Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Stil? 4. Die Wahrheit. Nr. 12. wohl die einzige europäische Stadt ist, in der Juden nicht wohnen dürfen. Wohl ist ihnen der Verkehr Md Handel in der Stadt gestattet, jedoch sind sie iu bestimmten Straßen an der Peripherie derselben angesiedelt, die aber, um den'Schein der judenreinen Stadt zu wahren, eigene Gemeinden bilden. Fürwahr, die Aera des Ausgleiches in Galizien wird schön eingeleitet und es hat fast den Anschein, daß die ausgeglichenen Polen und Rnthenen nunmehr desto kräftiger auf den Stücken des armen Inden loshauen werden. * Dem vor kurzem zurückgetretenen ungarischen Kultusminister. Grafen Johann Zichy, werden in der „Welt" folgende anerkennende Abschiedsworte gewidmet: Die wechselvollen Vorgänge der ungarischen Politik brachten jetzt den Rücktritt des Ministers für Kultus und Unterricht, Grafen Johann Zichy. Dieser Staatsmann war vor Jahren Präsident der klerikalen und stramm antisemitischen Volkspartei, verließ aber diesen Parteiverband und stand auf Grundlage eines katholisch-konservativen Programms jahrelang außerhalb der Parteien, schloß sich endlich vor drei Jahren der neugegründeten Regierungspartei an. in deren Kabinett, er auch einrrat. Den jüdisch-konfessionellen Angelegenheiten — wie überhaupt allenkonfessionelleu Angelegenheiten—stand er überaus wohlwollend gegenüber. Die staatlichen Zuschüsse zu den jüdisch-konfessionellen Kulrusansgaben wurden während seiner Amtsperiode erheblich erhöht, einzelne Posten sogar verdoppelt. Die jüdische Konfession wird zwar auch jetzt noch sehr stiefmütterlich behandelt, immerhin wurde aber ein Fortschritt erzielt, den man früher nicht erhoffen konnte. Auch die Errichtung eines jüdischen Gymnasiums in Budapest beschleunigte er durch die Gewährung einer staatlichen Beihilfe von 400.000 Kronen. Knapp vor seinem Rücktritt wurde nun bekannt, daß er beschlossen habe, die einzige jüdische Lehrerpräparandie, welche sich bisher in dem etwas altmodischen Gebäude des Rabbiuerseminars befand, in einem neuen, modernen Gebäude unterzubringen. Bis die Verhältnisse die Durchführung dieses Planes gestatten, hat der Minister, um die unbemittelten Zöglinge der Anstalt nach Möglichkeit von ihren Lebenssorgen zu befreien, angeordnet, dnß ein Internat errichtet werde, in dem vom September dieses Jahres angefangen, 30 Zöglinge unentgeltlich, weitere 30 gegen halbe oder volle Gebüureu vollständige Verpsiegung erhalten; die ärmeren Zöglinge werden schon in diesem Schuljahre mit Kost versehen. Die Kosten betragen 29.100 Kronen pro Jahr, die von der Subvention des israelitischen Landesschulfonds und der israelitischen konfessionellen Staatsunterstütznng bezahlt werden. Wie ersichtlich, war dieser streng katholisch-konservativ gesinnte Staatsmann, der niemals mit dem Liberalismus liebäugelte, ernstlich bemüht, auch der jüdischen Konfession Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Anläßlich seiner Ernennung wurden — eingedenk seiner Vergangenheit — Befürchtungen laut, doch enttäuschte er in der angenehmsten Weise. Wir können seinen Rücktritt nur bedauern, da er, im Gegensatz zu den meisten feiner Vorgänger, die sich als stramme „Liberale" gebärdeten, sich als ein Mann der Tat und nicht der Phrase erwies. * * * Im Anschluß an den von Lnzzatti veröffentlichten Aufruf brachte das Berliner Tageblatt auch eine Zuschrift von Dr. P. Nathan Berlin in Sachen der rumänischen Judenfrage. Es heißt in derselben am Schluffe: Die bnlg. Juden haben sich bereits an ihren Kultusminister und an ihren Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit einer Eingabe gewandt, in der auf die Behandlung der rumänischen Juden hingewiefen wird, und in der es dann heißt: „Unter diesen Umständen wäre der Uebergang unserer Glaubensgenossen in dem in Frage kommenden Gebiete (wo es alte israelitische Gemeinden und erhebliche Gruppen ackerbautreibender Juden gibt) von der bulgarischen zur rumänischen Herrschaft gleichbedeutend mit dem Eintauschen bürgerlicher Freiheit und Gleichheit gegen völligen Ausschluß von der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, verknüpft mit moralischer Erniedrigunig." , Daß die Juden Bulgariens gegen.eine solche'Möglichkeit protestieren, wie die nichljüdischen Bulgaren von.ihrem Standpunkt aus es gleichfalls tun, ist begreiflich genug. Träte jene. Entwicklung ein. die Lnzzatticherbeiwünscht — nämlich die Durchführung der Rechtsgleichheit in Rumänien gemäß dem Berliner Vertrage —, so wäre das ein Glück für die Emanzipierten und für Rumänien selbst, das in seinem eigensten Interesse danach trachten sollte, diese offene Wunde ansznheilen. In jedem Falle aber liegt der' europäischen Diplomatie die Pflicht ob, =■ die Rechte jener' Bulgaren, nnd natürlich auch jener bulgarischen Inden sicherzustellen, die im Interesse der Bündnisse europäischer Politik aus den gesicherten Verhältnissen bulgarischen Staatslebens in die recht unerfreulichen und für Inden unerträglichen Zustände Rumäniens hiuübergeführt werden sollen. Dieses neue Opfer, das der orientalische Krieg im Gefolge haben soll, kann die Presse, die Parlamente, die europäische Diplomatie wenigstens verhindern; nnd sie sollte es verhindern. Die Inden in den Kefeeinngskriegen. Bei der bekannten Schmähsncht der Antisemiten ist es nicht weiter verwunderlich, daß sie anläßlich der Debatten in der Berliner Stadtverordnetenversammlung und im preußischen Abgeordnetenhaufe die von dem Abgeordneten Cassel nnd anderen Rednern mit Recht betonte Opferwilligkeit*) und patriotische Hingabe der preußischen Inden in Freiheitskriegen znm Gegenstand einer abfälligen und gehässigen Kritik machen. Diese Verdächtigungen sind freilich nicht ganz neu. Schon Herr.Sanitätsrat Dr. Stile, dessen bekannte Broschüre „Der,Mampf gegen das Judentum" jetzt in einer Auflage von 10000 Exem^ plaren gratis unter die Masse geworfen worden ist, behauptet in feiner Schrift (S. 201): „Meistens werden; dann noch die bekannten Märchen erzählt, daß 1813 eine große Anzahl jüdischer Freiwilliger den Heldentod gestorben seien, daß 1870 jüdische Soldaten in großer Menge mit Löwenmut gekämpft haben. In Wirklichkeit aber liegen die Verhältnisse so: es steht nach den Akten des preußischen Kriegsministerinms fest, daß zur Zeit der Befreiungskriege die Inden sich ans jede Weise möglichst gedrückt und in Wirklichkeit sehr wenige mitgekämpft haben." ' Diese Behauptung ist. wie auch die Antisemiten wissen müssen, eine grobe Unwahrheit, denn die amtliche Denkschrift, die auf Grund von Er,Mittelungen des preußischen Kriegsministers dem Vereinigten Preußischen Landtage von 1847 vorgelegt worden ist. weiß hierüber ganz anders zu berichten. Zwar haben diese Erhebungen zu keinem Resultat von der wünschenswerten Vollständigkeit geführt. Indes wird ausdrücklich *) Den Anfang machte eine Spende des Aeltesten der Berliner jüdischen Gemeinde, Rentier Gumpertz, in der Höhe von 300 Talern, für welchen „Beweis patriotischer Gesinnung" die Königliche Oberregierungskommission den öffentlichen Dank anssprach. Dem Beispiel dieses Mannes folgend, stifteten seine Berliner Glaubensgenossen Marcus Mayer 200 Taler, Israel Frank 100 Taler, Heymann Oppenheim 50 Taler zur Ausrüstung von Freiwilligen. Die Ressource der jüdischen Kaufleute ni Berlin spendete 1445 Taler und verpflichtete sich, jedes weitere Vierteljahr 175 Taler anfzubringen. Diese verhältnismäßig hohen Geldbeträge wurden von einer Gemeinde aufgebracht, die nur 3292 Seelen zählte. Daneben sind noch ungezählte Einzelnbeträge von Berliner Inden gespendet worden: Der Bankier Beer 100 Taler, Michael Beer, der Dichter des „Struensee" und Bruder Meyerbeers. zahlte 10 Taler monatlich. Ein Herr Wolf Liebinanu aus Wusterhausen schickte als Sammlung der dortigen Juden 34 Tuler. Einer Uns vorliegenden Gabenliste der „Boss. Ztg." vom 23. März 1813, die als Extrablatt Nr. 4 herausgegeben wurde, entnehmen wir noch folgende Namen: Kaufmann Lachmauu iu Freystadt (Schles.), Dr Goldstein. Kreuzberg (O.-Schl.), Abr. Oppler, Rosenberg (O.-Schl.). Eme ganz besondere Opferwilligkeit bekundeten die Juden in Gleiwitz. Unter den dortigen Spendern befinden sich eine ganze Reihe von Namen, die auch heute noch dort einen guten Klang besitzen: I. Loewenfeld, Sal. Goldstein, Sal. Troplowitz, Jsr. Landsberger, Dav. Blumenreich, David Loewenfeld. Abr. Lichtwitz, Weinhändler Hamburger. Die Kaufleute Martin Pleßner und Moritz Schweitzer in Hirschberg in Schlesien stifteten die Kosten für die Bewaffnung und Ausrüstung von sechs Jägern. Die jüdische Gemeinde in Zülz steuerte 85 Taler bei. In Breslau brachte die Gesellschaft der Freunde durch Sammlung unter ihren Mitgliedern den Betrag von 863 Talern und 21 Groschen auf.