die Bibel in die Hand zu geben: : Er schrieb: „Wir dürfen und können nicht den Schatz im Strome der Vergessenheit versinken lassen, oder ihn gar selber versenken." Ja, hier hat der Lehrer eine dankbare Aufgabe. Er erschließt den Kindern das Schöne und Erhabene unserer Thora. Da spricht er direkt zur Seele des Kindes und zeigt ihm wunderbare Bilder nuferer Vorfahren und so kllüpft der Lehrer die Seele des Kindes in Liebe an die Seele des jüdischen Volkes. Dr. M. Beermann, in feinem „Beitrag zur Geschichte der Pädagogik" sagt: „Aller Unterweisung in der Schule wurde die heilige Schrift zugrunde gelegt, jenes göttliche Wunderbnch, das auf geschichtliche Erzählung das Gesetz anfbaut und diesem als lyrische Kommentare Prophetenreden und heilige Gesänge folgen läßt und dies alles dnrcbzogeu von dem Bewußtsein der einen zur sittlichen Weihe berufenen Menschheit und ihres ewig liebevollen Vaters. Hier hatte man ein Geschichtsbuch voll anschaulicher Lebensbilder, hier einen kleinen Ueberblick über die Offenbarung Gottes und das alles nicht in dürren Worten^ sondern in lebendigem wirksamen Bilde, welches Gemüt und Gesinnung ergreift und das Fundament für einen sittlich-religiösen Charakter schafft. Dieses Buch, dessen erhabener Geist unter den heidnischen Griechen und Römern wie unter den modernen Denkern seine Bewunderer fand, dieses Buch war das Lese- und Lehrbuch der Schuljugend zurzeit des Talmud. Aus ihm quoll auch der nationale Geist, der jeden erziehlichen Unterricht durchwehen muß, unmittelbar ltnb ursprünglich teilte sich ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit zu dem Stamme mit, von dessen Geschicken und Aitfgabeu die heiligen Pergamente erzählen." Es ist aber aitch selbstredend, daß in der Bibelschule Mädchenunterricht nicht fehlen darf. Es ist ja jedem Lehrer bekannt, daß die Mädchen viel gemütsvoller als die Knaben sind nitd deshalb leichter zugänglich für alles Schöne und Erhabene. Da können wir wieder mit G. Wolf sagen: „Es fallen da die Lehren auf guten Boden und es ist zu hoffen, daß die künftigen Mütter in Israel ihrer alten Mission treu bleiben und ihre Kinder in dem Glauben ihrer Väter erziehen werden. Die Mütter in Israel waren und sind es, die den Kindern den Glanbensmnt eingeflößt haben. Wenn spartanische Mütter ihren Kindern sagten': Mit dem Schilde oder auf dem Schilde, so haben israelitische Mütter ihren Kindern das Bekenntnis: „Höre Israel!" eingeschärft, für das sie in den Tod gehen und alle Qualen und Mühen des Lebens erdulden sollen." Und da in früheren Jahren, das Haus und die Häuslichkeit mehr für die religiöse Kenntnis geleistet als heute und die Bibelschnle nur einen Teil der Pflichten des Hanfes übernehmen kann, so muß noch ein Mittel herangezogen werden, um auch diese Lücke nach Möglichkeit zu schließen, und dieses Mittel ist — die jüdische Jngendbibliothek. Gute jüdische Jugendbücher werden auf das Gemüt der Kinder sehr gut eiuwirken. Das ganze jüdische häusliche Familienleben der vorigen Jahrhunderte wird an ihnen vorüberziehen, die nachhaltige Eindrücke Hervorrufen und das religiöse Gefühl stärken und erhalten. Die ansgewählten jüdischen Erzählungen werden den jüdischen Geist der Kinder festigen. Nur Mangel an Kenntnis der jüdischen Geschichte, der Leiden und Freuden des jüdischen Volkes ruft Indolenz hervor. Deshalb ist es nnnmgänglich notwendig, daß eine moderne.Bibelschnle über eine gute jüdische Jngendbibliothek verfügt. Um die Bibelschulen ans die höchste Stufe der Lristnngsfähigkeit zu bringen, müßten auch Bibelschnllehrerkonferenzen unter dem Vorsitze des Bibelfchnlinspektors abgehalten werden, um vom gegenseitigen Austausch der Erfahrungen Nutzen zu ziehen. Ebenso müßten Elternabende eingeführt werden, um den Eltern die Nützlichkeit der Bibelschulen vor Augen zu führen. Man sollte aber auch die große Oeffentlichkeit von der Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit der Bibelschnlen überzeugen. Mau ntüßte alle Kreise der jüdischen Bevölkerung Wiens für diese Anstalten interessieren, damit die Lehrer ein kräftiges Judentum erziehen können. Die Bibliothek ist in Wien unentbehrlich. Die Wchrheil