Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1913-04-04 · Heft 14 (4.4.1913) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063674-3063688--08411-3075575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wndrdett Serie 7 Nr. 14 Die deutsche Knust wird da sein, ohne unser geringstes .Zutun und unabhängig von der geographischen Lage, wo der Maler arbeitet.. Lediglich dadurch, daß jeder sein Bestes tut, und zwar jeder ans seinem eigensten Wesen heraus." . Ist das wirklich ein so revolutionärer, das nationale Empfinden so schwer verletzender Standpunkt, daß man ein "Recht hat, die Sezession als die große Verderbenn der deutschen Kunst zu schelten? Etwas anderes wie Corinth verlangt auch .Herr v. Persall nicht, der bekannte temperamentvolle Kritiker ves „Novitäten"- und „Neuigkeitswahnsinus", des „Genie- Kultus" in der Kunst, der in einer Bortragsfolge des Kunstvereins für Rheinland und Westfalen das Wesen der nationalen .Kunst also definierte. „Der Künstler ist national gebunden, teilweise sogar ganz . genau nach dem Stamme, je nachdem ob er z. B. Norddeutscher oder Süddeutscher ist. Wcr kennen von allen Zeiten bis heute chie Unterschiede iunerhalh einer Nation nicht bloß nach Schulen, sondern auch nach der Abstammung der Künstler. Man darf nur die Bezeichnung „national" nicht, wie es ungeschickter- und .zum Teil böswilligerweise geschieht, mit politischen Begriffen verquicken. und denen, die von einer nationalen Kunst sprechen, etwas vorwerfen wollen wie Hurrapatriotismus, Chauvinismus und eine Beschränkung politischer Art. Wenn wir den Ausdruck „national einmal herkömmlich genommen haben, so meinen wir vielmehr damit etwas Angeborenes, etwas Bodenständiges, Gesichtspunkte einer Anschannngsweise, die von uns sozusagen mit der Muttermilch eingesogen worden ist, über die wir nicht chinanskönnen, gerade wenn wir denkende Künstler sind." Max Liebennann hat in einem Geleitwort zu dem Katalog Her Ausstellung: „Das Lebenswerk von Lovis Corutth" den uatio- -nalistischen Klageweibern einige bittere Pillen zu schlucken gegeben. (Schluß folgt.) Alte und neue Synagogen-Mnstk. I. „Was du ererbt von Deinen Vätern hast — erwirb es. um es zu besitzen". Diesen Göthe-Spruch hatte ich mir als Leitmotiv für das Studium jener qualitativ und quantitativ wohl einzig dastehenden Syuagogenmusik-Bibliothek erkoren, die mir nach dem Hintritt meines teueren Vaters und Lehrers •bin zn eigen ward. Wohl an die sechzig Meister verschiedener ° Herren Länder zogen mit ihren eigentümlichen, oft so heterogenen •musikalischen Ausdrucksformen an mir vorüber, und bei vielen gar bedeutenden Werken, älterer wie neuester Zeit, mußte ich unwillkürlich die Frage 'aufwerfen, weshalb diese Arbeiten, die ohne weiteres den Schöpfungen unserer größten Syuagogen- Musiker an die Seite gestellt werden dürfen, ja sie oft qualitativ überragen, zum Teile noch unbekannt oder schon verschollen sind. Wer die Entwicklung des Synagvgen-Gesanges in aller Welt aufmerksam verfolgt hat, dem wird es nicht entgangen sein, daß alle neueren Musiker immer noch unter „Zopf und "Clique" leiden; nicht die Kollegen allein sind hier etwa schuld, nein meistens sind die Gemeinde-Kollegien diesbezüglich reaktionär gesinnt, sie halten das Gebiet der synagogalen Kunst für erschöpft, alles neue wird mißtrauisch angehört und Snlzer oder "Lewandowsky bilden fast immer den Schlußstein dieses Gebietes, dem also jede weitere Entwicklung einfach abgesprochen wird. Wir sympathisieren' ohne weiteres damit, die Goldgruben unserer Alt-Meister gehörig ansznbeuteu, aber unsere ausschließliche' Domäne dürfen sie nicht bleiben; es wird und muß immer Neues -geschaffen werden, weil immer neue Menschen, neue Generationen mit anderen Anschauungen, mit abweichenden Organisationen in Bezug auf den Gottesdienst kommen; Stagnation ist der Tod aller Knnstbestrebungeu, einseitiger Puritanismus kann die Kunst nur hemmen, dem historischen Spleen verschiedener Menschen muß hier energisch entgegengetreten werden. Es wäre doch seltsam, wenn in einer Zeit, die unser ganzes Denken und Fühlen im Leben, wie in der' .Knust mächtig nach vorwärts zieht, die synagogale Musik allein von einem.Fortschritte unberührt bleiben sollte. In meiner 'Aufsatzserie seien daher verschiedene bedeutende ältere und neue 'Meister in Erinnerung gebracht; es würde mich mit großer Genugtuung erfüllen, wenn mir der Beweis gelänge-, daß dieses „Fach" grenzenlos ist, und was in der Musik unseres Gottesdienstes noch geschehen kann, dünkt mich weit wichtiger, als das, was bis nun geschehen ist. Der jüngsten Erscheinung aus diesem Gebiete, 3 liturgische Gesänge von Aaron Fried manu*) sei zunächst gedacht. Schon bei seinem großen Werke nabvb t® hatten wir Gelegenheit, die allgemein musikalisch gebildete, für den jüdischen Traditions- Stil aber vorbildliche Natur Friedmanns zu betonen; daß nun gerade jetzt, in einer Periode, die weniger jüdisch gehaltene Werke produzierte, diese drei eigenartigen Piecen erschienen sind, trägt viel dazu bei, sie in die allgemeine Kulturaufgabe jüdischer Synagogenmusiker mit ungewöhnlicher Macht eingreifen zn lassen. Je länger diese Intervalle der ur-jüdischen Skala (Steiger) nicht gehört worden sind, desto mächtiger müpen sie auf jeden Kenner wirken, zumal sie in eine Form gegossen sind, die schon allein Anspruch auf Interesse erregt. Friedmann vertont zunächst eine Uebersetzung des cnx na tt, dann die Stelle n®a “f? ans dem nns hbz'z von mm nna® und den Psalm -mb anaa. Alle drei Kompositionen geben Zeugnis von einer tiefen Versenkung in das gegebene' Wort, von der Fähigkeit, moderne Kunst mit altjüdischer Tradition zn verschmelzen. Aus diesen Bedingungen resultiert Friedmanus Eigenart: aus dem „chasanischen" Können kommt das freiqnillende Rezitativ, die deklamatorisch vornehme Fassung der Kantilene, die jüdisch-archaistische Wirkung aber fällt Friedmann durch die eminente Sleigerbeherrschnug wohl von selbst in den Schoß. Wie einst Löwenstamm, so hat auch Friedmann den Orgelsatz so stilrein geformt, daß er den Kantor musikalisch etwa so stützt, wie einst anniwa den pn; wundervoll wirkt es, wenn am Schluffe der dritten Piece die Orgel nach F-dur drängt, das scheinbare F-moll der ganzen Piece also vernichtet und auf F-Basis des „disolltadLoll-Steigers" hinweist. Mit der rein technischen Interpretation dieser Gesänge ist allerdings der tieferen Natur Friedmanns nicht beizukommen, man muß mit nötiger Fachkenntnis und Gemütsstimmnng au diese Arbeiten herantreten, nur dann wird die überraschende Wahrheit des Ausdrucks, die seelenvolle jüdische Stimmung zu tage treten, die zwischen Zeilen und Noten schlummert. Von der Zweckmäßigkeit weiterer Analysen bin ich nicht überzeugt, alle Kenner jüdischer Musik seien auf diese Arbeit aufmerksam geniacht, der ich. im Interesse der Weiterentwicklung des Synogogen-Gesanges, die weiteste Verbreitung wünsche. Meine nächste Arbeit gilt den beiden deutschen Synagogen-Komponisten M. Heule und H. Zivi. Oberkantor Singer- Kattowitz. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Predigt im Leopold st ädter Tempel.) Herr Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n wird am Freitag Abend, den 4. April im Leopoldstädter Tempel eine Predigt halten. Wien. (Predigt im B r i g i t t e n a ne r T e mp el.) Herr Rabbiner Dr. Roman Abeles wird Samstag, den ö. d. Vormittag im Tempel XX., Klucky gaffe eine Predigt halten. Wien. Se. Majestät der Kaiser hat den ersten Sekretär der Wiener Knltnsgemeinde Herrn kais. Rat Dr. Th. Lieben das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. Wie». Eine große Zahl von Trauergästen versammelte sich Sonntag den 30. März vormittags auf dem Zentralfriedhofe, um dem jäh verblichenen Arzt und Forscher Privatdozenten Dr. Max Rainer das letzte Geleite zn geben. Außer den Angehörigen, unter ihnen der Schwiegervater de» Verstorbenen. Blindeninstitutsdirektor S. Heller, die Schwäger, Dr. Julius B e r d a ch, Ingenieur Leon E d e l st e i n, Institutsdirektor Dr. Theodor Heller und die Jndnstriellen Direktor Sigmund R o s e n b a u m und Alexander Klein, waren in der Zeremonienhalle'zahlreiche Vertreter der ärztlichen Wisienschast zn sehen, darunter die Umversitätsprofessoren Fleischmaun, Frankl v. Hochwarr Gärtner, v. Halban» Hajek, Herzfeld und Schnitzler, die Dozenten Doktor Foges und Dr. Kaufmann, Frauenarzt Dr. Isidor Fischer, ferner Großindustrieller Knffner. Frau Ottilie Rosenthal vom Blindeniustiturskuratocium, Oberst Garrenzaun, die Institutsdirektoren Urbach und Max Fischer, Bürgerschullehrer Kühner, Direktrice und Schriftstellerin Regine Ulmann, Chefredaklrice der „Wiener Mode" Marie Gelber, Komponist Kafka, Advokat Dr. Reiß, Hofrat Schlag, Regierungsrat Frankfurter, *) Im Seldstverlage von A. Friedmann, firn. Musikdirektor und Hauptkantor in B e r l i u.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.