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Die Wahrheit · 1913-05-02 · Heft 17 (2.5.1913) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 17 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Sldmiiiistration: Wien, II/, Nvvaiagasse 27 Televdon: Redaktion 5509|1V. Anabhängige Hertschrift für jüdische Verng»pret»r Ganzjährig.K 14. — Halbiiihrig.K 7.— Äbmiiiifinuioii 4938II. - -Ä. k. üsterr. Moslsparkaffa- Stveck-Noiuo Dir. 100.918. Interessen. Für JhiUii-Sbeunite: iMuiijiiibriit.IC 10- 3nlernte: Die viermal geivalteile Nonvareille-Zeile Heller. Erscheint jeden Isreitag. Für AnShmd: Abonnements- und JusertionslAioiziävrlg.8 Mark betröge find in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottea ist Wahrheit!“ 6 Niivet oder 10 ffre». Nr. 17. Wien. 2. Mai Inhalt : Ans der Woche. — Das Gebot der Nächstenliebe. — Hermann Beck. — Wiener Bibelschulen. — Nene und alte Synagogen-Musik II. — Zn Friedrich Hebbels 100. Geburtstag. — Deutschtum und Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Marga". Aus der Woche. Der Ernst der äußeren Lage hat die Vorgänge auf dem Gebiete der inneren Politik stark in den Hintergrund gedrängt und so sind die neuerlichen Vorstöße der Christlichsozialen und ihre enger geknüpfte Allianz mit den sogenannten Deutschfreiheitlichen geringerem Interesse in der Oeffentlichkeit begegnet, als es in ruhigen Zeitläuften der Fall gewesen wäre. Die Wiener liberale Presse konnte sich über den unter Patronanz des Exliberalen und Exminifters Dr. S ch r e i n e r vollzogenen Frontwechsel der Deutschsreiheitlichen gar nicht erfangen, aber uns hat die Haltung der Herren Dr. Groß und Konsorten gar nicht überrascht, und wir sehen darin nur eine natürliche Entwicklung der Dinge seit Gründung des Deutschen Nationalverbandes. Er hat vielmehr dem Antisemitismus und Klerikalismus, als dem Deutschtum genützt und bei dieser Sorte von Freiheitlichen ist die Liebe zur Freiheit viel weniger wirksam, als der Haß gegen das Judentum. * * * Besonders im niederösterreichischen Landtage fühlen sich die Christlichsozialen allmächtig und so-konnte sich einer ihrer Maulhelden vor Schluß des Landtages ganz ruhig eine Jnvektive gegen die-Juden leisten, die den Kllltusvorsteher, Herrn Dr. Jakob Engel, in der Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde vom 30. April zu folgender Interpellation an den Präsidenten, Herrn Dr. Alfred Ster n, veranlaßte: „In der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom 25. April l.J. stellte ein christlichsozialer Abgeordneter an den Statthalter eine Anfrage „gegen die weitere Verjudung des Richter- und Offiziersstandes". Der Inhalt dieser Anfrage strotzt von Unrichtigkeiten- und müsse als eine direkte Negierung der wirklichen Tatsachen bezeichnet werden, wodurch unschwer eine Erregung in gewissen Bevölkernugsschichten herbeigesnhrt werden könnte. Er halte sich zu dieser Interpellation umso mehr berechtigt, da er als Jurist insbesondere über die bestehenden Verhältnisse bei den Wiener Gerichten Aufschluß zu geben vermag. Hienach sei infolge der jüngsten Pensionierungen das k. k. Handelsgericht bis auf zwei Funktionäre und das k.k. Landesgericht bis ans einen Vorsitzenden vollkommen judenrein, während beim k. k. Oberlandesgerichte, dem Obersten Gerichts- und Verwaltnngshofe nicht ein einziger Jude eine Stelle bekleidete. Die wenigen jüdischen Richter stehen auf einer so hohen Stufe des Könnens und Pflichtbewußtseins, daß die in beregter Anfrage enthaltenen -Verdächtigungen mit Entrüstung zurückgewiefen werden müssen. Es werde daher-, an den Präsidenten der größten mitteleuropäischen Kultnsgemeinde das Ersuchen gerichtet, gegen diese der Wahrheit direkt ins Gesicht schlagenden Behauptungen, gegen diese öffentliche Brnnnenvergiftnng, Stellung zu nehmen." Präsident Dr. Alfred Stern reagierte sofort auf diese Anfrage und vertrat vor allem den Standpunkt, daß eine Interpellation, wie sie der Abgeordnete Wohlmeher im Landtage gestellt hat, sofortnoch in derselben Sitzung eine entsprechende Erwiderung hätte erfahren muffen. Dies umso mehr, als ja auch der Interpellant ganz gut weiß, daß in der Landesverwaltung Niederösterreichs und ebenso wahrscheinlich auch in den Landesverwaltungen der westlichen Kronländer kein einziger Jude auch nur die kleinste Stelle innehat. Er weiß es auch, daß in den Wiener kommunalen Stellen eine förmliche Judenaustreibnng stattgefunden hat, so daß heute dort unter den Beamten sowie unter den Dienern kein einziger Jude sich besindet. Die Verläßlichkeit der Behauptungen Wohlmeyers bezüglich des Richterstandes wurde durch die sehr intereffankell Daten des Kollegen Dr. Jakob Engel bereits genügend beleuchtet. Ich will aber ganz absehen von der Statistik, sondern es ganz klipp und klar erklären, daß es abscheulich ist, den Richterstaud in solcher Weise herabzusetzen und Mißtrauen zn säen. Mir ist kein Fall bekannt, daß jemals einem jüdischen Richter der Vorwurf gemacht werden konnte oder gar gemacht worden sei, daß er sein Amt mißbraucht habe. Noch schlimmer und noch abscheulicher ist das, was Wohlmeyer in seiner Interpellation hinsichtlich des Offiziersstau des zu sagen gewagt hat. Sind ihm denn die heutigen Zeitverhältnisse unbekannt, hat er denn nicht die Empfindung, welche Gesinnung dazu gehört, jetzt, in diesen ernsten Zeitläuften, die konfessionelle Hetze in die Armee zu tragen? Als ich vor 3 Jahren die Auszeichnung genoß, namens der gesamten österreichischen Judeuschast eine Ansprache an Se. Majestät den Kaiser zu richten, waren die Worte, die der Monarch erwiderte, folgende: - „Die israelitische Bevölkerung hat immer eine staats- und gesetzestrene Gesinnung, Ergebenheit für Mein Haus und Anhänglichkeit an Meine Person bekundet." Diese Worte, welche unser geliebter Kaiser bei einer feierlichen Veranlassung und angesichts der Vertreter der gesamten Judenschaft gesprochen hat, prangen hier im Amtshanse in goldenen Lettern und ich glaube, daß der Kaiser, wenn er die Worte, die Wohlmeyer im Landtage gesprochen hat, zu Gesichte bekäme, vom selben Gefühle der Verachtung gegen solche Kundgebungen erfüllt wäre, wie sie heute unsere Versammlung erfüllt. Ich bin auch der Meinung, daß es genügt, unserer

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