Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Seite 5. Die Wahrheit liext erlangt hat. Das Provinzial-Schulkollegium als zweite Instanz ist dann in eine abermalige Prüfung dieser Angelegenheit eingetreten. Und wenn es die Wahl schlankweg bestätigt hat, so folgt daraus, daß eben gegen den jüdischen Direktor absolut nichts einznwenden war. Mit diesem Standpunkts so müßte man billigerweise annehmen, hätten sich bie; doch sonst so sehr von der Staatsantorität durchdrungenen Konservativen absinden können. Aber nein, die Sache geht noch Weiler. Abgeordneter von Goßler wollte bereits erfahren haben, daß der Herr in seiner neuen Stellung mit disziplinären Schwierigkeiten zu kämpfen hätte. Einen Beweis hat er allerdings für seine Behauptung nicht erbringen können, zumal da Abgeordneter Eikhofs ihm am folgenden Tage erwiderte, daß nach seinen Erkundigungen davon in Charlottenburg nichts bekannt sei. Herr Eikhofs hatte auch vollkommen recht, als er weiter sagte: Wenn wirklich Schwierigkeiten in dieser Richtung entstanden sein sollten, so könnten sie nur künstlich, d. h. von außen her erzenst sein. Höchst merkwürdig berührte es, daß in diesem Augenblicke der K n l t u s m i ü i st e r nicht in die Debatte eingriff, nur einige Beinerkungeil zugunsten des von ihm bestätigten Direktors zu machen. Er schwieg sich vielmehr in der ganzen Debatte gründlich aus. . Dafür machte der freisinnige Abgeordnete Cassel die Konservativen darauf aufmerksam, daß sie, wenn ihnen die Disziplin wirklich am Herzen läge, taktvoller gehandelt hätten, darauf zu verzichten, solche Bedenken überhaupt öffentlich geltend zu machen, denn es fei kaum zu erwarten, daß durch solche Bemerkungen die Disziplin besonders gestärkt würde. * * * Der in Köln erscheinenden „Rheinischen Zeitung" entnehmen wir folgende Notiz: Ueber die Z irr ücksetzung der Juden in Ban k h ä u s e r n usw. war jüngst hier in einer Versammlung , des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Klage geführt und dabei,behauptet worden, daß die Großbanken Kölns in dieser Beziehung nicht besser daständen als solche Häuser anderwärts. In der letzten Generalversammlung des Schaffhausenschen Bankvereines brachte Aktionär Levy diese Angelegenheit zur Sprache, indem er an den Vorstand die Frage richtete, ob es Tatsache sei, daß an diesem Bankvereine, namentlich an feinem Hauptsitz in Köln, Juden keine Anstellung fänden. Mit der Antwort des Anfsichtsratsvorsitzenden, daß der Bankverein niemals diesen „Grundsatz" ausgestellt habe, gab der'Fragesteller sich nicht zufrieden. Tatsache sei es, daß seit dreißig Jahren beim Schaaffhausenschen Bankverein Inden keine Anstellung sin den könnten, weil das Bankpersonal mit solchen nicht znsammenarbeiten wolle. Als der Aktionär daher an den Vorstand die weitere Frage richten wollte, ob dieser gesonnen sei, von nun an auch Juden anznstellen, unterbrachen lebhafte Schlnßrnfe den Redner, und die Versammlung beschloß, hierüber die Diskussion abzubrechen. Der Redner verließ darauf die Versammlung. H * Zum Gesandten des Königreichs Italien in Kopenhagen wurde Conte di Carubio, ein Jude, ernannt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekleidete bereits ein anderer Jude, Jsak Artom, das gleiche hohe Amt. In einer Unterredung mit einer führenden Persönlichkeit der jüdischen Gexneinde Roms sprach König Victor Emanuel seine Genugtuung darüber aus, daß er einen jüdischen Diplomaten auf einen so hohen Posten berufen konnte. Seit langem fei er überzeugt, daß die Juden gerade für den diplomatischen Dienst hervorragend befähigt sind, und er habe xviederholt beabsichtigt, Juden zn Gesandten und Botschaftern an fremden Höfen zu ernennen, doch zeigten sich die betreffenden Negierungen, darunter auch die eines als entschieden liberal geltenden Staates, abgeneigt, einen jüdischen Gesandten zu akzeptieren. Bloß der König von Dänemark habe der Ernennung eines Juden als Gesandten an seinem Hofe bereitwillig zugestimmt. *. * * Wie sehr böse Beispiele gute Sitten verderben, ist in der Konferenz der französischen Medizinstudierenden, die kürzlich in Paris stattfand,. wieder einmal zutage getreten. Ganz nach deutschen Mustern wurde eine Resolution gefaßt, die sich dem Wortlaute nach zwar gegen alle ausländischen Studenten richtet, in Wirklichkeit aber lediglich die jüdischen Studierenden aus Rußland treffen soll. Die französischen Medizinstudierenden fordern: 1. daß die Ausländer von dem Studium an den medizinischen Fakultäten Frankreichs vollständig ausgeschlossen werden sollen; 2. daß es den ausländischen Studenten im allgemeinen verwehrt sein soll, sich in Paris zu konzentrieren; es sind vielmehr Maßnahmen zu treffen, um ihre Verteilung über die Universitäten der Provinz herbeiznführen; 3. daß künftig Ausländer zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Frankreich nicht mehr zngelasfen werden sollen, selbst wenn sie im Besitze eines französischen Diploms sind, und daß die bereits praktizierenden Ausländer zur Erwerbung des französischen Bürgerrechts und zur Leistung von Militärdienst an gehalten werden. Man sieht, aller Chauvinismus und Deutschenhaß kann es nicht verhindern, daß die reaktionär-antisemitische deutsche Studentenschaft auch in Frankreich Schule macht. Das Gebot der Nächstenliebe. Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Wer kennt es nicht, jenes herrliche Gebot der Thora, den Stolz des jüdischen Volkes, jenes Gebot, mit dessen Predigt das Christentum die Welt eroberte, ohne ihm je zum Siege verholfen zu haben? Wem klingt es nicht wie eine Stimme aus Himmelshöhen, die uns allen zuruft: Hasset euch nicht, streitet euch nicht, vertraget euch unter einander, ihr seid ja alle meine Kinder, also liebet einander! Und wenn ihr nicht alle Wett lieben könnt, so rufe ich einem jeden von ench zu: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! Im Verkehr mit Menschen bringe ihnen Liebe entgegen — das wird auf Gegenseitigkeit beruhen und ihr werdet eine friedliche, brüderliche, glückliche Gesellschaft xniteinauder bilden. — Ist das nicht eine herrliche Lebeusregel? Hat noch je ein Philosoph oder Gesetzgeber etwas Besseres ersonnen? Aber nein, so heißt es ja gar nicht in der Thora, man hat die Worte (Lev. 19, 18) rannt “in1? bisher falsch übersetzt. Es muß vielmehr heißen: „Du sollst deinen Nebenmeuschen lieben als deinesgleichen." So glaubt Herr Oberrabbiner Dr. M. Güdemaun bewiesen zn haben. (Freie Jüd. Lehrerstimme vom 15. März 1913). Gemeint soll damit sein: jeder Mensch ist deinesgleichen, da ja Gott alle in seinem Ebenbilde geschaffen hat. Aber dann müßte sich die Thora etwas deutlicher ansdrücken. So aber versteht jeder darunter etwas Anderes. Der Jude kanu sagen: Meinesgleichen ist nur der Jude, während der Christ seinesgleichen nur im Christen erblickt. Ebenso kann der Reiche den Reichen, der Gebildete den Gebildeten, ja die einzelnen Berufe nur ihre Berufs» genossen als Ihresgleichen axxsehen — wo bleibt da die allgemeine Menschenliebe? Es ist klar, daß die Beweisführung Güdemanns ein Loch haben muß, trotz des Beifalles, den ihm Herr Dr. L. Levy zollt. Wo steckt aber der Irrtum? Um diesen aufzudecken, müssen wir etwas weiter ansholeu. In seinem Kommentar zu Lev. 19, 18 7103 “pnb» nsnm schreibt Wessely, der Freund Moses Mendelssohns: „Wenn der Sinn wäre, daß man jeden lieben soll wie sich selbst, so wäre es sehrwunderbar, daß Gott uns etwas Unmögliches gebietet, und dann läßt sich Liebe oder Haß nicht gebieten, da sie nicht in des Menschen Gewalt sind. . . Daher sage ich. daß das Wort 7»3 gar nicht bedeutet „wie dich selbst", sondern „deinesgleichen", also: du sollst lieben deinen Nächsten, der dir ja gleicht und dir ähnlich ist, da er ja ebenfalls im Ebenbilds Gottes geschaffen wurde, ist also ein Mensch wie du. . . . Es muß also übersetzt werden: Liebe deinen Nächsten, der dir gleich ist. Da nun die Schrift den Grad dieser Liebe nicht bestimmt hat, so gab H i l l e l die Erklärung dazu: Was dir nicht lieb ist. das tue deiuen Nächsten nicht an. . . „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst" müßte heißen -{waas rannt wie es bei Jonathan heißt, er liebte David ivL» (I. Sam. 18, 1 vgl. das. 20,17) wie seine Seel e." Zn diesen Worten Wesselys bemerkt Mendelssohn: „All seine Worte sind zwar sehr