Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion mid Administration: Wien. Il/l Novaragafle 27 Lelevhon: Aedaktion 5509/1V. ^«abhängige Aertfchrift für jüöische Nerugspreks: G»iizj,id>ig.K 1*.— Halbiädrig.IC 7.— Admiiilsrraiion 4938/11. 8. k. ifterr. Vostsvarkasta- S«eck-»omo Sir. 100.918. Interesse«. Fiic .ic io.— Inleraie: Die viermal gejvaltenr Nonpareille-Zeile 25 gellet. Erscheint jeden Kreitng. Flir A»-lmld: Abonnememsmib Jnsertions- >U>,»zl>»vria.tt Mark betröge tlnb in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ n Dtiioti oder li> Nr 13 ieu, 28. Mär; 1VI3 Inhalt: Aus der Woche. — Zur Erkrankung des Dr. von Ruber. — Die deutschbürgerlichen Regierungsparteien in Oesterreich. — Die Judenfrage in Rumänien. — Kais. Rat Dr. Theodor Lieben. — Zur Czernowitzer Kantoreufrage. — Zur Geschichte der „Familie". — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Ausruf. — Feuilleton: Marga. Abonnements-Einladung. Iie geetjrten Kerren Aöonnenten werden uw umgehende Erneuerung des Köonnements für das am 1. Jauner 1913 öegounene 1. HuartaL ersucht, damit die regelmäßige--Expedition des Mattes k eine Htnterlirechnng erleide. Probenummern gratis zur Verfügung. Ans der Woche Nach jahrelangen, fruchtlosen Bemühungen, in das Dunkel der Hülsner-Affäre Licht zu bringen und die österreichische Justizleitung aus ihrer Passivität zu rütteln, dringt endlich ein Hoffnungsstrahl durch, daß die Wahrheit ans dem Wege ist, und wie die Blätter mitteilen, hat das Justizministerium Vorerhebuugen behufs Wiederaufnahme desHilsnerprozesses angeordnet. Es wurde bereits beim Prager Strafgericht eine Reihe von Zeugen einvernommen und es steht auch die Einvernahme des Hosrates Olic, des früheren Chefs des Sicherheitsbnreaus der Prager Polizeidirektion, irr Arrssicht, der seinerzeit die Vorerhebungen in der Polnaer Mordaffäre geleitet hat. Höchst bemerkenswert ist ein in der Osternummer der Prager „Bohemia" veröffentlichtes Interview mit diesem hohen Polizeifunktionär, der selbst die Möglichkeit der Ermordung der Agnes Hrnza durch Hilsner bestreitet und unter anderem folgendes erklärt: „Ueber Ersuchen der Stadt Polna und mit Erlaubnis der Statthalterei begab ich mich kurz nach Ermordung der Agnes Hrnza nach Polna, um mich an der Suche nach dem Mörder zu beteiligen. Der erste Umstand, der mir außerordentlich wichtig - erschien, war die Auffindung eines Stockes am Tatorte, mit dem der Mörder sein Opfer über den Kopf geschlagen hatte. Es gelang mir, sicherzustellen, daß ein Mann mit hervorquelleudeu Augen den Stock vom Baume abgeschnitten hatte. Dieser Mann wurde uns genau beschrieben. Der damalige Pfarrer von Polna Vlcek hatte ihn gesehen und war ihm mit dem Stocke in der Hand begegnet, auch die Gattin des Gemeindevorstehers von Wiezitschky, einem kleinen Dorfe bei Polna, hatte ihn im Walde getroffen und ihn gefragt, was er da mache, als sie sah, daß er den Stock abschnitt. Darauf habe der Mann geantwortet, daß er Ruten such?. Dieser Mann nun war in der kritischen Zeit in nächster Nähe des Tatortes." Es gelang uns, viele Umstänbe festzustellen, welche dagegen zeugen, daß Hilsner der Täter war. Den verdächtigen Manu haben auch einige Heger aus der Umgebung gesehen, als er sich in den Wäldern hernmlrieb; diese erklärten alle ausdrücklich, als sie Hilsner sahen, daß er mit jenem Mann nicht identisch sei." Auf die Frage des Interviewers, ob man auch gegen andere Leute Verdacht hatte, erklärte Hosrat Olic: „Jawohl, wir hatten sogar gegen andere Leute mehr Verdachtsgründe, als gegen Hilsner. Ich kann freilich niemanden mit Namen ansühren. Sehr gewichtige Verdachtsmomente bestanden auch gegen einen Mann, der sich damals in der Umgebung von Polna ansgehalten hatte. Dieser Mann mußte in späteren Jahren wegen Tobsuchtsansüllen ins Irrenhaus gebracht werden. Ich bin davon vollständig überzeugt, daß der Mann mit dem abgeschnittenen Stocke, den der Pfarrer Vlcek und die betagte Gemeindevorstehersgattin gesehen hatten, mit Hilsner nicht identisch ist. Die Frau des Gemeindevorstehers ist sogar eine klassische Zeugin und mau muß ihr vollständig glauben. Sie kannte Hilsner schon lange vor dem Morde und behauptete mit aller Bestimmtheit, daß jener Manu nicht Hilsner war. Das ist ein unleugbares Faktum. Leider gelang es dem Mörder trotz unseres gründlichen Suchens zu entkommen. Die Einwohner von Polna unterlagen vollständig der Suggestion, daß der Mord aus religiösen Gründen geschehen war, doch ist das nach meiner Ansicht vollständig ausgeschlossen. Den Mord hat wohl jener Mann verübt, dessen genaue Beschreibung wir in Händen hatten und der ganz gewiß nicht Hilsner war. Vergeblich verwies ich damals die Behörden im Laufe der Voruntersuchung und auch später auf verschiedene Umstände. Trotz alldem wurde Hilsner zweimal verurteilt. Es steht fest, daß die stxe Idee von der die ganze Oeffentlichkeit besessen war, zum Urteil der Geschworenen beitrug. Unsere Wahrnehmungen, nämlich die der Polizei, waren dem Kuttenberger Kreisgericht bekannt, leider wurden aber die Aussagen der Zeugen, welche Hilsner als Mörder bezeichneten, für gewichtiger gehalten als unsere, welche von seiner Unschuld überzeugt waren. Ich hege die Hoffnung, daß es gelingen wird, den wirklichen Mörder anszusorschen. Ich und die Zivilwachlente haben unsere Pflicht getan und nach unserem Gewissen gehandelt." lieber die trotz des angeblich liberalen Regimes auch in Ungarn immer stärker zutage tretende Zurücksetzung der Juden in staatlichen Aemtern wird aus Budapest folgendes mitgeteilt: Die bekannte Tatsache, daß die Juden überall und aus allen Gebieten znrückgefetzt werden, sobald ihre Wirtsvölker