Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6 Die Wahrheit Nr. 16. damit häufst du feurige Kohlen auf sein Haupt und Jahve wird^s dir vergelten. Uvd ähnlichWeyn dir emen. deinem Feinde gehörenden Ochsen oder Esel findest, der sich, verirrt hat, so sollst du ihn. znrückbriNgen^ Wenn' du siehst, dag der Esel deines.' Feindes unter, seiner Last znsammenbricht, so. sollst du. davon abstehen, ihn im Stiche zu lassen, sondern sollst, ihm helfen, den Esel zu befreien. ' Dazu weht dnrch.mauche alttestamentliche Verordlinygeü eine starke soziale Mnpsindnng, -die voir Härten.und Ungerechtigkeiten der Hebenslage im einzelnen tiefer griffen wirb., als wir., dies bei Jesus Nachweisen können: So,. wenn der Wncher, ja, jedes Ziusnehmen von den Bolksgenoffen immer wieder verboten und unter Strafe gestellt wird, so, wenn die menschenfreundliche Behandlung der Sklaven und besonders für Sabbathe und Festferern ihre Zurechnung zu der Familie des Herrn, ja alle sieben Fahre für sie ein Jahr der Gnade, das heißt der Freiheit, das sogenannte Erlaßjahr, gefordert wird. Es ist eine andere Frage, ob diese Verordnungen dnrchgeführt sind oder ob sie sich überhaupt durchführen ließen. Aber sie sind ein Beweis für ein tiefes soziales Empfinden, der damaligen Zeit. Zn der Tat also,. es sind hohe religiöse und sittliche Werte, die das Christentum dem Judentum verdankt. Man müßte ja blind sein oder nicht Bescheid wissen, wenn man leugnen wollte. Daß ich zusammeufasse: Das Christentum verdankt dem Jndenttun nichts Geringeres als: 1. den Monotheismus, den Glauben an den einen allmächtigen, gerechten und gütigen Vater und Herrn der Welt; 2. die Loslösung der Religion vom Schein und Zwang und ihre Erfassung als freie Hingabe der Menschenseele an die Gottheit; 3. den Messiasgedanken; 4. die Hoffnung ewigen Lebens; 5. eine Sittenlehre, die Ernst macht mit dem Gebot der Psticht: Du sollst und dn sollst nicht! und die dennoch die freie Persönlichkeit des Menschen immer mehr.schätzt und achtet und ihr zu ihrem Rechte verhelfen will. Das sind die Tatsachen, und ich bekenne frei heraus: hätte die Christenheit dies Erbe sich allezeit rein und unversehrt erhalten, sie hätte sich Manchen Irrweg und manchen bösen Zank und Streit ersparen können. * Rach zwei Richtungen will ich das kurz ausführen. Sie wissen, wie die alte christliche Kirche sich wirklich Kopf und Herz zermürbt hat mit dem . Gedanken der Trinität. Wenn du selig werden willst, heißt es in dem einen Bekenntnis, mußt du vor allem den rechten christlichen Glauben haben; nämlich daß man die Gottheit in drei „Personen" auseinauderdenkt und diese drei dann doch wieder in eins znsammenzuschließen vermag. Wer diesen echten wahren katholischen Glauben nicht unversehrt bewahrt, der soll ewiglich nicht selig werden können. Nun mag es manche Theologen heute noch reizen, die Vereinbarkeit dieses Dogmas mit dem vernünftigen Denken znfümmenzureimen. Das israelitische Empfinden aber wird für diese Plage, die die alten christlichen Theologen sich selbst gemacht, kein Verständnis haben. Da steht ja wie mit granitener Schrift: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir! ' Das wird sich die christliche Gemeinde immer wieder sagen lassen müssen: Ihr mögt den Christus so hoch stellen, wie ihr wollt — er verdient es — ihr mögt ihn ehren und lieben,, ihr sollt es — aber ihr sollt ihn nicht neben den ewigen Vater stellen; denn einer ist Gott, der alte Jahve! Nun die zweite Frage. In manchen alten jüdischen Synagogen hat, wie ich vorhin nachwies, das Messiasbild gelebt, das die christliche Gemeinde annahm: das Bild des leidenden und durch Leben und Sterben vollendeten. Menschen, der durch die Opsertrene bis in den Tod sich ein Anrecht erwirbt auf. jedes empfindsame Herz. Aber die christliche Theologie ist zum Teil wieder ihren besonderen Weg gegangen und hat sich den Kopf zerbrochen, wie der Konflikt zu lösen sei zwischen der Gerechtigkeit des alten Gottes, dyr für die Sünden. Sühne haben müsse, und seiner Liebe, die ihn zu den Sündern hinzog. Und so ist man auf denGedanken gekommen: Für die Gottheit wäre das Blutvergießen 'des Jesus nötig geworden,- damit sie von der Forderung ihrer Gerechtigkeit ablasse und -den Menschen ihre Sünden, vergeben könnte; Jesus habe sterben müssen, um dem ewigen Gott die Möglichkeit dauernder Liebe und Vergebung zu'schaffen und zu erhalten. Demgegenüber muß es dabei bleiben, was, wie Jesus, so.aüch die alten israelitischen Propheten ihrem Volke verkündigt, haben: - Gott vergibt seinen' Kindern, >die sich mit ihm zu heiligem Bnude vereinen und demütig sind vor ihm, ihre Sünde'' ohne Rechtsbedeuken - und Rechlssühne, ohne Opfer und 'Gaben, ans'-freier väterlicher Güte und Barmherzigkeit. Er fordert nicht Gaben und Sühnungen. Er fordert ein demütiges Herz und ein reumütiges Bekenntnis und gläubige Zuversicht. Nur daran hängt seine Gnade, daß eine wahre Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe zwischen ihm und seinem Volke begründet wird und bestehen bleibt. Ja, noch mehr: der Ewige selber ist'es, der diese Gemeinschaft schaffen will, um seiner Liebe und seiner ewigen Friedensgedanken willen. . Er selbst will schenken und opfern, was. dazu nötig ist. Aber er will sich nichts abnötigen lassen, oder seine Liebe nicht wecken lassen .durch Menschenwerke oder Kaufpreis. - . In diesen beiden Richtungen kann gerade das Alte Testament dazu helfen, , auch der Christenheit den .Weg zeigen, zum rechten Verständnis des echten Christentums. Und wenn nun so stärke religiöse und sittliche Verbindungslinien die alte.jüdische und die junge christliche Gemeinde verbinden, dann empfinde ich den ganzen falschen Antisemitismus, um mit dem Worte des großen Dulders, auf dem Kaiserthrone zu sprechen, als eine Schmach. Nicht bloß für dasnennzehnte, nein auch für das zwanzigste Jahrhundert. Es hat ja jeder Volkstypns seine Vorzüge und' seine Schattenseiten. Auch die germanische Art hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Aber der Antisemitismus, der dem jüdischen ' Volke das. Recht vorenthalten will, das ihm stnätsgesetzmäßig zugesichert ist> der ihm den Zutritt zu allen Möglichen Berufen und Aemlern versperrt, der sich dabei noch ein besonders christliches Mäntelchen nimnit, um damit zu prunken, der. ist die Schmach, von der ich gesprochen habe. . Aber überlassen Sie den Antisemitismus schließlich sich selbst. Wir, die wir heute hier zu ernsten Erwägungen versammelt sind, wollen uns lieber wieder auf die reinere Höhe der Gedanken und Empfindungen hinüberretten. Ich denke, ich darf die jüdische und die christliche Gemeinde in allem Ernst einmal anreden nnd bitten: Mögen sie beide eins bleiben und werden in der Ehrfurcht vor der ewigen Macht, die in der Welt waltet und ihre Gedanken durchsetzen will. Mögen wir uns einigen, auch im Vertrauen, daß das Walten dieser ewigen Macht sittliche Ziele und Zwecke verfolgt: Gott nimmt in der Not des Lebens den Menschen in seine Erziehung und in seine Hut, und er hämmert an ihm, daß von dem lauteren Gold die Schlacken abfallen. Seien wir einig, in leiser Hoffnung eines besseren Lebens, das einst seine Pforten vor uns anftnt, und pflanzen wir die Hoffnung am Grabe auf. Und gegenüber manchem leichtsinnigen Fant unserer Tagender da glaubt, sich jenseits von Gut und Böse stellen lind einfach die Wege der Sinnlichkeit wandeln zu dürfen, haben wir Respekt vor dem Gesetz in der. eigenen Brust, vor 'dem kategorischen Imperativ, der da sagt:.Du sollst! und:.Du darfst nicht! Und solange die jüdische und die christliche Gemeinde äußerlich getrennt ihren Weg ziehen, ziehen müssen, so werden die beiden und wir alle doch dreierlei, beherzigen nnd nicht' vergessen dürfen. . Erstens: Wir sind alle, ganz abgesehen-von der Konfession, Glieder eines Volkes, unseres deutschen Vaterlandes, das wir lieben, für das wir zu Opfern bereit sind, wenn die Not der Zeit es erfordert. Zweitens: Wir wollen weitherzig und barmherzig das Recht der bestehenden Konfessionen anerkennen, - aber daran arbeiten, daß religiöser Friede werde. Drittens: Und da darf ich an ein bekanntes Wort erinnern : ' -- . vj. - -