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Die Wahrheit · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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0eik 4. Die Wahrheit. Nr. 13. einen eigenen Mittelstand entwickeln, findet auch in Ungarn häufig ihre Bestätigung. Als nach Wiederherstellung der Verfassung im Jahre 1867 ein Mangel an geschulten und verläßlichen Beamten herrschte, wurden die Juden - ohne weiteres. angestellt. Bald wurden sie aber in dem Verwaltuugswesen überfiüssig, da sich ein kräftiger magyarischer Beamtenstaud entwickelte, und so wurden sie aus der Munizipalverwaltuug gänzlich, aus der staatlichen Verwaltung fast gänzlich hinausgedräugt. Derselbe Prozeß wiederholte sich aus dem Gebiete des Unterrichtsweseus. Als der Staat vor 30 bis 40 Jahren viele Mittelschulen errichtete, mangelte es an Lehramtskandidaten, und da wurden zahlreiche Juden ernannt. Bald wurde aber diese Laufbahn von Christen besetzt und seither herrscht die Willkür des jeweiligen Leiters des Unterrichtsressorts. Gar oft waren dies Persönlichkeiten, die Juden prinzipiell nicht ernannten, oder nur um den Preis ihrer Taufe, und zwar mit der Motivierung, daß der Staat selbst die christlichen Lehramtskandidaten nicht alle auzustellen vermag, die Juden demnach kein Recht haben, mit solchen Forderungen hervorzutreten . . . Neuestens zeigt sich die gleiche Erscheinung im Beterinärwesen, das im Jahre 1900 verstaatlicht wurde. Bis zu dieser Zeit tonnten sich zahlreiche Inden nubehindert dieser Laufbahn widmen, seither aber ernennt der Leiter des Veterinärwesens prinzipiell keinen Juden. Dies hatte zur Folge,, daß sich im laufenden Schuljahre nur ein einziger Jude als Hörer des ersten Jahrganges der Tierärztlichen Hochschule zu Budapest inskribieren ließ, während diese Hochschule früher mehrere Huudert jüdische Hörer hatte . . . Ohne eine rechtliche Beschränkung der Juden, ohne Gesetze und Verordnungen, ohne Prozeutnorm, nur durch die Verwaltungspraxis wird also eine empfindliche Zurückdrängung der Juden bewirkt. * q- Nachdem auf Antrag Jakob Schiffs in New Jork der in Aussicht genommene jüdische Emigrationskongreß bis ans weiteres verschoben wurde, hat die Petersburger jüdische E m i g r a t i o n s g e s e l l s ch a f t die weitere Vorbereitungsarbeit, insbesondere aber die Schaffung einer jüdischen E m i g r a t i o n s b a n k auf sich genommen. Zu diesem Behufe hat, wie dem „Israel." .mitgeteilt wird, vor kurzem in Petersburg auf Einladung der genannten Gesellschaft eine Konferenz der Vertreter der jüdischen kooperativen Kreditgenossenschaften Rußlands stattgefunden, an welcher 40 Delegierte aus den größten Städten des Reiches teilgenommen haben und nach eingehender Beratung - folgende Resolution gefaßt wurde: „Die Konferenz der Vertreter der kooperativen Kreditgenossenschaften der Städte Moskau. Charkow, Riga, Odessa, Poltava, Nischnij-Nowgorod, Minsk rc. rc. hat den Bericht der Verwaltung der Gesellschaft zur Regulierung der jüdischen Emigration über die Versuche zur Abhaltung eines jüdischen Emigrationskongresses und über die bisherigen Ergebnisse der Arbeiten wegen Schaffung eines Finanzinstitntes zur Regelung der Emigration znstimmend zur Kenntnis genommen." Die Versammlung drückt den einmütigen Wunsch aus, daß in Angelegenheit der längst geplanten Emigrationsbank eine separate Finanzkonferenz einbernfen werde. * * Zur Regulierung der jüdischen Auswanderung richtet im Londoner „Jewish Chronicle" ein Herr Julius Ephraimson aus Bradford einen Appell an die Juden der ganzen Welt, sich zur Gründung einer Organisation zur Regulierung der jüdischen Auswanderung aus Rußland, Galizien und Rumänien zu vereinigen. Mr. Ephraimson verpflichtet sich zu dem hiezu notweudigen Fond selbst 1000 Pfund Sterling zu spenden, wenn sich in der ganzen Welt noch 2000 Juden finden, die zusammen zumindest eine gleiche Summe für denselben Zweck aufbringen. „Nicht daß ich etwa der Meinung wäre", erklärt Herr Ephraimson in seiner Zuschrift, „daß diese Summe für diese große Arbeit hinreichend wäre, ich lege bloß auf die 2000 Inden Gewicht, welche das Rückgrat der Bewegung bilden sollen". Aus diesem Grunde wendet sich Herr Ephraimson besonders Air die jüdischen Gemeinden und deren Rabbiner in den großen Städten wie in New Jork, Paris, Berlin, Wien und Budapest mit der Bitte, die Londoner Inden, die ein Zentrum für diese Bewegung bilden mögen, in dem Unternehmen.zu unterstützen. Allerdings dürfte diese Organisation nicht mit ,alten verbrauchten Mitteln arbeiten, sondern muß neue und modernd Bahnen auf dem Gebiete der $u§tuaubmtupvegu(immg betreten. „Vom Präsidenten Wilson n n b d e m russische n Handelsvertrag erzählt das „Berl. Tagebl.": . . Vor einigen Tagen empfing nach einem Kabeltelegramm ans -Washington Präsident Wilson den Großrabbiner von New Jork, nm mit ihm die Lage der amerikanischen Inden zn besprechen. Hierbei erklärte der Präsident, er werde nie während seiner Präsidentschaft mit einem Lande einen Vertrag abschließen, in dem nicht die Inden die volle Gleichberechtigung hätten. In der Union würden jedenfalls die Juden in jeder Beziehung sich der gesetzlichen Gleichberechtigung zn erfreuen haben. Danach ist aber anzunehmen, daß Präsident Wilson in der Paßfrage nicht die von Rußland gewünschte Nachgiebigkeit zeigen wird. Zur Erkrankung des De. v. Ruder. Wie Brünner Tagesblätter vor einigen Tagen meldeten, hatte Dr. von Ruber, Senats-Präsident des Obersten Gerichtshofes und ehemaliger österreichischer Justizminister, ein geborener Brünner, die Absicht, auf die Osterfeiertage nach Brünn zu kommen, wo noch mehrere Anverwandte leben, und im Hotel De Europa sein Absteigqnartier zn nehmen. Zwei Tage später meldeten dieselben Blätter wieder offenbar offiziell, daß an den betreffenden Hotelbesitzer ein- Telegramm eingelangt sei, daß Dr. v. Ruber infolge plötzlicher Erkrankung seine Reise nach Brünn aufgeöen mußte. Zwei Dinge waren bei dieser Meldung auffallend: Vor Allem, daß mir keiner Silbe angedeutet würde, worin diese plötzliche Erkrankung bestehe ob in einem Katarrh, einen Schnupfen, einer Influenza oder worin sonst; dann war es befremdlich, daß Wiener Blätter, die doch sonst von allem, was in höheren Kreisen vorgeht, besser unterrichtet sind, von einer solchen Erkrankung, des ehemaligen Justizininisters gar nichts erwähnten. Gleichzeitig mit dieser Meldung brachten aber auch die Blätter die Meldung aus Prag, daß dort in dem bekannten vor 15 Jahren durchgeführten Hilsnerschen Ritualmord-Prozeß neue Zeugen, darunter hervorragende Polizeibeamten, Inspektoren und andere ungenannte hochstehende Persönlichkeiten dringende Vorladungen zum Prager Bezirksgerichte, u. zw. auf einen anderen Tag zugestellt erhalten haben. Was war nun natürlicher, daß sich da bei vielen Lesern die Gedankenkombination gebildet, ob denn die plötzliche Erkrankung des Dr. o. Ruber nicht in Zusammenhänge mit dieser Zeugenvorladung stehen mag: denn wie allgemein erinnerlich, hieß es, daß die Haltung des Dr. von Ruber, der damals das Portefeuille des österreichischen Justizministers innehatte, nicht ohne Einfluß auf den Gang des Prozesses geblieben sei. Hatte doch damals der bekannte Abgeordnete Mechaniker Schneider im österreichischen Parlament erklärt, „der Justizminister Dr. v. Ruber sei von den Juden bestochen worden," ohne daß dieser direkt oder indirekt auf eine solche freventliche Beschuldigung reagiert hätte. Ja es brachten damals mehrere Wiener Blätter die Meldung, daß nach dieser Affaire zwischen Dr. v. Ruber und dem Abgeordneten Schneider in einem Wiener Hotel wiederholt Konventikel stattgefunden haben, die zu einem Pact geführt haben, der die Einstellung eines gegen einen Wiener Fabrikantensohn geführten Strafprozesses zur Folge gehabt hätte. Aber weniger die Tatsache, daß Dr. v. Ruber auf die ihm vom Abgeordneten Schneider vorgebrachte Beschuldigung nicht reagierte als die, daß Dr. v. Rnber die ihm in der „Oesterreichischen Wochenschrift" von Dr. Bloch wiederholt und in recht derber Form ins Gesicht geschleuderte Verdächtigung, daß er in den Gang des Hilsnerschen Prozesses eingegriffen, ruhig hinnahm und

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