Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Die Wahrheit Sette 7. Aber - auch der Prophetismus erwachte, wenigstens nach «iiter bestimmren Richlung wieder, und half dann das, was meinst Mose begonnen und Jesaia, Hosea, Micha fortgeführt hatten, vollenden. Gegen das Ende der vorchristlichen Zeit — freilich nicht damals erst entstanden — bildete der messiansche Gedanke den Gegenstand eingehender Erörterung und selbst sehnsüchtigster 'Erwartung, und zwar ebenso im Mutterlande wie in der Diaspora. Die Anschauungen von dem Messias gingen zwar weit auseinander, die gesetzestrene jüdisch-hellenistische Synagoge — ich folge hier im wesentlichen den Angaben von M. Friedländer, „Synagoge und Kirche" — erwartete einen himmlischen Messias, der das an allen Enden und Ecken der Erde zerstreut lebende jüdische Volk, nachdem es sich zur reinen Gottesverrhrung empvrgelänrert, sammeln und in die Heimat znrücksühren .wird. Dahin werden dann alle Völker der Erde, angezogen durch -das von dem Gottesvolk gegebene hehre Beispiel wallen, um gemeinsam mit Israel ans Zion den einzigen Gott anzubeten. Emen ebenfalls himmlischen Messias, eine Emanation des Höchsten Gottes, erwarten die gesetzessreien Synagogen: aber nicht politische, sondern religiöse Freiheit soll er bringen und chen Menschen die Erkenntnis des höchsten unbekannten Gottes -erschließen. Wieder andere, beispielsweise die Nazaräer, erhofften von 'dem Christus weder Volksbefreiung, noch die Auflösung, sondern die Erfüllung des Gesetzes und die Erlösung von der Sünden- Hein. die durch Adam ui die Welt gekommen. Sie sahen in ihm den leidenden, für die Erlösung der sündigen Menschen Schmach mnd Schimpf erduldenden und sich opfernden Messias, wie ihn -einst der zweite Jesaia in einem Augenblick höchsten prophetischen Schauens gesehen: er wird wie ein Lamm zur Schlachtbank .geführt, um den Menschen den Weg zum Himmelreich gtt erschließen. — Dieses Messiasideal wurde das der Gemeinde Jesu. Sehr stark wird um die Wende der Zeitrechnung auch mit dem Gedanken des Weltendes gearbeitet, besonders auch in tzer sogenannten apokalyptischen jüdischen Literatur. In ihr .erscheint der Messias einfach als der Weltrichter. Unbestechlich ist der Richter, der nun den Namen Menschensohu führt. Nltr die 'Frommen kommen ins Paradies, das himmlische Jerusalem mit feinen allerdings unansdenklichen Freuden. Die Gottlosen aber werden zu grenzenloser Qual in den Feuerofen geworfen. Und alle, die Lebenden und die Toten, müssen vor diesem Richter -erscheinen. Es liegt auf der Hand, wo dieser Gedanke, irgendwo ernsthaft gedacht und begeistert verkündet, mehr als alles andere den nationalen Charakter alter jüdischer Frömmigkeit dnrch- Lrechen und den einzelnen mit dem schweren Bewußtsein der 'Verantwortlichkeit für sich selbst und all sein Tun und Lassen dnrchdringen mußte; wie dieser Gedanke aber auch zugleich dem .einzelnen das Bewußtsein seines Wertes erhöhen konnte, eines Wertes, denk die Hoffnung des ewigen Lebens den stolzesten 'Ausdruck verlieh. Sv viel über die religiösen Verbindungslinien, die von der jüdischen Religion zu der christlichen hinübersühren. Auch die Sittenlehre Jesu hat starke Wurzeln im Alten 'Testament. Er spricht zu seinen Jüngern: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, anfzulöseu, sondern zu erfüllen! — Diese programmatische Erklärung betätigt Jesu oft genug im Einzelfall. Ein Jüngling kommt itnd fragt: Was muß ich tun, daß Ich das ewige Leben erwerbe? — Und Jesus verweist ihn ein- -fach auf den Weg der alten Gebote. Ein Schriftgelehrter stellt die gleiche Frage und erhält die gleiche Antwort: Wie steht im -Gesetz geschrieben? Wieder ein Schriftgelehrter will das vornehmste Gebot im Gesetz kennen lernen. Jesus teilt es in zwei Teile: Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, und deinen Mitmenschen wie dich selbst!— In diesen beiden Geboten, so betont er, hänget das ganze Gesetz und die Propheten. Aber diese beiden Gebote hat Jesus wörtlich ans dem Alten Testament herüber- Lenommen; sie sind also in ihrem Wortlaute nichts Neues. Auch sonst finden sich Anklänge oder auch Gleichklänge mit den Weisungen Jesu im Alten Testament genug. Wie dieses redet Jesu immer wieder vvn dem Lohn oder der Strafe menschlicher Taten. Wie Jesus kämpfen die großen Propheten Israels gegen die äußerliche Wort- und Knltusgerechtigkeit, in der man ein vollendeter Heiliger, aber das Gegenteil von einem wahrhaft-Gott wohlgefälligen Menschen sein könne. Wieder und wieder zeigt die Sittenlehre des alten Testaments echt menschenfreundliche Züge. (Schluß folgt.) Eine moderne jüdische Anthologie. Bou Rabbiner De. M. Nosemnamr. Ein prächtiges Buch, wert, daß für dasselbe mehr^ mals die Werbetrommel gerührt werde, und dies umsomehr, als der Name desselben wie der der Herausgeber von irreführender Bescheidenheit i st. „B a u ste i n e zur Uu t e r h a l tu n g u u d B e l e h r n n g. aus jüdischer Geschichte u n d j n d l s ch e m Leben" lautet sein Titel, als Herausgeber zeichnet „eine Jugends ch r i f t e n k o m m i s s i o it" der israel. Religionslehrer Württembergs mit dem Hanptlehrer Th. Rothschild in. Eßlingen an der Spitze. Allein ebensowenig Julius Caesar seine Werke für Untergymnasiasten geschrieben hat, ebensowenig gelten die von Leo Tolstoi (Legenden, dem Talmud nacherzählt) oder von Professor Lazarus (Ans einer jüdischen Gemeinde vor 50 Jahren) stammenden Kapitel dieses Buches u u r für die Jugend. Nein, alt wie jung, Eltern wie Kinder können sich an diesem Werke in gleicher Weise erfreuen, das keinesfalls bloße „B a n ft e i n e", sondern vielmehr einen gediegenen modernen R u h m e s b a u des Judentums bildet. Von zwei im Buche enthaltenen Erzählungen, literarische Kunstwerke und zugleich unleugbare Zeugnisse für die reine Ethik des Judentums, wagen wir die Behauptung, daß sie trotz ihrer verhältnismäßigen Kürze ganze Bände a n f w i e g e n. Wenn in einigen Monaten die Deutschnationalen Oesterreichs bei der bevorstehenden Feier des siebzigsten.Geburtstages Peter Roseggers in gewohnter Weise den größten Lärm schlagen sollten, um ihn für ihre rein arisch-germanischen Interessen in Anspruch zu nehmen, dann mögen die Juden im antisemitisch verseuchten Egerlande oder im rassigen Steiermark dafür Sorge tragen, daß Rosegger „Judeubaum" (S. 55—60) in den freisinnigen Lokalblättern zum Wiederabdruck gelange. Nicht sobald hat ein Nichtjude die Menschenliebe des verfolgten Juden so verherrlicht, wie dies seitens dieses bedächtig wägenden Dichters geschah. Diesen kostbaren Schatz aus einem 1883 erschienenen, längst verschollenen Kalender gehoben zu haben, ist das hohe Verdienst der Herausgeber. Aber durch die zweite, vom russisch-jüdischen Dichter Perez stammende Erzählung: „Wenn nicht n o ch höher!" (S. 131—4), aus der „Jüdischen Universalbibliothek" entlehnt, ist in ihrer einzigen Art eine Ruhmeshymne des Judentums, die es wohl verdiente, in alle modernen Sprachen übersetzt zu werden. An diese beiden Dichter reihen sich würdig an die nichtjüdischen : S t r i n d b e r g, M ü n ch h a n s e n, die jüdischen : Zangwill, Hugo Salus, Münz, sowie die älteren An erb ach, L. A. Frankl, in gebundener Form und ungebundener Form. Die großen historischen Momente des Judentums sind im Buche wiedergegeben durch Vorführung von: M o s e (M. Beermann), I u d a H a n a s s i (R. Treitel), Simon b e n Joch a i (M. Lazarus). I s ak Ab r a b an el (N. Zedner), Prager Judenfriedhos (L. Jerabek), „Die Juden w ä h r e u d der f r a n z ö s i s ch e n Revolution" (H. Graetz). „das Jahr 1813" (JsakLöwenthal von Löwenberg) und „das Jahr 1848" (Mannheimer vom Referenten). Eine lange Reihe von Perlen ist hier aufgereiht, manche von