Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 12. hervorgehoben, daß sich im Kriege mehr Freiwillige als im Frieden gemeldet haben, daß sie beim 2. und 3. Armeekorps zum Teil mit besonderer Auszeichnung gedient haben, wie denn' auch beim 7. Armeekorps ihnen das Zeugnis gegeben wird, sich dem Feinde gegenüber sehr brav benommen zu haben, und vom Generalkommando des 1. Armeekorps angeführt ist, daß ihre im Kriege geleisteten Dienste gelobt würden. Die Denkschrift resümiert sich wie folgt: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als erfahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölternng im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, da sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsverhaltnisse nirgends als ein Hindernis bei dem Kriegsdienste hervorgetreten sind. Nach den Feststellungen des preußischen Kriegsministeriums (Militärwochenblatt vom 4. November 1843) traten in den Jahren 1813—-1815 als Freiwillige 561 Juden ein —- etwa Prozent der im wehrfähigen Alter damals in Preußen befindlichen Juden. Dazu kamen 170Juden, welche ausgehoben lvurden, so daß zusammen 751 Juden den Krieg mitmachten. Leider ist infolge des gewaltigen Andranges zu den Fahnen, der durch die Begeisterung der gesamten Bevölkerung hervorgernfen wurde, eine ordnungsmäßige amtliche Listenführnng damals unmöglich gewesen. Auch war nur in der Minderzahl dieser Listen das Glaubensbekenntnis einzeln angegeben; man machte eben damals keinen Unterschied nach der Religion, sondern nahm jeden Sohn des Vaterlandes, der sich freudig darbot, auch freudig in die Zahl der Vaterlandeskämpfer auf. Die aus den offiziellen Listen eruierte Zahl von jüdischen Freiwilligen muß daher, wenn mau der Wahrheit nahekommen will, mindestens verdoppelt werden. Herr Professor Martin Ph il ipp so n hat auf Grund von unanfechtbarem privaten Material die unvollständigen offiziellen Protokolle ergänzt und in seiner verdienstvollen Studie über den „Anteil der jüdischen Freiwilligen an dem Befreiungskriege 1813—14" im Januar- Febrnarheft 1906 der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" die Namen von im ganzen 392 jüdischen Freiwilligen für 1813/14 ermittelt mit der Angabe Ihres Truppenteiles und der Dekorierungen. Für das Kriegsjahr 1815 sind von ihm in gleicher Weise die Namen von 101 Kriegsfreiwilligen festgestellt worden. Einer der ersten, die mit dem Eisernen Krenz, der höchsten Tapferkeitsmedaille, geschmückt würden, war der Jude Ginsburg. Im ganzen erhielten nicht weniger als 16 Juden das Eiserne Kreuz, ein gewiß sehrrespektabler Prozentsatz. Fontane hat daraus mit Recht gefolgert: „Es war, als ob die jüdischen Glaubensgenossen sich das Wdrc gegeben hätten, der allen Vorstellung von ihrer Kriegs- ‘ nnlust und Untüchtigkeit ein Ende zu machen." Es fehlt uns leider der Raum*) die vielfach historisch oder aktenmäßig beglaubigten hervorragenden Leistungen jüdischer Soldaten wie auch die vielfachen Beweise finanzieller Opferwilligkeit im Einzelnen'anzuführen. Es sei nur daran erinnert, daß selbst Heinrich v. T r e i t s ch k e im 2. Bande seiner Deutschen. Geschichte erzählt, daß eine Reihe jüdischer Jünglinge an den Befreiungskriegen teilgenommen haben und eingesteht: „Die Söhne jener gebildeten Häuser, die sich schon ganz als Deutsche fühlten, taten ehrenhaft ihre Schuldigkeit. Der König und seine Ratgeber hatten auch schon vor Ausbruch des Krieges keine Zweifel gehegt, daß die jüdischen Wehrfähigen in gleichem Maße ihre Schuldigkeit tun würden, wie ihre christlichen Volksgenossen. In einem Erlaß des großen Militär-Reorganisators Gne i s e n a.u heißt es: „Schon jetzt möchte bei der Sektion für den Kultus und .den Unterricht die Veranstaltung getroffen werden, daß Befehle tut" sämtliche Geistliche aller christlichen Konfessionen bereit liegen, wonach diese, bei ausgebrochenem Kriege, die Gemeinden 2) Gleichhaltiges Material hierüber findet sich in der Schrift „Die Inden im H'eere", Verlag des Vereins znr Abwehr des Antisemitismus, 88 Seiten, Preis 0.40 M. in der-Kirche versammeln, über einen passenden Text predigen- Frankreichs Unterjochungsplan mit schwarzen Farben schildern, an das jüdische Volk unter den Makkabäern erinnern, das gleicher Bedrückung widerstanden und dessen Beispiel anfeuern müsse, aus gleichen Widerstand zu denken." Von Wichtigkeit ist auch ein Schreiben des Staatskanzlers v. Hardenberg: „Auch hat die Geschichte unseres letzten Krieges wider Frankreich bereits erwiesen, daß die Juden des Staats, der sie in seinen Schoß ausgenommen, durch treue Anhänglichkeit sich hervortnn. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffeugefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühmlichen Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen, sowie die übrigen jüdischen Elemente, namentlich auch die Frauen, in Aufopferung jeder Art den Christen sich anschlosfen." Hardenberg wird freilich von den Antisemiten als „Judenknecht" geschmäht. Hat doch der Kanzler Preußens schon vor 100 Jahren die heute' noch der Erfüllung durch seine Nachfolger harrende Forderung ausgestellt: „Ich kann kein Gesetz über Juden billigen, das mehr als vier Worte enthält: „Gleiche Rechte, gleiche Pstichten." Das beweiskräftigste Dokument für die ehrenvolle Beteiligung der jüdischen Volksgenossen au den Freiheitskriegen ist aber die Denkschrift, die im Jahre 1842 hergestellt wurde und deren Verfasser kein Geringerer als Theodor v. H i p p e l ist, jener Manu, der die große nationale Bewegung von 1813 durch den „Aufruf an mein Volk", dessen Verfasser er ist. eiugeleitet hat. (S. „Nation" 1890 Nr. 12 S. 180 f.) Theodor v. Hippel hat die große Zeit der Befreiungskriege miterlebt und an eiustußreicher Stelle die Kräfte kennen gelernt, auf die allein ein großes Staatswesen sich für die Dauer zn stützen vermag. In dieser Denkschrift sprach er sich für die volle Gleichberechtigung der Juden und die Zulassung derselben zu den Offiziersstellen aus: „Der Soldatenstand — so schrieb Theodor v. Hippel im Jahre 1842 — hat im Frieden erst einen einzigen Juden, Lehrer der Artillerieschule, zum Offizier befördert und sogar mit einem Orden geziert. Daß es ihnen an Mut nicht fehle, haben hier ersten Vertilgungskriege in Kanaan, ihre Makkabäer, ihre Verteidigung Jerusalems gegen Titus und tollkühnen Rebellionen gegen die Römer, das kriegerischste Volk der Welt, bewiesen. Ebenso läßt sich auf die neueste Zeit unter Napoleon und auf unsere jüdischen Freiwilligen in den Jahren 1813/15 verweisen. Nur Vorurteil kann sie also vom Kriegsdienste und vom Offiziersstande attsschlikßen wollen, gegen den ihre Religion kein Hindernis ist. Ueber Vorurteile aber zu siegen, ist der Beruf eines weisen Königs, dem, ohne Unterschied der Religion und des Standes, jeder Untertan gleich wert sein muß, der Gott fürchtet und seine Gebote hält, oder, mit anderen Worten, ein treuer Untertan ist." Diese Denkschrift eines Mannes, der gerade in diesen Tagen mit Recht gefeiert wird, sollten nicht nur die Antisemiten, sondern auch gewisse amtliche Kreise, die sich von engherzigen Vorurteilen noch immer nicht befreien können, recht aufmerksam durchlesen und — die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Ans dem Wege nach Jerusalem Reisebriefe von Rabbiner Dr. Armand Naminka. (Fortsetzung.) Ern Umschwung in der Stimmung trat am folgenden Tage auf unerwartete Weise ein. Es war noch lange keine Befreiung vom schweren Druck des geschilderten Mißverhältnisses; keine Ausgleichung und versöhnende Erklärung der Dinge, aber die Eröffnung eines Ausblickes auf unverbrauchte, und unermeßliche, sieghafte, moralische Kraft. Wir Hanen Freitag, den 14. Cheschwan (25. Oktober), nachmittags. unter Führung von A. M. L nn cz und David I el l i n eine Wanderung durch die ehrwürdigsten und heiligsten Teile der Stadt unternommen. Die unsauberen, engen Gassen waren