Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 17 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Srüc 4. Die Wahrheil. Nr. 17. tiefsten Verachtung gegen solches Beginnen in gebührender Weise Ausdruck zu geben. Diese Erklärung des Präsidenten wurde von der Versammlung zustimmend zur Kenntnis genommen. * * In der gleichen Sitzung des Knltnsvoistandes, in welcher unter anderem auch der Rechnungsabschluß pro 1912 und der Statntenentwnrf des Verbandes der türkischen Israeliten in Wien zur Annahme gelangte, wurde durch den Knltnsvorsteher Ingenieur Stricker nachstehender Antrag eingebracht, der allgemeines Interesse begegnen und all-seitige Zustimmung finden dürfte: «In Anbetracht des Umstandes, daß sich das Unwesen des Hazard- und Tnrfspieles, auch 1» gewissen Kreisen des jüdischen Mittelstandes und besonders in jugendlichen Kreisen leider unverhältnismäßig stark bemerkbar macht, legt es der Kultusvorstand den Herren Rabbinern und Religionslehreru nahe, beim Unterrichte, bei der Abhaltung von Predigten und bei sonst gegebenen Anlässen diesem Gegenstand gebührende Beachtung zu schenken. Insbesondere werden die genannten Herren Funktionäre ersucht, die Jugend vor dem Spiellaster durch Warnung und Belehrung zu bewahren." * * * ' Anläßlich der ordentlichen Versammlung des ungarischisraelitischen Gemeindedistriktspräsidenten, in welcher unter anderem auch über die /Aufteilung der staatlich bewilligten Dotationen für den jüdischen Kultus beraten wurde, begaben sich sämtliche Teilnehmer derselben zum Kultusminister Bela von Jankovich, an welchen Moriz M e z e i namens des Kongresses folgende Ansprache richtete: Dankbar erkennen wir an, daß in dem der Leitung Ew. Exzellenz unterstehenden Ministerium in letzterer Zeit unsere in den Kreis der Administration fallenden Angelegenheiten mit Gerechtigkeit nnd Wohlwollen erledigt werden. Nichtsdestoweniger ist es aber zweifellos, daß wir ohne gesetzliche Sicherung unserer Autonomie nicht jene Rechtsgleichheit genießen, auf welche wir als rezipierte Konfession rechtlichen Anspruch haben und daß . wir in unserem konfessionellen Leben nicht jener Unterstützung teilhaftig werden, welche der ungarische Staat den übrigen rezipierten Konfessionen in. so reichem Maße zuteil werden läßt. Exzellenz! Es ist Tatsache, daß die Rezeption der israelitischen Konfession derzeit nur im Gesetzbuche existiert, im praktischen Leben aber nicht. Wir sind jedoch nicht vor Ew. Exzellenz erschienen, um hier unsere diesbezüglichen Gravamina und Bitten zu unterbreiten. Das werden, wir zu einem anderen, gelegenen Zeitpunkte ausführlich und mit der erforderlichen Gründlichkeit tun. Jetzt wollen wir nur unserer Freude Ausdruck geben darüber, daß wir Ew. Exzellenz an der Spjtze dieses Ministeriums sehen, ^zellenz! Unsere Konfession leidet seit Jahrhunderten unter der .Wucht der auf ihr lastenden Vorurteile. Um so mehr erfüllt es uns mit dem Gefühle der Dankbarkeit, wenn wir. nunmehr die oberste Leitung der Angelegenheiten in der Hand eines Mannes sehen, an den diese Vorurteile nicht heranreichen und von dem wir wissen, daß er auch uns gegenüber jenes Wohl-, wollen und jene Gerechtigkeitsliebe an den Tag legen wird, mit welchen er die Angelegenheiten der übrigen rezipierten Konfessionen leitet und erledigt. (Begeisterte Eljenrufe). Der Minister, der die Deputation auf das freundlichste empfing, drückte seinen Dank dafür aus, daß die Führer der religiösen und kulturellen Bewegungen der Juden des ganzen Landes bei ihm erschienen sind. Während seiner Amtstätigkeit werde er stets dahin streben, daß die Rechtsgleichheit der Konfessionen auf allen Gebieten zur Geltung gelange, denn vor ihm gibt is nichts Heiligeres, als daß der Staat den verschiedenen Kirchen hren gleichen Pflichten entsprechend, gleiche Rechte gebe. Er ersucht die Erschienenen, ihm ihre konkreten Vorschläge zukommen zn lassen, damit er ehestens in die Lage komme, sich mit diesen Angelegenheiten eingehend zu beschäftigen, die Konfession befriedigende Verfügungen zu treffen und die der Ordnung und der Kultur dienenden Bestrebungen der Konfession zu fördern. Bisher kannte er nur im allgemeinen, die Verhältnisse der jüdischen Konfession, doch wird er bestrebt sein, sich mit denselben eingehender zu befassen und.dadurch das in seine Person und seine Tätigkeit gesetzte Vertrauen zu rechtfertige«. Die Rede des Ministers wurde von den Erschienenen mit enthusiastischen Eljenrnsen aufgeuommeu. Sodann wurden die Mitglieder der Deputation dem Minister vorgestellt, mit denen er eine lebhafte Konversation führte. * In der Budgetkommission des deutschen Reichstags fand eine Aussprache über die Zulassung jüdischer Reserveoffiziere statt. Der Abgeordnete Gochein schnitt diese Frage, wie schon wiederholt, an. Auch der Kriegsminister erneuerte seine früheren Ausführungen. Die Militärverwaltung trete durchaus ein für die völlige Gleichberechtigung, und sei auch jederzeit bereit,^ in jedem einzelnen Fall in eine Prüfung einzntreten. Er sei aber nicht in der Lage, direkt in die Offizierswahl einzugreifen. Auch Vertreter des Zentrums wandten sich mit großer Schärfe gegen die zweifellos vorhandene Zurücksetzung jüdischer Offiziersaspiranteu. Vom Zentrum wurde augeregt, ob nicht die Wahl der Reserveoffiziere dem Reserveoffizierkorps entzogen und dem aktiven Offizierkyrps überwiesen werden könnte. Es würde dadurch manche Beschwerde, sei es über Zurücksetzung einer Konfession, sei es über ungleichmäßige Behandlung ans Politischen Gründen, verschwinden. Gegen diesen Vorschlag hatte...der Kriegsminister Bedenken. Bei der Marine liege die Sache ganz anders, weil die in Betracht kommenden Persönlichkeiten vielfach schon durch ihren Berns als Kapitäne nsw. ihre Qualifikation beweisen, während das aktive Offizierkorps der Armee die persönlichen Verhältnisse der Bewerber nicht kennen würde. Ein Sozialdemokrat verlangte für die Aufnahme in 'bie Kadettenhänser eilte Vorschrift über die Mindestzahl aufziinehmender jüdischer Bewerber. Von freisinniger Seite wurde dem widersprochen, da man in dieser Partei solche Anstalten überhaupt nicht wünsche. Erklärungen seitens des Kriegsministeriums wurden im bisherigen Verlaufe der Aussprache noch nicht abgegeben. * * * Eine andere Angelegenheit, die schon seit einiger Zeit die Antisemiten aller Schattierungen schwer bedrückt hat, ist bei Beratung des Knltusetats im preußischen Abgeorduetenhause, zur Sprache gebracht worden. Es handelt sich um den. bisher in Preußen noch nicht vorgekommenen Fall, daß ein Jude zum Direktor einer höheren öffentlichen Schule (es ist die Mädchenschule in C h a r l o t t e n b u r g) berufen und von der Regierung bestätigt worden ist. Der konservative Abgeordnete von Goßler fühlte sich veranlaßt, darauf hinzilweisen, daß diese Ernennung eine gewisse Unruhe in weiten christlichen Kreisen herbeigeführt, habe. Er bezweifelte ferner, daß der neue jüdische Direktor imstande.sei, sich die nötige Autorität zu verschaffen, um erfolgreich wirken zn können. Der Zentrumsabgeordnete Dr.^H e ß erklärte sich nicht prinzipiell dagegen, daß ein jüdischer Oberlehrer in eine leitende Stelle berufen würde, wollte dieses aber nur für eine Schule zulassen, in der eine größere Anzahl jüdischer Schüler und Schülerinnen vorhanden sei. Wenn man die Zustände anderer Länder mit den unsrigen in dieser Hinsicht vergleicht, fühlt man sich als Dentscher beschämt, - solche Anschanungen ' immer wieder hören, zu müssen. In der Tat ist der Standpunkt beider Herren ans das schärfste zn bekämpfen, . weil er im schroffsten Widerspruch zn den elementarsten Geboten der Gerechtigkeit steht. Die erfolgreiche Verwaltung einer Direktorstelle hat mit der Frage der Konfession absolut nichts zu tun, wie der volksparteiliche Abgeordnete Professor E i ck h off treffend hervorgehoben hat. Wissenschaftliche und pädagogische Tüchtigkeit, besondere Lehrbefähigung, taktvolles, einwandfreies Verhalten innerhalb und außerhalb der bisherigen Berufstätigkeit, das allein sind die Voraussetzungen, die für die Wahl eines Direktors in Betracht kommen. Jeder rechtlich empfindende, nicht von blinden Vorurteilen befangene Mensch wird sich sagen, daß ein Jude diese Eigenschaften ebenso besitzen kann wie ein Protestant oder ein Katholik. Es darf auch als sicher angeuommen werden, daß der Charlottenburger Magistrat sich über alle diese Punkte genaue Informationen verschafft und die notwendigen Garan-