Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6 Die Wahrheit Nr. 11. mir zum Teile bereits bekannt und die schwere Demütigung des Judemumes durch die ganz unverhältnismäßig sich allsbreitenden und einander überbietenden Kirchen und Klöster aller Nationen hatte ich bereits resigniert ertragen gelernt. Wir gingen durch das französische Viertel, das gleich hinter dem Hotel Kaminitz beginnt, und unweit der Grabeskirche vorbei, die selbst nach Ansicht christlicher Forscher wahrscheinlich mit dem Grabe Jesu wenig zu tun hat, sondern ans Grund legendärer Nachrichteil an Stelle eines zur Zeit Konstantins dort gewesenen Venus- Tempels erbaut wurde. Wir besuchten das Museum des von französischen Priestern geleiteten Seminars St. Anne und das mit der russischen Jakobus-Kirche verbundene Museum, wo noch Reste der uralten Mauern Jerusalems in den Bau eingefügt zu sehen sind. Wir gingen an der deutschen Erlöserkirche vorbei, die im Jahre 1898 in Anwesenheit Kaiser Wilhelms H. ein* geweiht wurde. Wir schritten durch die Via Dolorosa, wo an so zahlreichen „Stationen" lateinische Inschriften einzelne Vorgänge mit einer verblüffenden Sicherheit in den Details zu erzählen lvissen (VI. Station: „Hic Pia Veronica Christi faciem linteo tersit.“ — „Ecce-Homo“- Bogen: „Ubi Pontius Pilatus Christum Judaeis tradidit ut crucificeretur“) — unbekümmert um alle Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Und als wir ans diesen Gäßchen durch Reihen furchtbar zerlumpter Bettler herauskamen, gerade ein paar Schritte von der Via Dolorosa abbogen, da war auf einmal an einem Hanse ein hebräisches Schild zu lesen, das in großen Lettern die Aufschrift trug: rrnn re'sr. Also hart neben diesen Stätten, wo Millionen Menschen ihre religiösen Vorstellungen mit der Erinnerung an einen Tod verbinden, domiziliert, gleichsam stumme Verwahrung einlegend, eine Jeschiwa, eine Lehranstalt des rabbiuischeu Judentums mit dem hier so prägnanten Namen „Lehre des Lebens". Dem Begründer der Jeschiwa hat jede Polemik ferngelegen, er hat nur eine in unseren Gebeten so häufig wiederkehrende Bezeichnung für die Religion gewählt. Und doch war es wie eine Vision, daß gerade an dieser Stelle die ideelle Ueberlegenheit und das dem Leben zugewandte Prinzip des Judentums kurz und deutlich zum Ausdruck kam. Aber eine bei weitem umfassendere, tröstliche und erhebende Vision sollte bald folgen. Der Tag hatte sich geneigt und wir wauderten durch die winkeligen Gäßchen zu dersogenannten „Klagemauer", um dort am Sabbath-Empfang teilzunehmen und das Abendgebet zu verrichten. Da waren sie vor uns, die ganz gewaltigen Quadersteine — ich habe Steine von dieser kolossalen Größe nur noch in den so viele Jahrtausende alten unterirdischen Ruinen des Sphinx-Tempels bei den Pyramiden gesehen — die nie von der Stelle gewichenen stummen Zeugen aus der Zeit des jüdischen Staates, da die Leviten-Chöre hier nebenan, wo der Felsendom oder wo die Moschee El Aksa sich erhebt, die hebräischen Psalmen zu Ehren des einig-einzigen Gottes sangen, der vom Ansgang der Sonne bis zu ihrem Untergange die Geschicke aller Menschen lenkt. Und vor dieser festen, nimmer wankenden Mauer, die ein so treffliches Sinnbild für die Unzerstörbarkeit des „Restes Israels", für das treue Verharren auf dem heiligen Boden darstellt, sammeln sich die in Sabbath-Gewäuder gekleideten Gruppen der für die reine Gottesidee der Psalmisten und Propheten begeisterten Israeliten. Schon die Tatsache, daß sie sich hier frei versammeln und laut die hebräischen'Psalmen und Gebete rezitieren, ist ein Triumph. In alter Zeit mußten sie sich von römischen Soldaten das Recht erkaufen, einmal im Jahre, am 9. Ab, in die ihnen sonst verbotene Stadt zu kommen, um an den Trümmern des Tempels zu weinen. Und die Kirchenväter sahen (wie schon Hieronymus in seinem Kommentar zu Zephanja) darin eine gerechte Strafe, die ihre Vorfahren auf sich geladen, weil sie Jesum verkauft hätten. „Jetzt müssen sie für das Recht, Tränen zu vergießen, den Soldaten bezahlen." „Ne fletus eis gratuitus sit... et miles mercedem postulat, ut illis flere plus lieeatu. Wer darf hier aber gegenwärtig beim Sabbath-Empfang an Trauer und Jammer denken? Unwissende Touristen und Reiseschriststeller, die nicht die geringe Kenntnis des Hebräischen und des jüdischen Ritus besaßen, haben die Bezeichnung „Klagemauer" und „Klageplatz der Inden" erfunden .— vielleicht, weil sie an Wochentagen hier alte Frauen ans ihren Gebetbüchern weinend lesen sahen. Was aber wirklich hier geschieht, davon hat die nichljüdische Welt keine Ahnung, weil fte. weder von den Gebeten Israels, noch von der Bedeutung deS Sabbaths eine richtige Vorstellung hat. Gedrängt nebeneinander' stehen hier festlich gestimmte Gruppen begeisterter Inden und rezitieren laut die hebräischen Jubelpsalmen' zur Begrüßung des wöchentlichen heiligen Ruhetages, der schon in vormakkabäischer Zeit, unter Ptolemäus Lagt (wie Agatharchides aus Cnidos mit Staunen überliefert) von den Inden mit Gewissenhaftigkeit und Treue selbst im Kriege gehalten wurde und der „zwischen Gott und den Kindern Israel ein Zeichen für ewige Zeiten" geblieben ist. „Auf, laßt uns jubeln vor dem Ewigen", beginnt die eine Gruppe, „laßt uns jauchzen, mit Dankgebeten, mit frohen Liedern den Hort unseres Heiles begrüßen, der sich mächtiger erwiesen hat, als alle gewaltigen Dinge, denen die Menschen göttliche Ehren erweisen". „Einen neuen Gesang laßt uns anstimmen", ruft in Ekstase eine andere Gruppe, den Gesang aller Erdenbewohner! Unter allen Nationen verkündet seinen Ruhm, unter allen Völkern preiset seine herrlichen Werke. Es frohlockt der Himmel, es jubelt die Erde, gewaltig brausend erzählt es das Meer, vergnügt horchen die Felder und alle Bäume des Waldes wiederholen freudig den Gesang: der Gott des Weltalls führt zum Heil die Völker und stützt in Treue alle Menschen". Dicht bei der Omar-Moschee und an der Seite aller jener Wahrzeichen der anderen Tochterreligion, die den Uuterguug, die Auflösung, . die Antiquierung des Judentums zur Voraussetzung hat, mindestens aber in ihrer wissenschaftlichen Theologie eine moralische Inferiorität der jüdischen Lehre, eine nationale Beschränktheit und ethische Rückständigkeit der jüdischen Gottesverehrung zu beweisen sich so sehr anstrengt, wird es laut mit den uralten hebräischen Psalmworten hiuausgernfen: „Beschämt sind die Anbeter der Bilder. Die ihr Gott liebet — hasset alles Gemeine. Licht ist wie eine Saat ausgestreut vor dem Gerechten und Freude wird allen Menschen, die rechtschaffenen Sinnes sind." „Nicht vergessen ist die Huld und die Gnade, die der Herr dem Hause Israel zngewandt und von allen Enden der Welt schaut man das Heil, das unser Gott geschaffen." Und von allen Enden der Erde sind in der Tat in dieser Stunde die Gedanken ungezählter jüdischer Gemeinden auf den Schwingen der Hymne des Salomo Alkabez hieher gewendet. Es ist, wie wenn eine Funkentelegraphie — „die Stimme des Ewigen erzeugend Feuerflammen" — die Betenden hier an der Tempelmauer mit denen in allen Ländern der Zerstreuung verbinden würde. Und von allen Weltstädten, ron allen Zentren der Kultur, aus London und New-Iork, aus Berlin, Paris, Wien, Rom, ans . tausend Gemeinden von Warschau bis Bagdad, von Hamburg bis Kapstadt hallt die Huldigung wieder: „Mikdasch melech, ir melucha!“ „Königliche Residenz, Stadt, zur Herrschaft gegründet, auf, erstehe aus. dem Schutte wieder! Du brauchst, dich nicht zu schämen und zu erröten. Schüttle den Staub von dir - ab. erhebe dich, lege deine Prachtgewänder wieder an, mein Volk!" Und feierlich und freudig verrichten die verschiedenen Gruppen, unabhängig von einander, das Abendgebet, in dem von der'unendlichen Liebe Gottes zu Israel und von dem - unvergleichlichen Genuß gesprochen wird, den die—- von Professor Schürer und Genossen so wenig begriffene — Heiligung des Sabbaths bereitet. Die verschiedenen gleichzeitig erklingenden Sätze vereinigen sich zu einer wunderbaren Symphonie. Neugierig treten langsam am Himmel die Sterne hervor, immer zahlreicher und funkelnder; dieselben Sterne, die schon zur Zeit der Bnndesschließung mit Abraham dabei waren, als ihm versichert wurde : So werden deine Nachkommen sein! Und hellstrahlend erscheint der Mond, ein verläßlicher Zeuge— ed baschachak neeman, sela — der es beobachtet, wie die das Gebet an der merkwürdigen „Klagemaner" beschließenden Inden nach chassidischem Ritus noch Psalm 23 rezitieren: Der Herr ist mein Hirte, mir mangelt nichts. Auf grünen Auen wird er mich lagern lassen, an ruhige Gewässer wird er mich leiten. Er erquickt meine Seele. - .