Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 11. dispeusationis die dazu Erforderliche Jahre dociret werden Können; umb aber auch qvoad jam notus et necdum dispen-' satos Einige Vorsehung So Viel alß möglich zu nehmen, so haben diese Künder oder waißen auß denen Beschneid-Büchern, oder, wo diesse nicht zu Haben seynt, Von Benach Barten zweyeu Christen oder Von der obrigkeit Von nun an ihres alters Halber, weilten Solches Jetzo, ihmmer Ehender alß Pathen Hinzu Erkennen seyn wirdt, Ein Authentisches Attestatum zu Erhöben, und dieses zwar für Jetzo und ins Künftige umb so gewißer zu Befolgen, alß jene Juden, welche mit der gleichen Altestation nicht Versehenseyn worden,' re ipsa Von der Erlaubniß zn Heyrathen auß geschlossen Seyn sollen. Welche Unßere aller Höchste Resolution Ihr also durch nutzere Königl. Creytzhaubtlenthe sowohl der gesambten Judenschafft alß auch denen Jenen obrigkeiten, unter fderen) Jurisdiction Sich Juden befüuden, zu ihrer genauen Beobacht- und Befolgen Bedeuten, und Sie gruudlobrigkeiten zugleich erinnern zu lassen Habt, dass, wenn Von Ihnen die Exspectu Facultatum etatis’axmorura oben Vorgeschriebene Modalitäten nicht stäts genau beobachtet oder mit denen erlaubenden Heyraths Qvoad numerum excedirt werden sollte, Sie, darüber nicht nur zu Verantwortung und straff gezogen, sondern, auch KünftigHinfürsothaneHeyrathen ein gewissen Numerus ausgesetzt werden würde. Allerdings legte der Kaiser für diese Gewährung des Naturrechtes den Inden eine neue Steuer (Potentgeld) auf, welche auf alle Gemeinden Mährens verteilt und in der Weise einbehoben wurde, daß jeder Zweitgeborene, dem diese Freiheit zum Heiraten ja in erster Linie zustatten kam, außer der gewöhnlichen Familientaxe noch drei Prozent der Mitgift vor der Hochzeit entrichten mußte. Immerhin dürfte das Familienpateut mit dem numerus clausus bei Lebzeiten des Kaisers Karl VI. kaum in Wirksamkeit getreten sein. Mit Recht knüpft daher die Tradition das Familienpatent, dessen Schöpfer Karl VI. war, an den Namen seiner Tochter, der Kaiserin Maria Theresia, weil sie es erst mit der ihren Regieruugsakteu eigenen Strenge in verschärftem Maße zur Vollziehung brachte. (Fortsetzung folgt.) Auf dem Wege nach Jerusalem. Reisebriefe von Rabbiner^Dr. Armand Kaminka. IX. ... nTinn b-,rw -y r6striö crrbxn Tjn Jerusalem: Die niederschmetternde Enttäuschung- — Die Stadt Gottes in der tiefsten Erniedrigung. — Elegie: .,Warum bist du geblieben?" —Omar* Moschee, Via Dolorosa u u d Je s cliib a „T o r ath Chajiin“. •— Sabbath-Empfang an der sogenau n ten Kl a g em a u e r. — Lichtvoller Ausblick. Der Ton muß nun gedämpft lverden. Das Bitterste muß von der Seele herunter. Die Erinnerung an eine verzweifelte Stimmung muß festgehalten werden. Vierundzwanzig Stunden nach der Ankunft lag ich' im Hotel Kaminitz steberkrank darnieder, physisch und seelisch gebrochen durch den Eindruck, den das alte und das neue Jerusalem, das lebendige wie das tote, das jüdische, christliche und mohammedanische Jerusalem in gleicher Weise auf mich gemacht hat. Man muß von Jerusalem so erfüllt sein, wie es unsereiner ist, um so in seinem Innersten getrosten zu werden. Lamartine erzählt in seinem „Voyage en Oriente wie die. ersten Erinnerungen seiner Kindheit aus einer alten Bibel mit Bildern, einem Familienerbstück, in ihm das brennende Verlaugeu wachgerufen hatten, mit eigenen Augen die heiligen Stätten der Menschheit zu sehen, und wie er dadurch noch im vorgerückten Alter mit unwiderstehlicher Gewalt sich gedrängt fand,, nach' Palästina 51t reisen. Was wußte Lamartine von der Bibel, die er wie, alle anderen nur in einer Uebersetzung lesen konnte? Hatte er jemals wie ein jüdischer Knabe die ureigenen hebräischen Worte der Patriarchen und Propheten seinem Sinne.eingeprägt und.stich als deren Nachkommen., und Erben gefühlt? Kannte;er die Musik derstesajauischen Reden, die Jerusalem zur wahrhaften „Capitale du Mondeu, zur „Ville-Lumiereu erhoben habenV War er Volksgenosse der langen Reihe von Königen.. die hier residierten, von David, dem ersten Bezwinger der Festung Jebus, bis auf Agrippa, der in Demut seinen vergoldeten Korh mit Erstlingen des Bodenertrages in der Mitte einfacher Bauern zum Tempel trug, um vor Gott deu Dank für das uns geschenkte herrliche Land auszusprechen? Hatten alle nichtjüdischeu frommen Pilger znsanunengenommen, ans welche ja „das Grab" die hauptsächliche Anziehung ausübt, jemals Herz und Sinn für das Leb e n, für das tausendjährige, frisch pulsierende Leben, durch welches dieser Boden für die Juden geheiligt wurde? Hatten ihre Vorfahren diese Stadt mit beispiellosem Heldentum'gegen die Römer verteidigt, hatten sie die Erde mit dem Blute von Myriaden Märtyrer getränkt? Hatten sie geschworen, Jerusalem niemals zu vergessen und seine Wiederherstellung zum täglichen Gebete gemacht? Wenn aber gebildete Christen beim Anblick des Schmutzes, des Verfalles, der Verwahrlosung, der unwürdigen Erscheinungen unter den Menschen, so oft erschüttert wurden; wenn der protestantische Forscher E. Robinson im Jahre 1838 — als die Stadt noch so weit, weit von der Knltnrwelt zn liegen schien —^ schreiben konnte: „In der alten Stadt des Höchsten zu sein und'diese ehrwürdigen Stätten und den Namen unserer heiligen Religion durch solche eitle und lügenhafte Mummereien entweiht zu sehen . . . alles dies erregte in meiner Seele eine unerträglich schmerzliche Empfindung;" — mit welchem Schamgefühl, mit welchem nagenden Kummer sieht ein Jude gegenwärtig, trotz aller in der Neuzeit geschastenen Institutionen,' trotz der ganz fabelhaften Unterstützungssummeu, die alljährlich nach Jerusalem fließen, die heilige Stadt noch immer als eine ihrer stolzen Erinnerungen unwürdige, unsaubere, armselige Bettlerstadt. Die Zahl der Juden ist auf 45.000. gestiegen,, sie bilden die überwiegende Majorität der Bevölkerung, und wie ich allmählich auf Grund umfassender Recherchen feststelleu konnte, werden Jahr für Jahr aus Europa und Amerika für die jüdischen frommen Stiftungen, Lehranstalteu, Krankenhäuser, Vereine und bedürftige Einzelperfoneu aller Art, insgesamt nicht weniger als s ech s Mil lionen Francs geschickt — und doch ist dieses düstere Bild des Elends, der Verwahrlosung, der auf einen permanenten Bettel eingerichteten Bevölkerung geblieben. Einer Bevölkerung, die. nichts, aber gar nichts aus eigener Kraft, in einer, edlen, echten, des Ortes würdigen Begeisterung zur Repräsentation der Weltstellnng des Judentums zu^ schaffen vermocht hat. Was Rabbi Moses ben Nacham im Jahre 1260 bei seinem Besuche in Jerusalem, kurz nach seiner Zerstörung durch die Mongolen, schrieb: „Je heiligere Stätten, eine desto ärgere Verwüstung" Toms "1m1 Din /rem: ty-npan ist noch immer wahr. Die Armut allein ist es nicht, deren Anblick so deprimiert, wiewohl sie angesichts der so riesigen Unterstützungen zugleich ein Symptom völligen Mangels an organisatorischer Intelligenz oder ein Beweis ungerechter und uuzweckmäßiger Verteilung der Gaben ist. In die allgemeine Verlästerung der „Chalnka" konnte ich nicht einstimmen. Im Gegensatz zu Ludwig August Frankl war ich mit den wärmsten Sympathien gerade für die orthodoxen, für die wahrhaft frommen, Thora lernenden und von Unterstützungen lebenden Bewohner nach Jerusalem gekommen. Der Chaluka-Empfänger erschien mir nach allem als der einzige Gentleman; er flunkert nicht, er spiegelt nichts vor.- Er erhebt auf Grund der einzigen Tatsache,' daß er in Jerusalem wohnt, dort die übrige in der Zerstreuung arbeitende und schaffende Judenheit vertritt, „die Mauern hütet"/ Anspruch auf bescheidene Lebenserhaltung. Einen vollkommen begründeten Anspruch/ Warum durften die Bewohner Roms — wie Seneca bezeugt: arme Und reiche, würdige und unwürdige — einfach als römische Bürger ohne jede Gegenleistung alljährlich die von auswärts gebrachten Kornspenden für sich verlangen? •! Die geschäftsmäßige Ausnützung der Pietät, das Fehlen der vorausgesetzten/ tieferen - Religiösität, die Unechtheit der meisten Stätten und Denkmäler und so vieler Behauptungen', die . man ,zn. hören bekommt 7— auch das allein - ist;es uichr,