Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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schön^ aber der einfache Sinn der Schrift zeugt it i cht fü r | i e. Nach meinem Dafürhalten ist der Sinn folgender: Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen. Nicht nur feindselige Taten, wie Schlagen, Fluchen oder sonst Böses.znfügen, sind verboten, sondern auch der innerliche Haß. Auch Gefühle können vom vernünftigen Menschen beherrscht werden und können also von Gott befohlen werden, wie ja das Gebot: „Du sollst nicht gelüsten," sich au das Gefühl wendet. So gebot auch Gott: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, d. h. die Liebe zum Nächsten soll von d e r s e lb e n Art sein, wie die Liebe zu sich selbst. Es ist hier nicht von Quantität, sondern von der Qualität der Liebe die Rede. Es gibt verschiedene Arten Liebe. Der Mensch liebt nicht sein Tier wie er seinen Sohn liebt; nicht seine Schätze wie seine Frau; nicht sein Geld wie seinen Weinstock und seinen Feigenbaum usw. Aber auch in der g l e i ch a r t i g e n Liebe gibt es Abstufungen. Mancher liebt sein jüngstes Kind mehr als sein älteres, seinen silbernen Becher mehr als die anderen Sachen, sein Pferd mehr als den Esel u. dgl. Und wo es nicht möglich, ist, zwei geliebten Gegenständen in gleicher Weise Gutes zu erweisen, wird natürlich der geliebtere bevorzugt. Gott gebietet uns also, unsere Nächsten in d e r s e lb e n W e i s e zu lieben, wie wir uns selbst, lieben, denn das ist die höchste Art zu lieben. Und wo immer die Nächstenliebe nach Recht und Billigkeit der Selbstliebe nicht widerspricht, sind wir verpflichtet, unseren Nächsten das zu tun, was wir zu unserem eigenen Wohle tun würden. Das schließt aber den Unterschied im Grad e der Liebe nicht ans.'Wenn nämlich die Nächstenliebe uns einen ungebührlichen Schaden znfügen würde, so kann die Selbstliebe vorange.hen, wie unsere Weisen sagen : Dein Leben geht dem Leben deines Nächsten vor. Kurz, die Thora spricht hier nicht von der Quantität der Liebe, die ja nur bei Gegensätzen zwischen der Eigenliebe und der Nächstenliebe in Betracht kommt, sondern von der Qualität der Liebe, wo kein Gegensatz besteht, da sollst bn dem Nächsten alles Gute erweisen, wie dir selbst, nicht zum Nutzen und zum Vergnügen des Liebenden, wie bei der Liebe zu den Schätzen, sondern zum Nutzen und zum Wohle des Geliebten, wie du eben dich selbst liebst." Zu diesen Worten Mendelssohns, die vielleicht nicht jedem einleuchten werden, aber doch vom ethischen Standpunkt kaum anfechtbar sind, macht Luzzatto im Hammischtadel die Bemerkung, dies wäre nahe der sodomitischen Art (mit Bezug auf Aboth V, 10 „wer spricht: „Mein ist mein und dein ist dein," das ist die Art der Durchschnittsmenschen, Andere aber sagen, das ist die Art Sodomis"), denn wie kann ich dem Nächsten Gutes erweise», ohne daß ich einen geringen oder schweren Schaden erleide? Wenn ich meinem Nächsten einen Heller gebe, so fehlt ja dieser Heller mir!" Luzzatto vergißt hier, daß ja Mendelssohn nur von ungebührliche m Schaden gesprochen hat! Oder meint Luzzatto wirklich, wir seien verpstichtet, z. B. nnserm Nächsten unsere Habe zu überlassen, selbst wenn wir dabei selbst verhungern müßten?! Und doch scheint Güdemanu auf Seiten Lnzzattos zu stehen, denn er ruft aus: „Man denke: Sodom und. Nächstenliebe — die größten Gegensätze!" Nun bringt Güdemann Beweise, daß “paa nicht heißen kann: „wie dich selbst", sondern nur: „als deinesgleichen:" Zunächst der Beweis Wesselys, daß -paa wie •aiaa nur u om i n a t i v i s ch vorkommt. Dann fügt er noch einen Beweis hinzu, daß> wenn -paa ., wie dich selbst" heißen würde, das f reflexiv wäre . und im alten Hebräisch kein reflexives persönliches Fürwort im Gebrauch war. Nun ist es zwar richtig, daß iaa mit den Sussixen sonst im Nominativ steht oder wenigstens nominatirisch aufgefaßt werden kann, wie Güdemann ansführt, daß aber im' alten Hebräisch kein Fürwort reflexivisch im Gebrauch war, ist nicht richtig. Die bekannten Ausdrücke -jb narvn, aab i-OV.-i können nicht anders als reflexivisch aufgefaßt werden: hüte dich fürdich, hütet euch für Euch! daß hier nicht etwa ein sogenannter Datüvrm ethikus vorkommt, beweist die Stelle Deuteronomium IV, 15 aaTittsab ikö amatwi „hütet euch sehr für eure Seelen" in Verbindung mit Vers 9 „hüte dich für dich Es ist : also dem alten Hebräisch.ganz gleichgültig, obich sage, -jb naan „hüte.dich für dich" oder “jPS3a aatpn „hüte dich für deine Seele." Ebenso gleichgültig ist es, ob ich sage: du sollst lieben deinen Nächsten -[pass w i e dein e S e e l e (wie Wessely verlangt) oder “pan w i e d i ch s e l b st." Die alte Uebersetznng ist also g a n z gutes altes H e b r ä i s ch. Ueber die Fragen, wie das möglich sei, wie das gemeint 'sei, mögen die Gelehrten mit einander fertig werden. Das Volk wird sich das herrliche Gebot durch solche subtile Erörterungen nicht trüben lassen. Das schlichte, erhabene, oberste Gebot des Judentums wird wie. bisher auch fernerhin bleiben: Lieb e d e i n e n N ä ch st e n wie dich selbst! - Herma«» Keck. Ein Wort des Gedenkens von Josef Grob. - In dieser schweren und bedrückten Zeit,'in welcher das Jndentum für so manchen Juden eine Last unk> Plage bedeutet, ist es doppelt erhebend, einem Manne zu begegnen, dem das Judentum eine unendliche Freude bereitete und der während seines ganzen Lebens kein höheres Ziel kannte, als für Judentum und jüdisches Gemeinwesen mit hingebungsvoller Opferwilligkeit zu wirken und zu schaffen. Solch ein Mann war der nunmehr verstorbene Hermann Beck bn. Ein Sohn des bekannten Hoflieferanten und Begründers des Gotteshauses im Wiener 8. Bezirke, Herrn Wilhelm Beck s. A., stand er 30 Jahre an der Spitze des von seinem Vater begründeten Gotteshauses in der Josefstadt und unter seiner Leitung entstand der Prachtbau in der Josefstadt, welcher unbestreitbar eine Zierde der jüdischen Gotteshäuser Wiens ist. Gesegnet vom Allmächtigen mit Wohlstand und Reichtum, geschmückt mit fürstlichen Orden, ausgezeichnet mit Ehrenstellen vieler Wohlfahrts- Vereine, verstand es Hermann Beck unter Mithilfe seiner zärtlichen Gattin, der bekannten Philantropin Frau Amalie Beck, seine Kinder in jüdischem Sinne und Geiste zu erziehen, und gewiß erfüllte es ihn mit hoher Befriedigung, daß sein Haus ein frommes jüdisches, seine vornehme Gattin eine Esches chajil, seine Kinder und Kindeskinder durchdrungen von seinem Geiste seien. Was ihm aber die größte Freude in-seinem ganzen Leben bereitete, das war der Josefstädter Tempel. Während meiner mehrjährigen Amtstätigkeit hatte ich Gelegenheit, viele Tempelbesncher zu beobachten. Bei keinem, aber von all den vielen bemerkte ich, wenn er das Gotteshaus betrat, einen derartigen Ausdruck im Gesichte, wie ich ihn bei Hermann Beck wahrzunehmen pflegte. Die Freude las man ihm vom Gesicht herunter, und dieser gute Jude verjüngte sich förmlich beim Betreten der geweihten Stätte. Jedem Angestellten, Rabbiner, Kantor, Chorpersouale, Tempeldiener und Allen, die zur Verherrlichung des Gottesdienstes beitrugen, ja selbst den Tempelbesuchern drückte er mit voller Herzenswärme die Hand und in diesem Händedruck verspürte jeder ein Gefühl des Dankes von demjenigen, der immer zu sagen pflegte: der Tempel ist mein geliebtes Geisteskind und wer zur Pflege dieses meines Geisteskindes beiträgt, dem bin ich Dank schuldig. Tagtäglich, in aller Früh, war sein erster Weg ans dem Familieichause zum Tempel und verschwenderisch direkt labte er sich beim Anblicke des von ihm geschaffenen Gotteshauses. Und auch für den Beobachter war es erquickend mit anzusehen, wie ein Jude eines Jndentumes sich frent. Und nun ist dieser gute Jude nicht mehr. Sein Sitz schwarz und leer und von der Höhe des Josefstädter Tempels flattert die schwarze Trauerfahne^ Beim Anblick dieser 'Trauerfahne und im Bewußtsein, daß sie dem. Präsidenten des Tempelvereines im Wiener 8. Bezirke gilt, trauert die ganze Josefstädter Judengemeinde und an den Gesichtern der vielen Andächtigen des Josefstädter Gotteshauses ist es zu lesen : r pnantpa nbi paa*n bi? ban Wien, 27; April 1913. * * 4- Seite H. Die Wahrheit Nr. .17. und - hüte deine Seele gar .sehr