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Die Wahrheit · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11; : Die Wahrheit .. .; Seite 7. ivas so traurig stimmt.' Daß Unechte und Unwürdige tritt ja -nach den übereittstiittmeudeu Schilderungen so vieler nichtjüdischer Neiseilder gerade bei den anderen Bekenntnissen in Jerusalem noch 'schlimmer hervor. Ich hatte, im Unmut über die Unverläßlichkeit der Personen und Gegenstände, dem sich von allen Seiten anfdrängenden Skeptizismus gelegentlich einem Bekannten -gegenüber mitten in der Stadt durch die Frage Ansdruck -gegeben: „Sagen Sie mir doch nur eines: Ist hier wirklich Jerusalem?" Einige Wochen später, als ich bereits in Wien zurück war mit) dtes erzählte, machte mich ein Freund darauf aufmerksam, daß ganz dasselbe in einem Buche, „Jerusalem", von Selma Lagerlös vorkommt. Der kranke schwedische 'Pilger, Birger Larsson, durch die Vis. Dolorosa getragen, beschwört' seinen Freund Halfvor feierlich, ihn nicht zu betrügen: „Nun mußt du mir auf eines antworten, weil du mit mir verwandt bist. Glaubst du, daß dies das rechte' Jerusalem ist?" Er hoffte, es würde sich, was ihm hier gezeigt wurde, als Scherz -erweisen, damit er die wirkliche Stadt in ihrer Herrlichkeit bald umsomehr bewundere. Was mich niederdrückle, war eine gewisse Hoffnungslosigkeit, die in den Zuständen gerade in Jerusalem zn liegen schien. Schon dieOede der Umgebung hatte eine düstere Stimmung -erzeugt; in der Stadt selbst, wo der Schutt so vieler Epochen -übereinander lagert, wo so selten und spärlich unansehnliche Bäume wachsen, verstärkte der Anblick zahlreicher Steinhansen, in deren Mitte auch schön gebaute Häuser wie in einer Wüste erscheinen, den Eindruck der Sterilität. Nun kam, wenigstens 7während der ersten Tage, der schreckliche Gedanke hinzu, daß der Geist der Bevölkerung mit ihrem Mangel an Halt und Würde, au Gemeinsinn und selbständiger Schaffenskraft auf diesem Boden eine natürliche und kaum zu ändernde Erscheinug sei. Es schien vergebens, hier einen kulturellen Aufschwung zu -erwarten, und grausam stellte sich das Mißverhältnis zwischen .der unermeßlichen Bedeutung des Ortes und seiner kläglichen -Gegenwart dar. Ich glaubte an den Sarazenen nicht mehr, der nach der Sage den Dichter Jehuda Halevi vor den Toren Jerusalems mit dem Hnfschlag seines Rosses ermordet hätte. Mein, die Enttäuschung, muß ihn getötet haben. Jerusalem lebt von den Almosen der ganzen -Kulturwelt. Inden und Christen können im wesentlichen nur durch Unterstützungen existieren. Während aber die anderen sich durch stattliche Komplexe religiöser und charitatiyer Anstalten hervortun, .während die rechtgläubigen Russen einen ganzen imposanten Stadtteil besitzen, die Deutschen, Franzosen und Engländer im ehrwürdigsten Viertel Schutt weggeräumt und saubere Plätze -um ihre Kirchen und frommen Institute geschaffen, gelangt die numerisch so starke und historisch im Boden wurzelnde jüdische Bewölkerung nicht zn Ansehen und Geltung. Das alte Jndenviertel ist in seiner äußeren Erscheinung unsauberer imb abstoßender als irgendein schmutziges Städtchen in Galizien. Aber auch iit den neuen Stadtteilen ist nicht eine einzige Straße, die den Eindruck einer modernen Kulturstadt Hervorrufen würde. Die türkische Mißwirtschaft ist die oft gehörteEntschnldigung. Wenn ich nicht gesehen hätte, wie trotz dieser Mißwirtschaft verständige jüdische Selbsthilfe in den 'Kolonien blühende Oasen zu schaffen, in europäische Straßen und Plätze einzurichten vermag! In Jerusalem fehlt es an historischem Pathos, an poetischem Schwung, an bürgerlicher Solidarität, an einem inneren Bande zwischen den zahlreichen Gruppen, den Fragmenten einer jüdischen Bevölkerung aus aller Herren Länder, die doch hier wenigstens, wo die Augen der ganzen Welt auf ffie gerichtet sind, sich zn einer festen, stolzen, das Judentum den anderen Körperschaften gegenüber würdig vertretenden Einheit znsammenschließen sollten. Jedes Haustein lebt wie auf einer Insel für sich, es kennt nur seine kleinlichen Interessen, seine Einnahmen, - seine Gönner. und Spender in Europa. Klienten dieses oder jenes europäischen-.Vereines, Gelehrte und einfache -Bettler, Fromme und Indifferente, religiöse Eiferer und Gegner aller Religion — jeder sucht auf seine Weise reichliche Gaben aus dem Anslande zu bekommen. „Achab ging ans einem Wege, Obadja auf einem anderen Wege"; beide suchten: den Elias. 'Der Elias für Jerusalem — das ist der unterstützende Wohltäter. ■' Jeremias hatte auf den Trümmern Jerusalems klagend, wenigstens den vollen Sinn des Jammers deutlich erfaßt und in einer befreienden Antithese zum Ausdruck gebracht. „Wie ist sie doch so einsam geworden, dre Stadt, die einst so volkreich war. Ihre Freunde haben sie verraten — sie wurden ihre Feinde". Ich konnte den Sinn der gegenwärtigen Verwahrlosung nicht finden; ich fragte mich vergebens, welcher Gedanke, welcher logische Satz, welche vernünftige Lehre, sei es eine tröstliche, sei es eine traurige, sich aus diesen nicht untergangenen, aber auch nicht würdig erhaltenen Trümmern entschwundener Herrlichkeit ergebe? Wäre hier gar keine Bevölkerung, wären die Reste der alten Mauern weggefegt, wäre nicht ein einziger Stein geblieben, so würde dies bedeuten: Wir brauchen kein irdisches Jerusalem. Ein Psalmvers ist mehr wert als der ganze verfallene Turm Davids. Aber die Stadt ist da, ist bevölkert, wird von den Juden der ganzen Welt durch fürstliche Gaben verhätschelt und kann sich zu keinem würdigen Gefäß des eigenen Ruhmes gestalten. Wäre es nicht besser gewesen, wenn der Ort wirklich ganz verwüstet worden, wenn er von der bewohnten Erde verschwunden und mir in einer leuchtenden historischen Erinnerung erhalten wäre? Und im Gedanken an den Felsendom,' in welchem der „Ewen Sah.essijaL, der sagenhafte Grundstein der Welt, über dem Abgrunde schwebt und nur von der Stelle bewegt zu werden braucht, wenn der Herr eine vernichtende Flut hervorbrechen lassen will, schrieb ich einige Strophen einer hebräischen Elegie: „An Jerusalem. Warum bist du geblieben?" Sie beginnt mit den Sätzen:*) ..Warum bist du geblieben"? heißt es weiter: „Ein viel zu häßliches Denkmal für die im Kampfe Gefallenen, eine Seeleupeiu für die Lebenden, die die Spuren alten Ruhmes bei dir suchen. Wären alle Steinhaufen verschwunden, hätte die Flut den Boden bedeckt, dann wäre dein Name ein reiner Lichtstrahl, deine Vorzeit ein wunderbares Märchen, dein Andenken ein lieblicher Traum geblieben." mann bv)?ms®: nab. rrmp p« bs p-njrn \tb na^i nuwu ab manr bv omn *a -pn ,rrw .renn ,rmrn .yviwrr nap:?mr-in d-d .rrn nrp ,-pp rSi nxbaa ■pn bu?i'323i -piy nm3 na1? \ »tiw *6 "inxm ,-or p* -p-r6i bix ,yv prr,Dpbo pn ,*wn p* ♦nnusP mnrraa w:irr ps Di* -pmi (Warum hat gnädig Er den Grundstein nicht bewegt, Warum ist ans der Tiefe nicht die Flut erschienen? Wozu erhielt er dich, armselig, wüst, zerstört, Lebendiges Trauerlied, du, Eule der Ruinen! Auf Trümmerhaufen ragst du, Zerrbild einer Stadt. Ein Grab verlorener Pracht. Zerfallene Felsenwände. Der Boden ohne Kraft; kein Baum wächst hier, kein Strauch. Und kraftlos ist das Volk, das bettelnd streckt die Hände.) (Fortsetzung folgt.) Rede des Präsidenten der Wiener Kultusgerneinde Dr. Alfred Stern an der Bahre Dr. Maximilian Steiner. -.Di: na: na*3 na Was soll ich sagen, was soll ich reden, wie soll ich das Wort finden, um meinem tiefen Schmerze Ausdruck zu geben, um das Wort zn finden, für die mich überwältigenden Erinnerungen. Sechzig Jahre und darüber, zwei Menschenalter, ziehen an mir vorüber, die Erinnerung an unsere Jugendtage, an jene Zeit, da wir als Studenten der hiesigen Universität hoffnungsfreudig, sorglos in die Zukunft blickten und doch nicht sorglos, denn schwere Wolken hatten sich erhoben und umdüsterten den Horizont. Und da gelobten wir beide und mit uns noch andere Gleichgesinnte, daß, was immer kommen möge, wir treu zn unserem Glauben, unserem Volke halten, ein Opfer der Ueberzeuguug, des Charakters, niemals bringen, den Kampf ums Dasein mutig führen werden. Und dann ersteht wieder ein neues Bild vor mir, als wir beiden junge Leute *) Vollständig erschienen in der hebräischen Monatsschrift „Haschileach“ (Jännerheft 1913.)

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