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Die Wahrheit · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6eite 4. Dik Wahrheit. Nc. 15. wissen, daß sie sich dem widersetzen nsid ihnen bei dem leisesten Versuch die Knochen im Leibe zerbrechen würde, worauf davon. Abstand genommen wurde. Immerhin hat die gewissen- und skrupellose Agitation der antisemitische» Hetzpresse in der Provinz ihre Früchte getragen. Am zweiten Feiertage wurden in Mlawa, gegen 11 Uhr vormittags, als noch in der Kirche der Gottesdienst andauerte, Juden, die die Warschanerstraße passierten, von einer Bande Hooligans überfallen und mißhandelt. Bald wuchs die Menge der Ruhestörer auf einige hundert an, die sich in der Stadt zerstreuten, und jeden Juden, den sie trafen, schlugen. In der Stadt entstand eine Panik. Die herbeigernfeue Polizei verhaftete einige der ärgsten Ruhestörer, wurde aber von der Menge mit Steinwürfen vertrieben. Erst das herbeigeeilte Militär zerstreute die Menge. Tagsüber kreisten starke Patrouillen in den Straßen. Die Panik unter der jüdischen Bevölkerung hat sich bis heute noch nicht gelegt. In dein Flecken Stauislawow bei Warschau unterhielt der Jude Dawid Mostek seit Jahren eine kleine Viktnalienhandlnug. In letzter Zeit wurde dort unter dem Einfluß der Boykottbeweguug eine zweite, christliche Handlung eröffnet und die Parole ausgegeben: „Kauft nicht bei dem Inden!" Die Polen befolgten die Parole, die deutschen Kolonisten aber blieben dem Inden treu und ließen sich durch die Agitation nicht beirren. Da nun die Polen gegen die Deutschen nicht aufzutreten wagten — nur dem Schwächeren gegenüber sind sie mutig wie die Löwen —, drangen sie iu Mostek, den Ort zu verlassen, was er natürlich, da er dort seit Jahrzehnten ansässig war, nicht tun wollte. „Willst du nicht gutwillig", sagte ihm ein gewisser Schablewski, einer der Hanptagitatoren, „so werden wir dich schon dazu zwingen". Vor einigen Tagen klopfte es abends, als schon der Laden geschlossen war, an der Tür des Inden. Als dieser öffnete, sah er zwei Personen, in deren einer er den Schablewski erkannte. Er fragte sie um ihr Begehren, erhielt aber statt der Antwort einen Revolverschnß, der ihn leicht am Kops verletzte. Dieser Vorfall hat den Unglücklichen derart erschreckt, daß er tags daraus seinen Laden schloß und nach Warschau flüchtete. Ja, wir leben hier in einem wilden Lande, das hat auch schon sogar der „Knrjer Warszawsti" zugestanden. * * * Das „Berliner Tageblatt" bringt folgende Notiz ans Liegnitz: Ein interessantes Dokument ans der Zeit der Freiheitskriege wurde der Redaktion des Liegnitzer Anzeigers von dem iu Liegnitz wohnhaftem Kaufmann Hermann Naumann überreicht. Das Schriftstück trägt das Datum vom 10. März 1813 und hat folgenden Wortlaut: „Dem jüdischen Handelsmann Herrn Naumann Hochedelgeboren in Loeweuberg, machen wir hiermit bekannt, daß wir Sie, bis auf Bestätigung Seiner Königlichen Majestät, bey der Landwehr des Loewenburg- Bnntzlanschen Kreises zum Lieutenant bei der Infanterie gewählt haben. Sie wollen dann also sich sofort hierher als den 12ten d. Vormittags um 10 Uhr im Hotel du Roi verfügen und bei dem Landesällesten von Tampski melden, welcher Sie weiter anweiseu wird. Wir überlassen Ihnen, Ihrer Behörde von dieser Ihrer Ernennung Anzeige zu machen. Sollten Sie nicht sofort hierher kommen können, so belieben Sie wenigstens uns Ihre Bor- und Zunamen, Alter, Geburtsort auf einen Zettel zu setzen und durch den Ueberbringer dieses zu übersenden. Loeweuberg, d. 10 ten März 1818. Der ständische Ausschuß für Errichtung der Landwehr in dem Loewenberg-Bnntzlanschen Kreise, v. Tampsky. E. v. Schicksnß. Teichmann". Auch heute noch werden die Offiziere der Reserve und Landwehr von dem Offizierskorps ihres Kommandobezirks.ge--, wählt und vom König bestätigt. Man hat noch nie davon gehört, daß der König einen gewählten Inden nicht bestätigt hätte, es wird halt keiner gewählt. Ja, in Zeiten der Not, da, sind die Schultern, die sonst der Packen drückt, wert, die Ofstziersepauletts zu tragen, wenn nur auf den Schultern ein klarer Kopf sitzt und in der Brust ein festes Herz schlagt. Aber iui Frieden — in heutiger Zeit— da ist die. Hand nicht wert den Degen zu führen, die sonst das Metermaß oder den Federhalter regiert — wenn sie zufällig an eines Inden Arm gewachsen ist. Ja, wenn ein Jude auch nur eine Tante hat, die Eier verkauft, so ist das ein Grund, ihn der silbernen Achselstücke für unwürdig zu befinden. Ob es im Falle der Not nicht auch wieder anders wird? * * -i- Ueber die Boykottbeweguug wird von anderer Seite dem „Israel." nachstehendes mitgeteilt. Der Boykott der jüdischen Geschärte durch die Polen wird mit aller Schärfe fortgefnhrt. Die linksliberale, jildeilfrenndlich e, russische Zeitung „Den" hat unter einer Reihe von bekannte n Persönlichkeiten eine Umfrage über die polnisch-jüdischen Beziehungen veranstaltet. Der Deputierte von Lodz. Dr. M. Bomasch, sagte: Die Verschärfung der Beziehungen zwischen Inden und Polen hat ihren Ausgang nicht allein in dem Resultate der Wahlen in Warschau. Schon in den 90er Jahren ist auf beiden Seiten eine Mißstimmung zutage getreten. Das war in einer Zeit, in der viele Juden ans dem Inneren Rußlands ausgeiviesen wurden und sich in Polen niederließen. Diese Inden (die sogenannten „Litwaks") werden als Rnssifiziernngselement betrachtet. Diese Ansicht aber ist grundfalsch. Man wird es den Inden im allgemeinen nicht abstreiten können, daß sie viel zur Förderung des Handels und der Industrie in Polen beigetragen haben. Verteidiger Rechtsanwalt B. G. Olszanowski schreibt den . krassen Wechsel iu den Beziehungen zwischen Polen und Inden den historischen Ereignissen zu und sagt: Weder die Polen noch die Inden tragen die Hauptschuld an den Reibungen, sonderndie Regierung, die den Fremdstäiniuigen Einschränkungen anferlege. Die polnisch-jüdische Frage werde erst daun ihre Lösung finden, wenn den Inden überall das freie Wohnrecht gewährt wird. Verteidiger Rechtsanwalt Sliosberg nennt den Jndenboykott ein demagogisches Verfahren eines Häufleins von Personen, die mit dem kultivierten Teil der polnischen Bevölkerung nichts zu tun haben. Die Kultur .und der Handel Polens haben durch die'Inden nur gewonnen. Lodz habe sich z. B. seit den 90er Jahren ans Kosten Moskaus entwickelt. Das Reichsdninamitglied E. Jagiello, dessen Wahl den ganzen Kampf herausbeschworeu, meint: „Meine Wahl als Vertreter Warschaus ist keineswegs der einzige Anlaß zu dem Judenboykott. Der Antisemitislnns, der ein Kind des kapitalistischen Aufbaues ist, hat besonders seit der Niederlassung der Inden in Polen um sich gegriffen. Meine Wahl hat der christlichen Demokratie, die schon lange den Boykott predigt, Gelegenheit gegeben, ihre Bestrebungen dnrchzusetzen. Der Boykott wird den Zweck, den seine Initiatoren im Auge hatten, nicht erreichen. Unter ihm werden nicht die reichen Inden, sondern die Handwerker, Arbeiter, Ladenbesitzer und Hausierer zu leiden haben. Auch die ärmere polnische Bevölkerung sieht iu dem Boykott ihren Nachteil." Der Petersburger Professor Bodnin de Conrteny hielt dieser Tage einen polnischen Vortrag über die gegenwärtigen polnisch-jüdischen Beziehungen. Der Redner verurteilte, den Boykott und bezeichnete ihn als eine von den polnischen Antisemiten ansgegaugene Judenhetze. — Zehn polnische Aerzte haben der jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaft „Lina Hazedek" in Warschau einen Brief gesandt, demzufolge sie sich kategorisch weigern, in Zukunft jüdische Kranke zu empfangen. Diese Erklärung soll sogar in reaktionären polnischen Kreisen mißbilligt werden. In Sosnow'ice waren infolge des von den Polen solidarisch dnrchgefnhrten Boykotts der jüdischen Kinematographen die Besitzer derselben gezwungen, diese an Polen zu verkaufen. In Lodz, führte die Boykottbewegnng bereits zu wiederholten regelrechten Jndeuhetzen. Wie man hört, hat. das Ministerium des - Innern vom Warschauer. Generalgouveruenr Informationen über die Vorgänge eiugefordert, um Maßnahmen gegen diesen wirtschaftlichen Vernich tnngskampf zu-ergreifen. * * . * Ans. Rom wird berichtet, ba§ Senator Malvano, ein Jude, zum Präsidenten des Staats rates ernannt, wurde. Malvano.

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