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Die Wahrheit · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10. , J ■ Die Wahrheit_Seite b. , Zu einer Trauerknndgebung haben wir uns heute hier versammelt,'zn> einer Kundgebung. die bei mir persönlich die. Gefühle tiefsten Schmerzes und wahrer Trauer auslöst. Ist es doch ein Jugendfreund, ein Sludieugenosfe. Dr. Maximilian S/t e i n e r, dessen Tod wir zu beklagen haben. Doch nichr meine persönlichen. - überaus schmerzlichen Empfindungen , dürfen hier an dieser Stelle zum Ausdrucke kommen, nur seine überaus segensreiche nnd vielseitige Tätigkeit als Mitglied dieser Körperschaft kann Gegenstand unserer Kundgebung sein. Dr. Maximilian Steiner war eines der ältesten Mitglieder unseres Vorstandes, in dem er znm erstenmale im Jahre 1885 gewählt wurde und dem er seit jener Zeit ununterbrochen angehört hat. Im Vertreter-Kollegium wirkte er feit dem Jahre 1696. Was er dem Vorstande, was er der Gemeinde gewesen, was er erreicht und vollendet, was er mit feinem umfassenden Wissen angestrebt und was er initiiert hat, das steht mit unvergänglichen Leitern in der Geschichte unserer Gemeinde geschrieben. Die Pflege des Gottesdienstes lag ihm besonders am Herzen und insbesondere die Erhaltung des traditionellen syuagogalen Gesanges und dessen Bewahrung vor Auswüchsen,' die ihn damals bedrohten. Und so ist es seiner Initiative zu danken, daß der „Schir Zion" als Basis des Gottesdienstes in unserer Gemeinde erhallen geblieben ist. Seine ganze große Liebe für den traditioneÜen Gottesdienst findet in einer schönen, vortrefflichen Broschüre Ausdruck, die der Verewigte anläßlich des Hundersten Geburtstages Salomon Sulzers veröffentlicht hat. Er war'Obmann der I. Kommission, die sich hauptsächlich mit der Pflege des^Gottesdienstes zu beschäftigen hat, und da hatte er Gelegenheit, seine Anschauungen über den Gottesdienst zur Geltung zu bringen. Dem Bethansvorstande gehörte er schon viele Jahre vor seinem Eintritt in den Vorstand an. Den Angelegenheiten des Unterrichtes wandte er seine intensivste Aufmerksamkeit zu. Er war das eifrigste Mitglied der Unterrichtskommission, die ihm eine Fülle von Anregungen verdankt. Von den großen prinzipiellen Fragen des Religionsunterrichtes bis in die kleinsten Einzelheiten derselben, jedem einzelnen Zweige dieses großen Gebietes wandte er die weitgehendste Sorgfalt zu. Bei keiner Sitzung dieses Komitees hat er jegefehlt nnd fast für jede dieser Beratungen hatte er Anregungen und neue Vorschläge für die Verbesserung des Religionsunterrichtes. Seine größte Arbeit ans diesem Gebiete betrifft eine grundlegende Reform des Religionsunterrichtes an Mittelschulen, eine Arbeit, die ebensosehr für sein profundes Wissen, für seine ungewöhnliche Belesenheit und nicht zuletzt für seine glühende Liebe zum Judentume das glänzendste Zeugnis ablegt. Der von ihm ausgearbeitete Reformlehrplan wird gegenwärtig erprobt, und mit welcher Liebe er den von ihm inaugurierten Schülerkonferenzen folgte, bewies er, als er noch von seinem Krankenlager, seinem Totenbette, ans Verfügungen traf, daß diese Schülerkonferenzen, denen er immer persönlich anwohnte, nicht der Aufsicht entbehren mögen, auf daß das Werk, dem er die letzte Zeit seines Lebens trotz seines hohen Alters mit jugendfrischer Begeisterung weihte, nicht leide. ' Mit derselben Liebe wandte er sich der Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes zu, so wie er mit peinlicher Genauigkeit die Hunderte von Jnspektionsberichten über den Religionsunterricht studierte, aus ihnen ein anschauliches Bild über den Stand desselben gewann nnd Anregungen für die Verbesserung des Religionsunterrichtes schöpfte. Die historische Kommission verdankt seiner Anregung ihr Entstehen und unter seiner Obmannschaft erstanden eine Reihe wertvollster Arbeiten für die Geschichte unserer Gemeinde. Die Anregung zu den von der Gemeinde alljährlich veranstalteten Vorträgen ans jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur ging von ihm ans. Das Hauptgebiet seiner segensreichen Tätigkeit bildete die A r m e n P s l e g e. Wie auf allen anderen Gebieten, auf denen er sich betätigte, so war er auch auf dem Gebiete der Armenfürsorge .richtunggebend, stets auf Verbesserungen, Reformen bedacht, Seiner schon im Jahre 1892 gemachten Anregung, betreffend die Zentralisierung des jüdischen Armenwesens unserer Gemeinde verdankt unser Wohltätigkeitsamt seine Entstehung. Fast zur selben Zeit hat unsere Gemeinde, auf Grund eines von chm ausgearbetteten Elaborates, behufs Herabminderung der Sterblichkeitsziffer -jüdischer Kinder die Prämienzahlung an die Pflegeparteien von Findelkindeen eingeführl, eine Einrichtung, die ihren Zweck auch tatsächlich erreicht und auch außerhalb der Wiener Kultusgemeinde mit Erfolg Anwendung findet. Geradezu Hervorragendes hat Dr. Steiner hinsichtlich der Fürsorge für die verlassenen Kinder geleistet, die, abgesehen von der Unterbringung einer großen Anzahl jüdischer Pflegekinder in den mährischen Judengemeiuden, zur Gründung und Schaffung einer „Heimstätte für verl assen e Kinder" geführt hat. Seit jeher beschäftigte er sich mit dem Plane der Errichtung eines jüdischen Kinderspitales, das er für so wichtig hielt, daß er es, bauend auf den nie versagenden Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen. sogar mir den ursprünglich vorhanden gewesenen unzulänglichen Mitteln errichtet sehen wollte, und noch einige Tage, bevor ihn das tragische Unglück ereilte, stattete er mir einen Besuch ab, um mit mir alle Einzelheiten der Kinderspitalsfrage zu besprechen und seine besonderen Wünsch wegen Berücksichtigung der Säuglingsfürsorge mir ans Herz ze legen. Seine letzte große Arbeit war ein eingehendes Elaborat über die Einführung der B e r u f s v o r m u n d s ch a f t, das Vorschläge enthält, welche unseren Vorstand noch beschäftigen werden. O'ioki rrfen iTTnm ,mn Das waren die drei Grundzüge einer alle Gebiete unseres Gemeindelebens nmfassenden fruchtbaren Tätigkeit, von der ich durch die wenigen Worte, mit welchen ich sein Wirken schilderte, ein nur unvollkommenes Bild Ihnen emrollen konnte. Wer Zeuge war der unermüdlichen Hingebung, des unverdrossenen Eifers, womit er sich den Arbeiten der Gemeinde widmete, der wird die Größe des Verlustes, den unsere Gemeinde erlitten, ermessen, den tiefen Schmerz, der uns erfüllt, begreifen können. Es wird mit uns allen, die mit dem Dahingeschiedenen in jahrzehntelanger Arbeit für das Wohl unserer Gemeinde tätig waren, ihm ein unvergängliches Andenken bewahren. ..Das sind die Rechnungen", "iipa rfen so schließe ich mit den ersten Worten des dieswöchentlichen Wochenabschnitles, das ist die große Abrechnung einer Tätigkeit, deren Umfang und Bedeutung zn würdigen, meine Worte hinreichen, die dem Verewigten nicht nur bei uns, seinen Zeitnnd Arbeitsgenossen, sondern auch bei kommenden Geschlechtern in unserer Gemeinde ein unvergängliches, ewiges Angedenken sichert! Das Leichenbegängnis fand unter sehr reger Beteiligung am 4. M., nachm, um 3 Uhr, vom Trauerhanfe aus, Günthergasie 2, statt. Im Trauerhause waren die Familienmitglieder des Verstorbenen versammelt. Unter den Leidtragenden waren zu sehen : Der Präsident der isr. Knltusgemeinde Dr. Alfred Ster n, Vizepräsident Dr. Gustav K o h n, die Vorstandsmitglieder Prokurist Richard B e t t e l h e i m. Professor Dr. S. E h r m a n n, Moritz E i ß l e r. Architekt Jakob G a r t n e r. Emanuel G r i'm w a l d. Ernst § i r f ch, Dr. Isidor S a m u e l y, Doktor Heinrich Schreiber, Phil, und Jnr.-Dr. Markus Spitzer. S. Steiner. Oberingenieur Stricker, Dr. Ehrlich, kaiserlicher Rat Jonas Weil und Max Z i r n e r, die Mitglieder des Bethausvorstandes Dr. Münz, Theodor Kohn, kais. Rat Leopold Sachs Edler von Sachsenhall und W a s s e r v o g e l. die Vorsteher der Chewra-Kadischa S. G o l d m a n n nnd Jakob K a n n. Sekretär Dr. Emil Adler mit dem gesamten Beamtenkörper (Erster Sekretär kaiserlicher Rat Dr. Lieben befindet sich fern von Wien aus Urlaub), der Vorsteher. der Armenanstalt M. A. P o l l a k, sowie der Sekretär derselben Isidor P o l l a k, die Rabbiner Dr. Max Bach, Dr. Max G r u n w a l d. Dr. Armin Abeles, Dr. Täglicht, Dr. Kaminka und Kramer, Oberkantor Morgenstern. I. Kantor Maurice Kaufm a n n, der Präses des israelitischen Tempelvereines im IX. Bezirk Gottlieb Bettel he im, in Vertretung des Asylvereines für Obdachlose in Wien Vizepräsident Ober- Baurat Karl H o l z e r, die Mitglieder des Vorstandes Be-

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