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Die Wahrheit · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrbeit Nr. 10 zirksvorsteher in Meidling Karl D o n n e r, . Ober-Fiuanzrät Dr. Josef P a wlitz a, kaiserlicher Rat W i lh e lm, Staatsbahnen-Jnspeklor Josef Steger und kais. Rat Spiegel,. Hofrat Doktor M a r r s ch, Hofrat .Doktor S ch l a g. Vizedirektor dev: lluiversitäM-Bibliothek Regierungsrat Dr. F r a n kfu rt e r, Dr. H o l z m a ii «, Professor Dr. Ritter v. W ei l e n, Dozent Dr. Julius Z a ppe r t, : Direktor des israelitischen Spitales Dr. Karl Fleisch m a n n, die Professoren Dr. S. Kraus, M. Kanitz, Dr. Heinrich P o l l a k, Dr. Kupfer und Dr. M. Rosenfeld. Oberlehrer Jakob Ko h n. Hof- und Gerichtsadvokvt Marcell Hofman n, Maler D. Koh n, Mediziner Dr. S t ö ck l, die Judustriellen Julius Wolf und Max Paul-Schiff, Ingenieur Max W a h l b e r g, als Vertreter der Israel. Allianz Wilh. Pappen hei m, die Präsidentin des Hietzinger Franenwohlrätigkeilsvereines Frau Krenberger und ihre Stellvertreterin Frau Z i r n e r, eine Anzahl Zöglinge des jüdischen Heimstättenvereines rc. Nachdem vom Oberkantor Don Fuchs, vom I. Kantor Math as und dem Chorpersonale die Trauergesänge zum Vortrage gebracht worden waren, wurde der Sarg auf die isr. Abteilung des Zentral-Friedhofes geführt. JnderZeremonienhalle hielt derPräsidentDr.Alfred Stern einen tief empfundenen Nachruf. Es sprachen ferner der Inspektor für den Religionsunterricht an Mittelschulen Rabbiner Dr. I. Tag licht für die Religionslehrer an Mittelschulen, Inspektor Professor Kanitz für die Religionslehrer an Volksnud Bürgerschulen und Obergymnasiast Lermer für den im Sinne der Reformvorschläge des Verewigten gebildeten Schülerausschuß. Unter den wehmütigen Klängen der liturgischen Gesänge wurden hieraus die sterblichen Reste Dr. Maximilian Steiners zur ewigen Ruhe bestattet. Er ruhe in Frieden. Mas verdankt das Christentum dem Judentum?*) Bon Immanuel Heyn, Pfarrer an der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche m Berlin, M. d. R. (Fortsetzung.) . Und doch war in der Hand der Vorsehung auch das Gesetz mit seinen tausend Verordnungen ein Mittel, nach einer gewissen Seite hin den religiösen Gedanken auch über das Verständnis der Propheten hiuauszuführen, nämlich die Einzelpersönlichkeit in ihr volles Recht einzusetzen. Dies war den großen Propheten Israels noch nicht völlig klar geworden. Ihnen ging es wesentlich um die Seele, um die Zukunft ihres Volkes, und au den Heilsraten Jahves hatte nicht'der einzelne, nicht der Mensch als Individuum teil, sondern der Volksgenosse. Aber schließlich will doch der einzelne als Einzelwesen, das in dem großen All wenig bedeutet, seines Lebens, seines Glückes, seines Gottes gewiß werden. Und selbst wenn mein Volk von der Faust seines Feindes furchtbar niedergeschlagen am Boden liegt, ich einzelner muß und will dennoch versuchen, mir ein erträgliches Leben zu zimmern. Hier hals in einer Beziehung tatsächlich das Gesetz. Es ließ den einzelnen zu seinem Rechte kommen Insofern: Gesetz und Satzung kann niemand für mich erfüllen, das muß ich selber tun. Je ernster also die sittlichen Forderungen wurden, je enger das Leben des Menschen von Zeremonien, Sitten, Bräuchen umsponnen wurde, desto nachdrücklicher wurde auch die Kraft des einzelnen in Anspruch genommen. Er erwachte zum Bewußtsein seiner selbst. Diese höhere Wertschätzung der einzelnen Persönlichkeit setzte sich allmählich besonders in der einen Frage durch: in der nach dem ewigen Leben. Ursprünglich waren es keine lichten Bilder, die an dem Auge des Israeliten beim Gedanken an das Jenseits vorüberzogen. Im Leben fröhliches Loben, jenseits des Grabes ewiges Schweigen! Immer wieder schlagen die Psalmen, das Buch Hiob, die Schriften der Propheten solche Töne an: das Jenseits ist der Abgrund, da es stockdick finster ist, und wenn es in ihm heil wird, so ist es wie die Nacht. In der Erde liegen sie alle miteinander, Würmer decken sie zu; da unten liegen sie wie die Schafe, der Tod weidet sie. Ist kr Mensch einmal dahin gefahren, dann gibts kein Erwachen, kein Aufslehen, keine Wiederkehr..Die Hölle lobt Gott nicht. Der Tod rühmt ihn nicht. Die in die Grube fahren, warten nicht auf Gottes Wahrheit; unter ihnen.kann Gott kein Wunder tun, die Toten erheben sich nicht, Gott zu danken. Und darum erschauert die Seele der alten frommen Israeliten geradezu beim Gedanken an frühes Sterben, denn das ist die Strafe der Gottlosigkeit. Der Frömmigkeit Lohn ist langes Leben auf Erden! Daher der flehentliche Ruf: Gott, nimm mich nicht hinweg in der Höhe meiner Tage! ■ Allmählich aber fällt Licht in das Dunkel. Hiob, der schwer geprüfte Mann, von seinen Freunden mißverstanden, und gerichtet, getröstet sich: Wenn sein armer am Anssatz jammervoll hinsiechender Leib zerfallen sein wird, gerade dann, nach seinem Tode wird ihm Heil wiederfahren und seine Unschuld au den Tag kommen. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert ist der Glaube an Auferstehung und ewiges Leben Gemeingut des Volkes — ausgenommen vielleicht die Saduzäer, von denen es heißt: sie leugnen Engel, Geist, Auferstehung. Aber es -ist doch nicht mehr fraglich, nein, es ist völlig ausgeschlossen, daß diese Wetterführung prophelischer Gedanken nur durch die mittelbare Wirkung des Gesetzes erfolgt wäre. Sie wäre nicht erfolgt,- wenn nicht eben die gesetzlich vorgeschriebene, ich möchte fast sagen, orthodoxe Synagoge, eine außerjerusalemische, von hellenischem Geiste beeinflußte, freier gerichtete Synagoge getreten wäre und wenn nicht der Prophetismus selbst später wieder aufgelebt wäre. Es war von jeher Eigenart der Juden, überall, wohin sie kommen mochten, eigene Gemeinden 31t gründen. Und wenn sie sich auch lebhaft an der Kulturarbeit der Völker, unter denen sie sich ansiedelten, beteiligten, sie oft mit Begeisterung förderten, als religiöse Gemeinschaften behaupteten sie sich dennoch. Um aber dieses religiöse Leben auch fern von Jerusalem, dem bleibenden heiligen Mittelpunkte der Nation, pflegen und fördern zu können, erbauten sie sich, wo ihrer nur eine größere Zahl znsammensaß, ihre Synagogen. Besonders in den Zentren griechischer Kultur begegnen wir während der letzten vorchristlichen Jahrhunderte einer weitverbreiteten jüdischen Diaspora. Diese Berührung der jüdischen Synagogemit der griechischen Kultur wirkte in doppelter Beziehung. Ohne Selbstüberschätzung durfte sich der Jude sagen, daß die Riten seiner Religion reinerund tiefer, daß die Forderungen seiner Moral ernster und sittenstrenger seien als die vielfach grobsinnlichen Kulte und lasziven Grundsätze des Heidentums. Gerade der Vergleich mit dem Heidentum bestärkte dem Judentum das Bewußtsein seiner Erwählung, der göttlichen Sendung eines Mose und der anderen großen Propheten. Auf der anderen Seite bewahrte die Bekanntschaft mit den Anschauungen und Leistungen des geistig hochstehenden Griechentums die hellenische Synagoge vor der Erstarrung und Absonderung, der der Pharisäismus die jüdische Synagoge entgegenführte. . Je entfernter vom Tempel in Jerusalem, desto selbständiger entwickelten sich die Diasporagemeinden, desto geistiger wurde Gottesverehrnng und Gottesdienst. Das Gesetz der Väter, ihnen von Gott durch Mose gegeben, blieb auch ihr Heiligtum. Aber dasGesetz wurde freier ausgelegt und zeitgemäß gedeutet. Die altsabbathlichen religiösen Versammlungen, die am siebenten Tage in den Synagogen vom Morgen bis an den Abend gehalten wurden, waren der Erbauung und der Belehrung, oder, wie der gangbare Ausdruck bezeichnenderweise lautete, dem „Philosophieren" gewidmet. Aber die Vorträge dieser Art hielten, nicht durchweg die Priester, die ans den Buchstaben pochenden und jede freie Fassung erstickenden kultischen Beamten, sondern die ..Erfahrenen der Gemeinde", gebildete Männer, aller Art, Heimische oder Fremde, wer nur etwas zu sagen wußte von den Dingen, die jedes ernste, fromme Gemüt beschäftigen. So wurde in der hellenisch beeinflußten Diasparo dev Nationalismus und Partiknlarismns des pharisäischen Judentums allmählich zum l Universalismns erweicht und erweitert, das Gesetz und der l Gottesdienst vergeistigt.

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