Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Sldininistration: Wien. II/, Nvvaiagassr 27 Telephon: Nebaktion 5509/1V. Anabhättgige Serlfchnft für jüöische i&ejtiti.'Hivei*; tUanzjiivna.K 14.— Halbi«id>>a.K 7.— Ndminislranon 493811. K k. ükerr. Nostsvartassa- Scveck-Koiiio Nr. 1V0.9>8.; Interessen. Fiil' N»llnSl>ru,ute: <i'niniiiüri,i.K 10.— Inserate: Dir viermal gcivaltene Noupareilie-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kr eilag. Fiir Ausland: Abonnements- und JmertionS- «MniHliltUiu.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Mottos ist Wahrheit!“ t»!>i»vet oder lt> Are». Ur. 15. »CH. 11. ms. Inhalt: Aus der Woche. — Vierzigjähriges Jubiläum der Israel. Allianz zu Wien. — Zentralverein und Zionismus. — Jüdischer Wanderbund „Blau-Weiß". — Deutschtum und Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Marga". — Die Lwlidarirür gewisser Kantoren. Aus der Woche. Angesichts der krampfhaften Bemühungen der Dentschnationaleu und Antisemiten, auch die Inden Wiens, denen sie sonst gewiß nichts Gutes gönnen, als Mitkämpfer für die „Lex Kolisko" zu werben, verdient die nachstehende Kundgebung des jüdischen Nationalvereines für Oesterreich vollste Beachtung: Einer der wichtigsten politischen Grundsätze des jüdischen Nationalvereines für Oesterreich ist der Kampf gegen die Vergewaltigung nationaler Minderheiten, weshalb er auch die nationale Autonomie anstrebt. Damit ist seine Stellung gegenüber der vom uiederösterreichischen Landtage beschlossenen sogenannten „Lex Kolisko" gegeben, welche den niederösterreichischen Slawen das wichtigste Knltnrmittel, die Schule, nehmen will. Dem Gesetze fehlt noch die kaiserliche Genehmignug, und die deutschnationalen Judenfeinde sammeln soeben Unterschriften für eine Petition, in welcher die Sanktionierung gefordert wird. Selbstverständlich werden hierbei von den Herren Antisemiten jüdische Unterschriften nicht verschmäht, ja, mit großer Zudringlichkeit erbeten werden. Der jüdische Nationalverein erläßt daher einen Ausruf an die jüdische Bevölkerung Wiens, in welchem es unter anderem heißt: „Jeder aufrechte und billig denkende Jude wird die Fertigung d e r P e t i t i o n verweigern. Nicht nur, weil er mit'den deutschnatioualeu Antisemiten keine Gemeinschaft haben will, sondern, weil er nicht Bestrebungen unterstützen darf, welche unter Verletzung der stantsgrnndgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung Ausnahmegesetze gegen die tschechische Minorität in Niederösterreich geschaffen haben wollen. Aus Gründen der Gerechtigkeit und des wohlverstandenen eigenen Interesses sind wir Gegner der Lex Kolisko. Fördern wirke! ne Verletzung der Gesetze! Gerade wir Inden, die wir überall eine kleine Minorität bilden, haben das größte Interesse an der nn v er b rüchlichen nn d a u s n a h m s l o s e n Beobachtung der Staatsgrnndg e s e tz e gegenüber jede rin a n n!" * * * ' Mit Rücksicht auf die letzten traurigen Erfahrungen anläßlich der verheerenden Geldkrise im verflossenen Winter haben die Lemberger jüdischen kaufmännischen Genossenschaften beschlossen, kur Verhütung von ähnlichen Katastrophen in der Zukunft eine große jüdische Kreditbank zn' gründen. Dieses Projekt wurde bekanntlich vor ungefähr zwei Jahren von Samuel v. Horowitz der Jka vorgelegt, die sich bereit erklärt hat. einen solchen Plan auch kräftig zu-fördernwenn in Galizien selbst vor der Gründung von Privatleuten 300.000 Kronen für diesen Zweck aufgebracht werden. Jetzt, endlich durch den großen maleriellen Schaden anfgerüttelt, haben sich die Lemberger jüdischen kaufmännischen Organisationen entschlossen, diese Bedingung der Jka zu erfüllen, und es kann daher angenommen werden, daß der erste Schritt zur galizischen Selbsthilfetätigkeit gemacht werden wird. * * * Im Mai dieses Jahres findet in St. Petersburg der Kongreß des Verbandes der Akademien statt. Die ungarische Akademie hat zu diesem Kongresse den weltberühmten Orientalisten Professor Hofrat Dr. Ignaz Goldziher als ihren Vertreter delegiert. Als man in Petersburg hievon Kenntnis erhielt, war man nicht wenig konsterniert, da doch Goldziher als Jude die russische Grenze nicht überschreiten darf. Die russische Akademie beschloß, au den Zar ein Gnadengesuch zu richten, daß dem Vertreter der ungarischen Akademie das Passieren der Grenze gestattet werde. Professor Goldziher erklärte jedoch, als er dies erfuhr, daß er sich unter solchen Umständen nicht nach Petersburg begeben werde, denn er nehme keine Gnade des Zaren an. Professor Goldziher äußerre sich hierüber folgendermaßen : „Die Mitteilung ist richtig, ich gehe nicht nach Petersburg. Als Mitglied der dortigen kaiserlichen Akademie — es sind schon 20 Jahre her, daß man mich znm korrespondierenden Mitgliede gewählt hat — Hütte ich wohl ein Privilegium zum Passieren der Grenze, ich mache jedoch hievon keinen Gebrauch. Ich liebe meinen gelben Fleck und lege ihn nicht ab und nehme keinerlei demütigende Ansnahmsversngnngen an. Es fehlte noch, daß ich mein russisches Akademikerdiplom zum Konsul tragen, mich legitimieren und für mich eine besondere Gnade, deren meine Glaubensgenossen nicht teilhaftig werden können, erbitten soll." Unter solchen Umständen wird die ungarische Akademie beim Kongresse in Petersburg nicht vertreten sein, da auch Professor Julius König, der ebenfalls delegiert wurde, nicht nach Petersburg gehen dürfte. * # -i- Ueber die für die Juden außerordentlich traurigen Zustände in Rußland wird der „Voss.Ztg." folgendes aus Warschau berichtet: Die katholischen Osterfeiertage in Warschau, denen die jüdische. Bevölkerung mit .Bangen entgegensah, sind ruhig vorübergegangen. Allerdings wurde in dem „Verbände der christlichen Arbeiter", dem der bekannte Pater Godlewski vorsteht, die Frage aufgeworfen, ob es nicht ratsam wäre, die Einförmigkeit der Feiertage durch einen kleinen Pogrom zu unterbrechen. Die übrige Arbeiterschaft ließ die braven Leute